Ruf nach mehr Polizei: "Wo soll ich denn sonst hingehen?"

1. Juni 2009, 22:11
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Nach einem Mord in der Partymeile Wiener Neustadts fürchten Wirte um ihr Geschäft und Eltern um ihre Kinder

Die Tat ist auf den Videoaufzeichnungen nicht zu sehen. Die Gemeinde plant bessere Überwachung - obwohl es bereits Videokameras und Security gibt - Von Gudrun Springer

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Wiener Neustadt - Jedes Mal, wenn Alper Gungor in die Herrengasse, in der er wohnt, einbiegt, erlebt er die Szenen noch einmal. "Ich sehe meinen Bruder da liegen und halte seine Hand, während er stirbt", sagt Gungor und streckt müde den Arm in jene Richtung, wo sich am Boden ein kleiner in Neonrosa gesprayter Punkt befindet inmitten eines großen dunklen Flecks, der einem Schatten gleicht. Gungors Gesicht ist angespannt. Seit sein Bruder in der Nacht zum 22. Mai in der Fußgängerzone Wiener Neustadts auf offener Straße erschossen wurde, fällt ihm das Schlafen schwer - das sieht man dem gebürtigen Türken an.

Bluttat nach Streit um 500 Euro

Ein Streit um 500 Euro in dem türkischen Lokal neben Gungors Wohnhaus soll die Bluttat ausgelöst haben. Der 36-jährige Besitzer des Kebabhauses soll dem 47-Jährigen Geld geschuldet haben und weil er nicht bezahlen konnte oder wollte, einen Revolver gezogen und vor seinem Lokal viermal auf den Älteren geschossen haben. Dass in der Gasse Polizeikameras installiert sind, schreckte ihn offenbar nicht ab. Der mutmaßliche Täter wurde kurz später verhaftet.

Tat ist auf Videoaufzeichnungen nicht zu sehen

Die Tat ist auf den Videoaufzeichnungen aber nicht zu sehen: Sie fand in einem toten Winkel der Kameras statt. Etwa 15 Menschen waren Zeugen. Auch Natalie R. war kurz vorher in der Gasse gewesen. "Mein Vater ruft jetzt ständig an, wenn ich weggeh'", erzählt die 18-Jährige. Sie selbst habe nachher zwar "ein mulmiges Gefühl gehabt", besuche aber weiterhin die Lokalmeile. "Wo soll ich denn sonst hingehen?"

Eine der größten Partymeilen

Die Herrengasse in der Wiener Neustädter Fußgängerzone gilt als eine der größten Partymeilen Niederösterreichs. Die pastellfarbenen Fassaden der ein- bis zweistöckigen Häuser schmiegen sich aneinander, wie aufgefädelt liegt ein Lokal neben dem nächsten. Bis zu 2500 Leute besuchen an Freitagen und Samstagen die Next Bar, den Club Sternberg und das Pub Clumsys, das Mephisto oder die Orange Bar. Am Ende der Gasse befindet sich jenes türkische Lokal, in dem es dieser Tage auch dann, wenn abends ringsum die schummrigen oder kaltblauen Lichter angehen, dunkel bleibt.

Ruf nach mehr Polizei 

Wie es überhaupt zu der Bluttat kommen konnte, ist dem Bruder des Opfers ein Rätsel. "Warum können so depperte Leute in Österreich auf der Straße herumlaufen?", fragt Gungor. Er wünscht sich direkt in der Herrengasse eine Polizeiinspektion. Wiener Neustadts Bürgermeister Bernhard Müller (SP) fordert seit Jahren mehr Polizei für die 40.000-Einwohner-Stadt. In den vergangenen Jahren wurden 40 Dienstposten und zwei Polizeiinspektionen eingespart. Erst wenige Tage vor den tödlichen Schüssen in der Innenstadt hatte der Gemeinderat beschlossen, einen privaten Ordnungsdienst einzusetzen. Für heute, Dienstag, wurde eine Sondergemeinderatssitzung einberufen zum Thema "Gemeinsames Vorgehen aller politischen Fraktionen gegen Gewaltdelikte in der Innenstadt".

Sicherheitsleute kosten mehr als Lokalmiete

Dabei ist die Herrengasse schon jetzt eine der bestüberwachten Ecken in der zweitgrößten Stadt Niederösterreichs. Nachdem ein Jugendlicher aus Neunkirchen im Herbst 2005 dort bei einer Rauferei ums Leben gekommen war, hat die Polizei eine Videoüberwachungsanlage installiert. Außerdem haben die Lokalbesitzer seit dem tödlichen Zwischenfall vor dreieinhalb Jahren private Securities engagiert. "Man kommt heute einfach nicht mehr ohne Türsteher aus", sagt der Chef der Orange Bar, der nach eigenen Angaben mehr für die Sicherheitsleute als Lokalmiete bezahlt.

Bluttat in "ihrer Gasse"

Er hat sich eine Woche nach der Tat mit den Besitzern der anderen Clubs und Bars der Gasse gleich ums Eck der Partymeile in einem Weinkeller getroffen. Eigentlich wollte das Dutzend Männer Pläne für ein Sommerfest schmieden. Doch das Gespräch unter den Gastronomen, die teils mit aufgekrempelten Hemdsärmeln und ernsten Mienen an einem langen Tisch sitzen, schweift immer wieder zur Bluttat in "ihrer Gasse" ab.

Kein Hotspot

"Es ist schon bitter", sagt einer. "Noch vor etwa einem Monat hat die Polizei unsere Arbeit gelobt und uns gesagt, dass die Herrengasse jetzt kein Hotspot mehr ist." Nun befürchten die Bar- und Clubbesitzer, von dem Mord könne etwas an ihnen, am Image der Herrengasse, haften bleiben. "Die Lokalszene hat aber mit dem Zwischenfall nichts zu tun", sagt der Besitzer des Mephisto bestimmt. Ein anderer erntet ringsum zustimmendes Kopfnicken, als er sagt: "Wenn das Kebablokal auf dem Flugplatz stünde, wäre es dort passiert."

Dann käme Gungor auch nicht täglich an der Stelle vorbei, wo sein Bruder starb. Tot wäre dieser trotzdem. (Gudrun Springer, DER STANDARD Printausgabe 2.6.2009)

  • Jugendliche warten beim Club Sternberg in der Wiener Neustädter Herrengasse auf Einlass. Zwei Häuser weiter liegt ein Lokal im Dunkeln, vor dem am 22. Mai ein Türke erschossen wurde
    foto: standard/ christian fischer

    Jugendliche warten beim Club Sternberg in der Wiener Neustädter Herrengasse auf Einlass. Zwei Häuser weiter liegt ein Lokal im Dunkeln, vor dem am 22. Mai ein Türke erschossen wurde

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