Radarlöcher, Blitze und Triebwerks­ausfall

2. Juni 2009, 17:42
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Blitzschläge machen Flugzeugen in der Regel nichts aus, und der Airbus A330 galt bisher als sehr sicher

Kurt Hofmann recherchierte, was zum Unglück geführt haben könnte.

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Frage: Können ein Blitzschlag und heftige Turbulenzen ein Flugzeug zum Absturz bringen?

Antwort: Trotz Blitzschlags und heftiger Auf- und Abwinde in Gewitterzellen sollte normalerweise kein großer Schaden entstehen. In den vergangenen 50 Jahren wurden in der zivilen Luftfahrt zwei Abstürze durch Blitzschlag registriert. 1963 betraf das eine relativ neue Pan Am Boeing 707 und in den 80er-Jahren ein Regionalflugzeug in Deutschland.

Frage: Könnte ein Blitzschlag dennoch gefährlich werden?

Antwort: Es gibt in der zivilen Luftfahrt jedes Jahr tausende Blitzschläge bei Verkehrsflugzeugen. Ein Gefahrenpotential durch Blitzschlag könnten vielleicht die Luftöffnungen zu den Treibstofftanks an den Tragflächen sein. Aber Erfahrungswerte gibt es dafür keine. Nach einem heftigen Blitzschlag kann man an der Außenhaut des Flugzeuges Narben feststellen, da in so einem Fall zigtausend Volt die Flugzeugzelle durchfahren haben. Antennen und dergleichen können eventuell beschädigt wurden.

Frage: Kann ein Verkehrsflugzeug ohne Hilfe der Motoren segeln?

Antwort: Ja, aber nicht sehr weit. Bei einem bestimmten Sinkflugwinkel kann es aus zehn Kilometer Höhe vielleicht 200 Kilometer gleiten. Faktum ist, je schwerer ein Flugzeug ist, umso besser gleitet es.

Frage: Immer mehr Flugzeuge werden mit größeren Mengen Verbundstoffen hergestellt. Leiten diese Blitzschläge weniger ab?

Antwort: Der Airbus A330 besteht zum Teil aus derartigen Verbund-stoffen und bisher hat es damit keine Probleme ergeben. Bei den neuen Flugzeugmodellen, wie der Boeing 787 oder dem Airbus A350, wo der Verbundstoffanteil um ein Vielfaches höher ist, wird diese Frage sehr wohl berücksichtigt.

Frage: Sollten nur Flugzeuge mit vier Triebwerken über den Atlantik fliegen? Der Airbus A330 hat nur zwei.

Antwort: Heute ist die technische Zuverlässigkeit der Triebwerke derart groß, dass Flüge über weite Strecken unbewohnten Gebiets oder Meere mit zweistrahligen Jets geflogen werden. Hierbei muss ein Flugzeug ETOPS-mäßig ausgerüstet sein. Mittels ETOPS (Extended-range Twin-engine Operation Performance Standards) können Verkehrsflugzeuge Strecken mit nur einem funktionstüchtigen Triebwerk bewältigen und laut Zulassung mit einem Triebwerk noch 207 Minuten fliegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch das zweite Triebwerk ausfällt, ist minimal.

Frage: Wie gefährlich sind Gewitter im Südatlantik?

Antwort: Am Äquator bilden sich immer wieder starke Gewitter, tagsüber und in der Nacht. Die Piloten wissen das und richten ihren Weg darauf ein. Beim Flug AF447 hatte die Gewitterzone angeblich Ausmaße von 200 bis 300 Kilometern - vielleicht hätte man diesen umfliegen müssen. In tropischen Gegenden kann man aber nicht immer ausweichen, da sich Gewitterzellen extrem rasch entwickeln.

Frage: Wieso gibt es keine komplette Radarüberwachung?

Antwort: Radar ist zu Erkennungs- und Ortungsverfahren auf optische Sicht beschränkt, also eingeschränkt durch Hindernisse, wie etwa Berge. Die Impulsstärke eines Radars liegt bei 300 Meilen, dann ist die Radarerfassung vorbei. Bei Flugstrecken, wie etwa zwischen Brasilien und dem Senegal, ergibt sich somit ein langer radarloser Abschnitt, weil es technisch nicht möglich ist, diesen zu überbrücken. Flugzeuge verkehren auf solchen Routen mit größeren Sicherheitsabständen. Funk ist immer vorhanden.

Frage: Gehört der Airbus A330 zu den sicheren Verkehrsflugzeugen?

Antwort: Absolut. Über 600 A330 sind bei 72 Fluglinien im Einsatz und haben 13 Millionen Flugstunden und 3,3 Millionen Flüge absolviert. Ein allein mit Piloten und Technikern besetztes Testflugzeug stürzte 1994 in Toulouse ab. (DER STANDARD - Printausgabe, 3. Juni 2009)

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