Große Sprüche, kleine Warzen

  • In jeder Warze steckt ein Hauch von Magie.
    foto: dpa/martin schutt

    In jeder Warze steckt ein Hauch von Magie.

Vom Besprechen und Wegreden einfacher Warzen - oder was gegen die Viruserkrankung noch so hilft

Nahezu jeder Mensch entwickelt in den ersten zwanzig Jahren seines Lebens zu irgendeinem Zeitpunkt irgendwelche Warzen. Besonders häufig: Dornwarzen an den Fußsohlen, Flachwarzen vorzugsweise im Gesicht und die ganz gewöhnlichen Warzen, auch Stachelwarzen genannt, die sich primär an Händen und Füßen ausbreiten.

Die Warze an sich ist eigentlich vollkommen unmystisch. Ansteckend wie jede andere Viruserkrankung auch, akquiriert der Mensch die verantwortlichen Humanen Papillomaviren entweder über direkten Körperkontakt oder aber über infektiöse Hautschuppen. In öffentlichen Badeanstalten und Turnhallen tummeln sich diese am Boden zuhauf und finden so bevorzugt ihren Weg in die Haut barfuß laufender Kinder.

Ein Phänomen dass den Warzen jedoch eigen ist und die Medizin seit jeher beschäftigt: Warzen kommen ganz plötzlich und verschwinden mitunter genauso spontan, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Viele werden niemals behandelt, andere bleiben dagegen trotz zahlreicher therapeutischer Interventionen beharrlich an Ort und Stelle. Am erstaunlichsten sind jedoch folgende Behandlungsmethoden: Besprechungen, Beschwörungen und Zauberpflanzen aus der geheimnisvollen Welt der Sympathie- oder Volksmedizin.

Medizinisches Wunder oder funktionsträchtige Methode?

Bekanntlich versetzt der Glaube ja Berge und im konkreten Fall tatsächlich auch Warzen. Ein paar ungewöhnliche Rezepte die vor allem bei Vollmond und zu mitternächtlicher Stunde Wirkung versprechen: Schnecken, Löwenzahnsaft, reife Bananen oder angeschnittene Zwiebeln auf die Warze gelegt oder getröpfelt. Manches davon verlangt im Anschluss noch nach einer Zeremonie, wie das Eingraben der verwendeten Zwiebel in die Erde, oder der Vorstellung wohin die gutartigen Hautveränderungen zu wandern beginnen.

Der Warzenwender begegnet der Warze mit seiner ganz persönlichen magischen Formel. Warzen wenden, besprechen oder beschwören, nennt sich das Ritual, für das keine fixen Regeln existieren. Während der Behandlung hält der Wender seine Hände über die unschönen Gewächse, formuliert seinen Zauberspruch in Gedanken oder murmelt diesen für andere unhörbar vor sich hin. Die Wortwahl ist dabei angeblich egal, viel wichtiger ist die Übertragung der Energie während des magischen Rituals.

Der konventionelle Mediziner muss neidlos anerkennen, dass die Methode tatsächlich funktioniert. Als Wissenschaft verlangt die Medizin jedoch nach einer Erklärung und findet sie in der Suggestion. Mit der manipulativen Beeinflussung des Unterbewusstseins wird die Abwehrkraft und damit die Selbstheilung aktiviert. Der Fantasie des Heilers, der durchaus auch Arzt sein darf, sind dabei keine Grenzen gesetzt. Womit auch immer er die Warze bestreicht, welchen Spruch auch immer er auf Lager hat, Hauptsache der Patient glaubt an die Heil bringende Wirkung. Die Aufklärung über den wahren Charakter der Maßnahme ist angeblich sogar kontraproduktiv.

Abwarten und Tee trinken

Wer sich von all dem nichts verspricht, der kann den Kampf gegen die Warzen mit Salizylsäure, flüssigem Stickstoff, Laser oder dem Skalpell aufnehmen. Solange der Leidensdruck aus kosmetischer wie aus schmerzlicher Sicht allerdings nicht zu groß ist, scheint abwarten die absolut beste Behandlungsmethode zu sein. Denn 60 bis 70 Prozent aller Warzen verschwinden innerhalb von drei Monaten so oder so. Ganz ohne Esoterik und Schulmedizin und selbstverständlich ganz ohne Narben. (Regina Philipp, derStandard.at, 12.06.2009)

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