Mollig ist schön

2. Juni 2009, 16:55
  • Der Renault Kangoo.
    foto: werk

    Der Renault Kangoo.

  • Citroëns C3 Picasso.
    foto: werk

    Citroëns C3 Picasso.

  • Der Soul von Kia.
    foto: skarics

    Der Soul von Kia.

  • Die Renault Fourgonette des Verfassers.
    foto: skarics

    Die Renault Fourgonette des Verfassers.

Die Zeiten werden härter, die Autos weicher. Brutales Aussehen ist pfui, Tempo nicht wichtig. Was zählt: fröhliches Auftreten und innere Werte

Jetzt, da es wirklich ernst wird, darf das Auto plötzlich witzig sein. Dabei sind die Zeiten schon länger hart, das verrät uns die Sprache der Autotester: Fiel das Urteil "wohl etwas zu feminin", konnte der Produktverantwortliche des Herstellers dalli seinen Hut nehmen. Das war nämlich nicht als Gender-Gemeinheit gedacht, sondern bedeutete so viel wie "voraussichtlich unverkäuflicher Ladenhüter". Denn war ein Auto einmal zum Frauenauto gestempelt, bedeutete das marginale Absatzzahlen. Sogar der Umkehrschluss wurde zuweilen durchgezogen: Ein Modell, das sich besonders schleppend verkaufte, wurde oft noch mit einem Sondermodell "Ladies Edition" gekrönt, um in letzter Verzweiflung die Verkaufszahlen zu pimpen.

Im Großen und Ganzen war die automobile Image-Schiene eine ziemlich fade Macho-Sache: Fette Karre bedeutete materiellen Erfolg. Punkt. Schlankes, intelligentes Auto signalisierte "Weichei inside". Spaß am Autofahren wurde ohne Pardon mit geisteskrankem Schnellfahren gleichgesetzt. Und so hatten Autos auch auszusehen, wenn sie ordentliche Autos darstellen wollten: fett oder geduckt. Da waren sich alle einig.

In letzter Zeit kam noch eine weitere Facette hinzu: optische Gewaltausübung durch sogenannte Sports Utility Vehicles. Die Herrschaft über die Überholspur konnte man mit schnittigen Flitzern oder eleganten Limousinen nicht mehr aufrecht halten. So musste man mit überdimensionalen Kühlermäulern drohen, um die vorne Herfahrenden aufzuschnupfen.

Jetzt, da unsere gewohnte Lebensführung an der Kippe zu stehen scheint, überdenken viele auch ihren Zugang zum Automobil. Ich war schon 1979 so weit, hatte gerade trotz krisenbedingter Aufnahmesperre einen Job als Hilfskonstrukteur in der Voest gekriegt (hätte eh lieber weiter Aquarelle gemalt, aber unser Nachbar, der kommunistische Betriebsrat, hat mich meuchlings ins arbeitende Volk integriert). Jedenfalls ein Auto musste her, wobei aufgrund der hauchdünnen persönlichen Kapitaldecke an ein "richtiges" Auto nicht zu denken war. Also war eher ein individualverkehrstechnisches Gesamtkunstwerk gefragt. Wenn schon Schnellfahren nicht drinnen war, dann sollte mit diesem Auto wenigstens etwas anderes möglich sein.

Die Ente kam nicht infrage. Der Moser Gerhard, seines Zeichens Zeichenlehrer und großes Malervorbild, hatte schon mit 36 Jahren einen leichten Buckel vom schlechten Sitzen in seiner Karre. So wurde es ein Renault, eine Fourgonette. Haltungsmäßig war das auch kein Vorteil, aber der Vierzylinder plagte sich weniger als der Zweizylinder im 2CV. Hier stand also nun die Lieferwagenvariante des R4. Normalerweise ideal für Installateure, ging es nun darum, das Arbeitstier sofort und so billig mit Fröhlichkeit zu überziehen - also mit Selbstklebefolie.

Damit war eine Autokategorie erfunden, die, wie wir jetzt sehen, erst dreißig Jahre später ihre Blüte erreichen sollte. Wie damals im "rudi"-mentären Ansatz entwickelt sich jetzt aus der Kategorie "Lieferwagen" ein ganzes Marktsegment. Die Geschichte nahm also einen langen Anlauf. Den Lieferwagen als Familien-Freizeit-Vehikel gibt es nämlich eh schon viele Jahre, Stichwort Renault Kangoo, Fiat Doblo, Peugeot/Citroën Partner. Aber jetzt verdichtet sich die Szene. Mit dem Kia Soul zeigt Korea seinen untrüglichen Instinkt für den schnell machbaren Erfolg. Mit einer Art kubistische Servierwagerln, gewissermaßen zu heiß gewaschenen Kleinbussen, zeigen die Japaner, was Sache ist in Sachen "meistes Auto auf wenigstem Raum", siehe etwa Nissan Cube, der in Japan bereits Kultstatus hat und einen guten Windschatten für den sehr ähnlich aussehenden Daihatsu Materia bildet.

In Europa läuft diese nicht zu unterschätzende Fahrzeugklasse gleich in mehrere Richtungen auseinander, vor allem die Franzosen und Italiener sind rührig, sie hatten ja immer schon ein entspannteres Verhältnis zum Automobil als die Deutschen (deshalb kommt von dort auch kein Beitrag zum Thema "fröhlich Autofahren"). Der Renault Kangoo ist seit dem Modellwechsel deutlich größer und hat auch noch eine Version mit kurzem Radstand dazubekommen, eine Art Cabrio-Coupé-Variante des Lieferwagens, denn anstatt der beiden hinteren Schiebetüren kann man das halbe Dach wegklappen. Ob das letztlich noch Sinn macht, ist die Frage, witzig sieht er auf jeden Fall aus. Der C3 Picasso von Citroën ist dagegen die vernünftigste Auslegung des Themas, ist ziemlich cool in der Grundauslegung und macht trotzdem Freude beim Fahren. Neben dem Doblo bietet Fiat jetzt auch noch den kleineren Qubo an. Letztlich surft auch noch Skoda, offenbar stellvertretend für die ganze VW-Gruppe, auf der neuen Welle. Natürlich, dem Klischee vom unbändigen tschechischen Ingenieursgeist folgend, handelt es sich beim Yerti um einen Allradler, der gleichzeitig auch noch ins SUV-Fach fällt. (Rudolf Skarics/DER STANDARD/Rondo/29.5.2009)

 

  • derStandard.at/Auto

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25 Postings

Lauter hässliche "Autos" wo ich mich schämen würde mit diesen zu fahren.

"Die Renault Fourgonette des Verfassers."

Ein Freund von mir hatte im Jahre Schnee auch ein ähnliches Schnackselauto wie das von Hr. Skarics:

Ein 2-CV Kastenwagen mit Matratze im Laderaum. Damit fuhr er oft zu Enten-Treffen und war sehr begeistert. :-)

Ahem, sollte ein eigenes Posting und keine Antwort sein...

sagt schon alles über sie aus ;) toll, so eine kurze zusammenfassung!

Berlingo

Ist zwar nur eine Kleinigkeit, aber weil der Skarics sonst immer sehr genau ist, sei erwähnt, dass es statt "Stichwort Renault Kangoo, Fiat Doblo, Peugeot/Citroën Partner" heißen müsste "Peugeot Partner / Citroën Berlingo".

Ganz netter artikel, leider trifft die aussage "brutales aussehen ist pfui" nicht nur auf aktuelle autos, sondern wohl auf fast alle der letzten 15 Jahre zu. Ausser vl. der aktuelle Mustang oder Chevy Camaro gibt es kaum autos die irgendwie noch "brutal" wirken. Denn selbst trotz vl. grosser kuehlergrills oder grossen felgen/reifen sind fast alle aktuellen autos viel zu rund oder besitzen einfach nicht die kanten an den richtigen stellen um "brutal" zu wirken. Vl. wirkens schoen, elegant, nett oder was auch immer, aber nicht kompromisslos auf "ich fress dich jetzt" getrimmt...

nichtmehr brutal, sondern hinterlistig böse

Rund impliziert wie ich meine keineswegs nett.
So denke ich, dass die Designs aktueller Autos wie Sie es nennen würden "brutaler", aber vorallem gemeiner denn je erscheinen. Besonders die Frontlichter werden immer "böser" wobei Rücklichter häufiger ein sehr protziges oder trauriges erscheinungsbild besitzen.
Ausreisser bestimmen die Regel, als da wären: Fiat 500, Nissan Micra,...
Diese Unschuld unf Freude welche Autos hatten, geriet durch die Jahre ausser Trend.
Unsere Ellbogengesellschaft forciert wohl eher VW Busse mit bösen Augen, die so auf den ersten Blick total nett wirken;-) So wie alles diese Tage
Da fahr ich lieber Fahrrad,
und hör auf unsere Gesellschaft zu verteufeln.

Schönen Tag wünsche ich!:-)

Die vor allem von Audi forcierten großen (häßlichen) Kühlergrills sind für mich einfach in der Kategorie "großgoschert" abzulegen.

Das ist richtig, hab eh kurz gedacht, den Audi in der Hinsicht "positiv" zu erwaehnen.

beim audi schaut das eher lächerlich aus wenn sogar irgendeine a3-dieselgurken mit lufteinlässen daherkommt, die einem ferrarimotor zur kühlung und frischluftversorgung reichen würden.

In der Ente sitzt man schlecht? Hallo? Das Gestühl ist so bequem, dass man im Campingurlaub gern auf der ausgebauten Rückbank Platz nimmt.

Und plagen tut sich die Ente wohl auch nicht mehr als der R4. Das klingt nur so.

Klar, mit mehr als 70 kann man sie beladen nicht über den Wechsel treiben. Aber geht der R4 wirklich schneller?

bei der geschichte des "Lieferwagen als Familien-Freizeit-Vehikel" fehlt die kleinigkeit namens vw-bus.

der wichtige unterschied der spaßmobile anno dazumal zu den heutigen besteht darin, daß die damaligen nicht als solche geplant waren. das waren schlichte, durchdachte konstruktionen mit großem "optimierungs"potenzial und unbegrenztem einsatzbereich. einen C3-besitzer, der sein auto einmal kurz für eine schuttfuhre herborgt oder für ein wochenende auf einem festivalgelände wird schwer zu finden sein. dafür ist er auch nicht gedacht.

was ist eigentlich die besonderheit dieser neuen klasse? einfach nur eine spur kleiner und knuffiges design? schlank sind die ja nicht wirklich. da ist ja ein alter xj-jaguar schlanker.

Nunja, Ich glaube auch nicht dass man 1978 den nagelneu erstandenen T2 mit schicker Innenaustattung zum Schutt führen benutzt hat ;)

2042 werden die Leute von den schönen simplen alten T5 schwärmen, die 2009 man zwischendurch zum Schutt führen verwenden konnte :)

Mfg

R4 der Pionier des Kombis

mit Revolverschaltung und einer super Federung, ein Weltauto.......
Wir haben alles überlebt ohne ABS, ESP, etc.... und es hat Spaß gemacht.
So wie sich die Fahrzeuge geändert haben, hat sich auch die Gesellschaft geändert, alles viel schneller, glatter und gleichaussehend.
Schad
cu Joe

Auf der Handschaltung konnte man damals wunderbar sein Männer-Handtaschl aufhängen :-)

Den Komfortunterschied zu heute haben alle überlebt, das Fehlen von ABS, ESP etc. viele jedoch nicht.

"glatter und gleichaussehend" hat auch was mit aerodynamik, crashsicherheit und fußgängerschutz zu tun.

Nana, der Pionier mit der Revolverschaltung war aber wer anderer! Die Lieferwagenversion des Citroen 2cv (AU, AZU, AK) wurde ab 1951 gebaut, lange bevor der R4 zum "besseren 2cv" wurde.

Bezog sich

nur auf den Kombi :-) hier mal ein Bild
http://images.google.at/imgres?im... G%26um%3D1

cu Joe

"optische Gewaltausübung"

...grossartig!

:-)

Das war wahrscheinlich das intelligenteste und sympathischste Stück Autojournalismus, das ich jemals gelesen hab!

witziger artikel zu einem eher trockenen thema

Und warum zählt der "VW Caddy Life" da jetzt nicht zu dieser Kategorie "Lieferwagen als Familien-Freizeit-Vehikel"?

weil der nicht witzig ist sondern typisch vw konservativ wie der autoeinheitsbrei. einfach langweilig.

genau

und deswegen liebe ich meinen caddy maxi life, quadratisch, praktisch, gut. ok, eher lang, aber ein echter kinder maxi king eben. ich hab dobloberlingoundco gestestet, da ist der caddy eine klasse für sich. und ein "witziges" auto brauch ich nicht, bin eh selber lustig genug. der 2.0 tdi marschiert nebenbei auch ganz gewaltig bei moderatem verbrauch...

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