"Zu wenig Respekt vor dem Reisepass"

1. Juni 2009, 19:04
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Irans Präsident Ahmadi-Nejad trifft in TV-Duell auf seinen schärfsten Rivalen

Sie könnten auch diesmal wieder die Wahl entscheiden: die jungen Iraner. Wie damals vor zwölf Jahren, als Mohammed Khatami Präsident wurde. 65 Prozent der iranischen Bevölkerung sind unter 35 Jahre. Alles deutet derzeit darauf hin, dass am 12. Juni mit einer hohen Wahlbeteiligung zu rechnen ist, wenn im Iran ein neuer Präsident gewählt wird. In diesem Fall dürften die Liberalen auf den Sieg hoffen, darin sind sich alle politischen Beobachter einig.

Entsprechend heiß verläuft die Endphase des Wahlkampfs. Zum ersten Mal stehen mehrere Fernsehduelle bevor. Mit Spannung wird die erste Konfrontation zwischen Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad und seinem gewichtigsten Herausforderer, dem früheren Premier Mir-Hossein Mussavi, am heutigen Dienstag erwartet. Es verspricht ein scharfes Duell zu werden: In seiner ersten TV-Ansprache hatte Mussavi die Regierung frontal angegriffen und Ahmadi-Nejad vorgeworfen, dem Ansehen des Landes im Ausland geschadet zu haben.

"Es ist beschämend, dass man im Ausland einem persischen Reisepass nicht genug Respekt entgegenbringt" , sagte Mussavi und löste damit eine Welle der Sympathie und Zustimmung aus. Auf die Frage, ob er bereit wäre, mit den USA zu reden, sagte er kurz und bündig: "Ja, warum nicht?"

In mehreren Radio- und Fernsehauftritten hatten alle vier Kandidaten jüngst ihre Programme vorgestellt. Der frühere Parlamentspräsident Mehdi Karrubi versucht, mit einem Team von Technokraten Punkte zu sammeln. Viel Zustimmung erhielt er vor allem dafür, den früheren Oberbürgermeister von Teheran, Gholam-hossein Karbaschi, zu seinem Chefberater gemacht zu haben. Im Fall eines Wahlsieges soll Karbaschi sein Kabinettschef werden. Auch die bekannt gewordenen Namen auf Karrubis Ministerliste wurden positiv aufgenommen.

Mohsen Rezaie, früherer Chef der Revolutionsgarde und neben Ahmadi-Nejad der Kandidat der Konservativen, versucht seinerseits, über sein Wirtschaftsprogramm Wählerstimmen zu sammeln. Er soll allerdings wenig Chancen haben.

Ahmadi-Nejad bleibt seiner Linie treu und wirbt für seine unnachgiebige Haltung dem Westen gegenüber im Streit um das Atomprogramm. Doch er ist in der Defensive. Inzwischen versucht er bei jeder Gelegenheit, Geld zu verteilen - bei Provinzreisen, unter Journalisten und Studenten, zuletzt bei einem Besuch in einem Studentenheim für Mädchen. Viele weigerten sich, das Geld anzunehmen.

Inzwischen ist auch die Internetplattform Facebook wieder in Iran aktiv - was von den jungen Iranern ausgiebig genutzt wird. Wenn es nach ihnen ginge, hätte Ahmadi-Nejad die Wahl schon verloren. (Amir Loghmany aus Teheran/DER STANDARD, Printausgabe, 2.6.2009)

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    Der führende Kandidat aus dem Reformlager bei einem Wahlkampfauftritt: Mir-Hossein Mussavi. Er stellt sich einem TV-Duell mit Ahmadi-Nejad – und schoss schon im Vorfeld auf die Regierung.

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