Wenn die Samen Samba tanzen

2. Juni 2009, 09:46
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Bauruinen, die nicht unter Denkmalschutz stehen, werden meist abgerissen - Wie wertvoll eine Revitalisierung sein kann, beweist ein neues Wohnhaus in Wien

Das Wohnhaus Samba beweist, wie wertvoll eine Revitalisierung sein kann – Von Wojciech Czaja

Ein in Würde gealtertes Haus sieht anders aus. Bis vor kurzem zeigte sich das heruntergekommene Gebäude in der Alliiertenstraße in Wien-Leopoldstadt nicht gerade von seiner besten Seite. Feuchtigkeitsschäden, abgebröckelte Farbe und abgeschlagener Stuck hatten der ehemaligen Samenbank ordentlich zugesetzt.

Gebäude mit Aura

Als die Stadt Wien im September 2005 einen Bauträgerwettbewerb ausschrieb, setzte sich die Gewog Neue Heimat mit dem Architekten Johnny Winter und dem Fachplaner Robert Korab an einen Tisch. Obwohl sich das Planungsteam über die Neubau-Vorgabe hinwegsetzte und eine Teilsanierung des alten Palais vorschlug, konnte es am Ende den Sieg einheimsen. "Ein Gebäude mit einer derartigen Aura braucht es in dieser Gegend unbedingt", sagt Architekt Winter, "aus diesem Grund haben wir beschlossen, das zu machen, was wir für richtig halten und somit auch das Risiko auf uns zu nehmen."

Geschichte des Hauses

Mit Erfolg. Seit wenigen Wochen erstrahlt die alte Samenbank in neuem Glanz und beherbergt statt pflanzlicher Samenproben nun die Spezies Mensch im ausgewachsenen Stadium. Der neue Projektname Samba erinnert noch vage an alte Tage – man muss lediglich die Silben auseinanderklauben und mit einem schelmischen Grinsen um einige Buchstaben erweitern.

"Die männlichen Kollegen haben immer gelacht, als sie gehört haben, welche Nutzung das Bauwerk früher hatte", erklärt Susanne Reppé, Pressesprecherin bei Gewog Neue Heimat, "aus diesem Grund haben wir uns entschieden, die einprägsame Geschichte des Hauses in versteckter Form weiterleben zu lassen. Das hat Wiedererkennungswert."

Weiß reflektiert das Sonnenlicht

Das Auffälligste am neuen Samba-Wohnbau ist die Farbe. Altbau, Neubau, Fenster und Dach erstrahlen in einheitlichem Schneeweiß. "Viele meinen, das sei lediglich ein witziges Farbspiel mit meinem Namen", sagt Architekt Winter, "aber nein, Weiß reflektiert das Sonnenlicht und leistet damit einen gewissen ökologischen Beitrag gegen die Überhitzung in der Stadt. Ich glaube sogar, dass dies sogar das erste weiße Blechdach Wiens ist."

Drei und vier Meter Raumhöhe

Straßenseitig wurde die historische Fassade originalgetreu beibehalten und saniert, an den beiden Seitenflanken kamen ein paar "urlaublich" anmutende Minibalkone hinzu. Die ursprüngliche Raumhöhe – je nach Stockwerk weisen die Wohnungen zwischen drei und vier Meter Kopffreiheit auf – wurde beibehalten. Lediglich im Dachgeschoß und an der Hofseite, wo das Gebäude eine Art Rucksack verpasst bekam, schrumpft die Raumhöhe auf die gewohnten 2,50 Meter.

Kontrast von Alt und Neu

Statt der herrschaftlich bemessenen drei Geschoße gibt es hier derer fünf, dafür wird die Kompaktheit der Neubauwohnungen mit einer eigenen Loggia wieder wettgemacht. Auffällig die schmalen und langen Fensterbänder. "Wir wollten einen Kontrast zu den hohen Fensterstrukturen im Altbau setzen und haben die neue Fassade aus diesem Grund stark horizontal gegliedert", erklärt der Architekt.

Offene Grundrisse

Rein ins Haus. Während die hohen Altbauwohnungen vom Stiegenhaus stufenlos zu betreten sind und etwas gründerzeitliches Flair versprühen, sind die Wohneinheiten im neuen Bauteil tetrisartig ineinandergeschlichtet. Einmal geht es ein paar Stufen bergab, ein andermal ein paar hinauf. Die offenen Grundrisse sind in jedem Fall gelungen, bei der Ausstattung und Materialwahl – Laminatboden und günstigste Sanitärmöbel – muss man sich mit der Tatsache anfreunden, dass die Stärken dieses Bauwerks in der räumlichen Qualität liegen und nicht in den Oberflächen. Irgendwo muss das Geld ja eingespart werden. Vor allem bei einem derart ambitionierten Projekt.

Balkone

Und was sagen die Bewohner? Die letzte freie Wohnung ging bereits vor Monaten weg. Derzeit wird mit Sack und Pack eingezogen. Mit Bananenschachtel unterm Arm bestätigt eine der Bewohnerinnen den gewonnenen Eindruck und erklärt: "Die Wohnung ist zwar klein, und der Boden gefällt mir nicht, aber es ist ein ansprechendes Haus mit witzigen Grundrissen. Besonders freue ich mich über den Balkon." (Wojciech Czaja, DER STANDARD Printausgabe 30/31.5.2009)

  • Mit viel Sorgfalt und weißer Farbe aus dem Dornröschenschlaf gerissen
    foto: standard\gewog neue heimat

    Mit viel Sorgfalt und weißer Farbe aus dem Dornröschenschlaf gerissen

  • Die heruntergekommene Samenbank wurde saniert und auf- gestockt. Heute beherbergt das Gebäude 28 Mietwohnungen und zwei Büros
    foto: standard\ thomas maria laimgruber

    Die heruntergekommene Samenbank wurde saniert und auf- gestockt. Heute beherbergt das Gebäude 28 Mietwohnungen und zwei Büros

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