Der abgesagte Wandel

2. Juni 2009, 18:17
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Auf Pasolinis Spuren in die Gegenwart: "Nerolio", "Comizi d'amore" und "Improvvisamente l'inverno scorso"

Am 2. November 1975 wurde Pier Paolo Pasolini ermordet - unter Umständen, die bis heute nicht vollständig geklärt sind und die nach der vermeintlichen(?) Aufklärung sowie ein Jahrzehnt nach der Entstehung von Aurelio Grimaldis Film "Nerolio" (1996) wieder in Zweifel gezogen wurden. "Nerolio" ist aber ohnehin keine Biographie, sondern zeigt in drei Schwarz-Weiß-Episoden, die an Pasolinis Leben angelehnt sind, einen namentlich nicht genannten "Maestro" an der Schnittstelle von Film und Literatur, gespielt von Marco Cavicchioli.

In der mittleren und längsten trifft der Meister, der zuvor seine zynischen Ansichten über die Liebe ins Diktaphon gesprochen hat, auf den jungen Autor Valerio. Es bleibt die einzige Episode mit der Möglichkeit zu wirklich persönlichem Kontakt, doch auch der ist durch die versteckten Absichten der beiden Beteiligten von vorneherein dazu verurteilt, in wechselseitigem Missbrauch zu enden. Die abschließende Episode zeigt die Ermordung des Protagonisten durch einen Stricher zu den Klängen von Henry Purcells "Cold Song" - ein dunkler Brückenschlag zurück zum Beginn, als der Meister am Strand aufgelesene Männer zu Barockmusik aus dem Autoradio strippen ließ.

Von 1963 ...

Pasolini ist auf den heurigen "Identities" aber auch direkt vertreten - und zwar mit einem seiner ältesten Filme, der Dokumentation "Comizi d'amore". Darin bereist der Regisseur mit Kamera und Tonband seine Heimat, um Menschen quer durch die Bevölkerung zum Thema Sexualität zu interviewen - auf Fußballplätzen, vor Universitäten, auf Feldern oder in rollenden Zügen. Pasolini hinterfragt dabei laufend den repräsentativen Charakter seiner Umfrage, nicht zuletzt deshalb weil die Interviewten bemerkenswert bereitwillig sind sich zum Thema zu äußern. Noch auffälliger mag aus heutiger Sicht allerdings erscheinen, wie selbstverständlich politisches Vokabular in den Aussagen von Pasolinis GesprächspartnerInnen - ganz unabhängig von ihrem sozialen Status - auftaucht. Ganz so, als wäre die Gesellschaft damals noch als etwas von Grundauf Gestaltbares betrachtet worden, nicht als Supermarkt, bei dem allenfalls etwaige Angebotsmängel zu bemeckern sind ...

... bis ins Heute

Von einem - mag das Wort auch verzopft sein - Sittenbild der Vergangenheit führt das Festival auch in die italienische Gegenwart. In der 2008er Doku "Improvvisamente l'inverno scorso" müssen arte-Kulturmoderator Gustav Hofer und sein Lebenspartner Luca Ragazzi zur Kenntnis nehmen, wie das freudig erwartete Partnerschaftsgesetz Diritti e doveri delle persone stabilmente Conviventi ("DICO") vom sich formierenden Widerstand von Kirche und Altpolitikern zu Fall gebracht wird.

Die Dokumentation ist bewusst leichtherzig gestimmt - auch wenn es den Beteiligten zusehends schwerer fällt den Ton beizubehalten. Im Laufe der Interviews mit PolitikerInnen und den TeilnehmerInnen an einer als "Familientag" deklarierten katholischen Demonstration beginnen sich Gustav und Luca zu fragen, ob sie bislang nicht in einer schützenden Blase gelebt haben, die mit dem Durchschitt der italienischen Gesellschaft rein gar nichts zu tun hat. Und speziell Luca verliert immer mehr die Lust daran, mit dem Projekt weiterzumachen. - Die beiden Filmemacher sind bei der Vorführung anwesend und können über die Entstehung von "Improvvisamente l'inverno scorso" (und die weiteren Entwicklungen in Sachen "DICO") Auskunft geben.
(Josefson)

"Nerolio": 5. 6., 21.30h, Top Kino

"Comizi d'amore": 7. 6., 12h, Filmcasino.

"Improvvisamente l'inverno scorso": 12. 6., 18h, Filmcasino.

 

  • Marco Cavicchioli als der "Maestro" in Aurelio Grimaldis "Nerolio".
    foto: identities

    Marco Cavicchioli als der "Maestro" in Aurelio Grimaldis "Nerolio".

  • Pier Paolo Pasolini als ebenso behutsamer wie provokanter Fragensteller in "Comizi d'amore".
    foto: identities

    Pier Paolo Pasolini als ebenso behutsamer wie provokanter Fragensteller in "Comizi d'amore".

  • Gustav und Luca beweisen in "Improvvisamente l'inverno scorso" Galgenhumor: "Hochzeit" vor einem Supermarkt, der denselben Namen trägt wie das nicht verabschiedete Partnerschaftsgesetz.
    foto: identities

    Gustav und Luca beweisen in "Improvvisamente l'inverno scorso" Galgenhumor: "Hochzeit" vor einem Supermarkt, der denselben Namen trägt wie das nicht verabschiedete Partnerschaftsgesetz.

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