Checklisten des Heiligen Geistes

1. Juni 2009, 18:53
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Nur Marga Swoboda blieb skeptisch. "Heiliger Geist. Was könnte das ungefähr sein?", rätselte sie in dessen Zentralorgan "Kronen Zeitung"

Nur Marga Swoboda blieb skeptisch. Heiliger Geist. Was könnte das ungefähr sein?, rätselte sie in dessen Zentralorgan "Kronen Zeitung". Heiliger Geist? So was glaubt doch bald kein Kind mehr. Heiliger Pfingstochse! Aber was ist eigentlich Pfingsten? Ein langes Wochenende. Heiliger Geist. Wenn der jetzt nur wirklich herunterkäme zu allen Leuten. Spirituell hilfreicher war dem sinnsuchenden "Krone"-Leser da zweifellos die Inkarnation auf Seite 11. Dort räkelte sich eine mit Highheels proper bekleidete Dame auf einem Sessel, was den mit Heiligem Geist abgefüllten Herausgeber in touristische Verzückung geraten ließ: Allein verreisen und zu zweit zurückkehren - davon träumt nicht nur Andrea, wenn sie ihren Urlaub plant.

Am Pfingstsonntag regnete es dann Zungen in Strömen, die ihre Ableitung - aus gegebenem Anlass trug sie diesmal einen Slip - in dem Gestammel fanden: Überglücklich vergeben ist dieses schöne Model. Dabei haben 44 % der Männer und 56 % der Frauen etwas an ihrem Partner auszusetzen. Ganz oben auf der Liste steht der Bierbauch: 20 % der deutschen Frauen finden den Freund zu dick.

Die Bierbauchliste der erleuchtungsresistenten Herausgeberlegende unterschied sich deutlich von den zwei "Checklisten" des Heiligen Paulus, an die der Kardinal in seinem Sonntagsevangelium unter dem Titel Ein Fest gegen den Ungeist erinnerte, und zwar insoferne, als wir an denen Ungeist von Geist unterscheiden können. Es handelt sich dabei um überaus praktische Instrumente medialer Erkenntniskritik, die uns der heilige Paulus in weiser Voraussicht der diesbezüglichen Bedürftigkeit von drei Millionen Österreichern an die Hand gab.

Die erste Liste nennt er "die Werke des Fleisches" und meint damit die Haltungen und Handlungen, die vom Glück, vom Leben, von Gott weg-, allerdings zu hohen Auflagen und unermesslichem Reichtum hinführen. Sie lautet: "Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben, Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, Neid, Missgunst, Trink- und Essgelage und Ähnliches mehr. Das mit der Zauberei ist inzwischen etwas aus der Mode gekommen.

Die zweite Liste nennt der Apostel "die Frucht des Geistes". Alles was er hier auflistet, führt zusammen und macht ein wirkliches Miteinander erst möglich. Ob allein verreisen und zu zweit zurückkehren darunter fällt, ließ der Kardinal offen, der Apostel aber zählt neun dieser guten Früchte auf: "Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Kardinalistisch zusammengefasst - Das "Fleisch" sagt: Lass dich gehen! Der Geist sagt: Kämpfe für das Gute!

So wie der Kardinal auf den heiligen Paulus zurückgriff, fand er im Blatt selbst seinen Meister, woran niemand anderer schuld war als der Hl. Geist. Es war, wie erwähnt, Pfingsten und da war bekanntlich ein Brausen vom Himmel zu vernehmen, und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt, Claus Pándi nicht ausgenommen, der sich berufen fühlte, dem Kirchenfürsten bei seinem eleganten Umgang mit seltsamen politischen Provokationen anhand einer redaktionellen Checklist beizuspringen. Nicht jedes dumpf dahin blubbernde Oppositionellengeschwätz bedeutet die Rückkehr zu jener elementaren Gewalt, die Hass genannt wird, übte er sich in catonischer Zungenrede. Wiewohl sich eine seltsame Stimmung breit gemacht hat. Eine Atmosphäre der Feindseligkeit - Resultat berechtigter Unruhe als Folge der Wirtschaftskrise. Gefördert von einer Hetze, die manche nur als Hetz betrachten, in diesem minder bedeutsamen EU-Wahlkampf. Dabei sind in der Produktion von Niedertracht arrogante Intellektuelle den bodenständigen Populisten in ihrer Tüchtigkeit oft ebenbürtig, weshalb in der "Krone" vor allem Zweitere zu Wort kommen, die aber wochen- und seitenlang.

Schönborn, der Provokationen elegant Grenzen setzt, will manches nicht als Unbedachtheit unterschätzt wissen. Vielmehr sieht Schönborn Kräfte am Werk, die durchaus eine Strategie verfolgen, erkennt der Faychand-Lautsprecher, ohne freilich zu verraten, um welche Strategie es sich dabei handeln könnte. Warum auch? Die Dinge können allerdings so und so gesehen werden.

Etwa wenn - da war ein Brausen vom Himmel - gerade zu Pfingsten wundersam verkündet ward, dass sich Strache firmen lassen und bei dieser inneren Herzensangelegenheit "Österreich" ein-, Österreich aber ausschließen will. Hätten wir nicht Sancti Pauli "Checklisten" - jetzt wären wir verunsichert! (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 2.6.2009)

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