In Franzensdorf wird an der Technik gefeilt

1. Juni 2009, 19:09
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In einer Lagerhalle, in einer Scheune und auf dem Feld übt Gerhard Mayer, Österreichs bester Diskus­werfer. Dank Onkel Helmut findet er daheim in Franzensdorf ideale Bedingungen vor

Franzensdorf - Nicht alle Wege führen nach Franzensdorf. Zwei aber doch. In Groß-Enzersdorf, kurz nach dem Autokino, biegt man entweder links Richtung Rutzendorf ab, oder man fährt geradeaus weiter und über Wittau. Rutzendorf erspart einem vielleicht einen Stau im Groß-Enzersdorfer Zentrum, über Wittau ist's ein bisserl kürzer. Gregor Högler geht auf Nummer sicher und nimmt mit Rutzendorf den Umweg in Kauf. Dafür kommt er ungestresst in Franzensdorf an. Hier stehen 150 Häuser und eine Kirche, hinter der Kirche steht ein Autohaus, und vor dem Autohaus steht Gerhard Mayer.

Gerhard Mayer (29), der da steht und seinen Trainer Högler (36) erwartet, ist Österreichs bester Diskuswerfer und seit kurzem einer der besten der Welt. Bei zwei Meetings in Kalifornien hat er sich auf 65,06 Meter gesteigert, damit den ältesten heimischen Rekord gelöscht, die 27 Jahre alte Bestmarke von Georg Frank (63,32). Die tatsächlich großen Konkurrenten wurden erstmals so richtig aufmerksam auf den „nur" 1,93 Meter hohen Niederösterreicher, der in Peking als 18. das Olympia-Finale verfehlt hatte. Bei der WM im August in Berlin ist das Finale das erklärte Ziel. Högler, bis vor kurzem bester Speerwerfer Österreichs, traut Mayer viel zu.

In Franzensdorf führen Gerhards Eltern das Autohaus, sein Onkel Helmut ist pensionierter Landwirt und ein großer Diskusfan. Der Onkel hat dem Neffen ein Feld, eine Lagerhalle und eine Scheune zur Verfügung gestellt. In der Lagerhalle lässt sich an der Technik feilen. Högler, der Maschinenbau studierte, und HTL-Absolvent Mayer haben sich „spezielle KTGs" selbst gebastelt. KTG, Krafttrainingsgerät. Und Mayer katapultiert den Diskus von einem Wurfkreis aus in ein Netz. „Es ist gut, dass der Bezug zur Weite verlorengeht", sagt Högler, „und wir uns rein auf die Bewegung konzentrieren." Früher hat Mayer auch mit einem Hammer auf einen mit einem Gummireifen gepolsterten Baumstamm eingedroschen, um die Abwurfbewegung zu simulieren. Im Vergleich dazu muten die Apparate, an denen er nun zugange ist, modern an.
Die Scheune liegt hinter der Halle, sie hilft Mayer vor allem im Winter, wenn's draußen eisig ist. Er nennt die Scheune seinen „Stadl", auch hier haben sie einen Wurfkreis hineingelegt, und Mayer wirft die Scheibe aus dem Scheunentor aufs Feld hinaus. Den 65 Meter entfernten Silo hat Mayer noch nicht getroffen, sein „Stadl-Rekord" steht bei 58,59 Metern. Doch auch hier geht's vor allem um Technik, denn wenn der Werfer nicht sauber wirft, prallt die Scheibe von einem Balken zurück. Das ist schon passiert, man zieht dann besser rasch den Kopf ein.

Onkel Helmuts Feld liegt, wenn man so will, in der Franzensdorfer Peripherie. Gerhard Mayer kann von zwei Wurfkreisen aus in zwei Richtungen werfen, er richtet sich nach dem Wind. Der Wind spielt auch im Wettkampf mit, er kommt im besten Fall von schräg rechts vorn, dann fährt er unter die Scheibe, trägt sie in der letzten Flugphase noch etwas weiter. Auf dem Feld wirft Mayer höchstens sechsmal en suite, dann gehen beide die Scheiben einsammeln. Högler: „Das Scheibeneinsammeln ist wichtig. Da gehen wir die Würfe durch, analysieren Fehler, besprechen die nächsten Aufgaben."

Der Trainer legt deshalb so viel Wert auf saubere Technik, weil Mayer vielen Gegnern körperlich unterlegen ist. Hier gilt folgender Schlüssel: zwei Zentimeter weniger Spannweite bedeuten bei exakt gleichem Wurf mit dem zwei Kilo schweren Gerät einen Meter weniger Weite. „Wir können uns nicht auf die Hebel verlassen", sagt Högler, „müssen mit möglichst hoher V-Null abwerfen." Der Weltrekord (74,08 m) ist der älteste aller Rekorde, er stammt aus einer anderen Zeit (1986) und Welt (DDR), Jürgen Schult verbuchte ihn. Zuletzt kam Schult der Este Gerd Kanter (73,38) recht nahe.

Wer in Franzensdorf auf Onkel Helmuts Feld mit Blick auf den Braunsberg in der Sonne steht, sagt gern zu Gerhard Mayer, dass es wohl schlechtere Trainingsplätze gebe. Und er gibt dann gern zurück: „Schon. Aber im Spätherbst, wenn alles grau in grau ist, sieht es anders aus." Sie stehen oft in aller Herrgottsfrüh „auf dem Acker", manchmal am späten Abend. Und bei fast jedem Wetter, schließlich regnet es ab und zu auch im Wettkampf. Selbst Schnee kann ihnen nichts anhaben. „Das alles hier ist schon ziemlich Rocky-mäßig", sagt Högler. Und dann gehen sie wieder los, die Scheiben holen. (Fritz Neumann, DER STANDARD, Dienstag, 2. Juni 2009)

  • Das Feld gehört dem Onkel des Diskuswerfers. Mayer stehen zwei
Wurfkreise zur Verfügung. Die Wahl des Kreises richtet sich nach der
Richtung des Windes. Der kommt idealerweise von schräg rechts vorn.
    foto: fischer

    Das Feld gehört dem Onkel des Diskuswerfers. Mayer stehen zwei Wurfkreise zur Verfügung. Die Wahl des Kreises richtet sich nach der Richtung des Windes. Der kommt idealerweise von schräg rechts vorn.

  • In Onkel Helmuts Lagerhalle: Gerhard Mayer schleudert den zwei Kilo
schweren Diskus ins Netz, Gregor Högler analysiert. „Gut, dass der
Bezug zur Weite verloren geht."
    foto: fischer

    In Onkel Helmuts Lagerhalle: Gerhard Mayer schleudert den zwei Kilo schweren Diskus ins Netz, Gregor Högler analysiert. „Gut, dass der Bezug zur Weite verloren geht."

  • Mayer in seinem „Stadl"...
    foto: fischer

    Mayer in seinem „Stadl"...

  • ...und an einem speziellen Trainingsgerät in der Lagerhalle.
    foto: fischer

    ...und an einem speziellen Trainingsgerät in der Lagerhalle.

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