"Ich bin ein sturer Teufel"

1. Juni 2009, 18:45
125 Postings

Teamchef Constantini bilanziert die Bundesliga und spricht über das WM-Qualifikationsspiel gegen Serbien. In Belgrad sind trotz Realismus elf wehrhafte Träumer erwünscht

Standard: Hat die abgelaufene Meisterschaft dem Teamchef besondere Erkenntnisse gebracht?

Constantini:
Die Dinge wiederholen sich jedes Jahr. Mannschaften rutschen hinten rein, von denen man es nicht erwartet hat. Diesmal traf es Mattersburg. Dann gibt es Teams, da glaubt man, die steigen sicher ab. Von Kapfenberg hat man das angenommen, ein Irrtum. Für jeden Klub sind Ausgangsposition und Erwartungshaltung natürlich unterschiedlich. Der SV Ried hat diesmal Großes geleistet.

Standard:
Ist Ried die Mannschaft des Jahres?

Constantini: Das will ich so nicht sagen, der Fünfte kann nie Mannschaft des Jahres sein. Aber sie haben viel aus ihren Möglichkeiten rausgeholt. Das gilt übrigens auch für Vizemeister Rapid.

Standard: Es ist zwar langweilig, aber schlussendlich hat sich doch das Geld durchgesetzt. Der Krösus Red Bull Salzburg wurde Meister.

Constantini: Klar ist das so, Salzburg hat eben das höchste Budget. Aber immerhin war es recht eng.

Standard: Die Schützenliste wird von vier Österreichern angeführt. Sind die heimischen Stürmer auf einmal so toll?

Constantini: Sieht man es positiv, liegt es an den guten Stürmern. Sieht man es negativ, waren es die schwachen Verteidiger. Ich tendiere berufsbedingt zur ersten These.

Standard:
Gegen Serbien wird es eher auf die Defensive ankommen.

Constantini:
Stimmt, das ist jedem Spieler klar. Serbien wird Druck entwickeln. Es kommt darauf an, wie wir uns wehren.

Standard: Sie sagen, dass die Qualifikation für die WM in Südafrika kein Thema sein könne. Es gehe nur noch darum, nicht im fünften Topf zu landen. Um das zu verhindern, bedarf es aber guter Ergebnisse. Was ist gut gegen Serbien?

Constantini:
Ein Punkt. Niederlagen sind nämlich auch für das österreichische Team Niederlagen, egal, wer der Gegner ist.

Standard: Sie haben vor dem Rumänien-Spiel mit der Mannschaft zehn Tage lang gearbeitet. War das ein Teambuilding-Seminar? Wurden die internen Probleme gelöst? Jetzt kommt Martin Stranzl zurück. Muss er neu integriert werden?

Constantini: Stranzl muss nicht integriert werden, er ist vom ersten Tag an normal dabei - wie jeder andere. Das ist keine wilde Geschichte. Ich habe auch keine Teambuilding-Sitzungen abgehalten, ich habe nur gesagt, wie ich mir das Leben vorstelle. Der gegenseitige Respekt zählt. Auch wenn es von mir heißt, dass es respektlos ist, was ich mit Andreas Ivanschitz gemacht habe. Es geht um die Wertschätzung untereinander. Da ist es egal, ob einer in Russland, England oder in Ried reüssiert.

Standard: Ivanschitz hat sich über die seiner Meinung nach ungerechtfertigte Demontage beschwert.

Constantini:
Dazu will ich eigentlich nicht viel sagen, das bringt gar nichts. Ich verzichte auf ihn, weil ich gegen Rumänien gesehen habe, dass Österreich nicht von einem einzigen Spieler abhängig ist. Es ist wichtig, dass wir ein Topkollektiv haben. Die Kapitänsdiskussion ist völlig überflüssig gewesen, ich bestimme einen - und aus. Reden wir von einer ganz anderen Sportart. Josep Guardiola ist als junger Trainer zu Barcelona gekommen und hat Ronaldinho und Deco weggeschickt. Er wurde dafür fast gesteinigt. Jetzt kriechen ihm alle in den Hintern, die größten Kritiker am tiefsten. Ich betone, ich spreche von einer anderen Sportart. Abgesehen davon habe ich nichts gegen Ivanschitz, ein netter Kerl.

Standard: Sollen die Besten oder die Richtigen spielen?

Constantini: Ich glaube, dass sogar Barcelona vom Kollektiv lebt. Jene, die ich einberufe, sind die Richtigen. Man kann zwar immer falsch- liegen, aber ich bin ein sturer Teufel. Natürlich glaube ich, dass ich alles richtig mache. Habe ich geirrt, halte ich meinen Kopf hin.

Standard:
Sie sagten, Österreich sei in 95 Prozent der Partien Außenseiter. Welche Zahl wäre, unabhängig davon, wie lange Sie Teamchef bleiben, wünschenswert? 70 oder 50?

Constantini:
Weiß ich nicht. Man muss gewinnen, um ernst genommen zu werden. Wobei ich hoffe, dass uns die Serben nicht ernst nehmen. Mein Ziel ist, dass die Bevölkerung keine Witze über uns reißt, sondern Freude an uns hat. Nach dem Rumänien-Spiel war das der Fall. Die Leute spürten, dass wir alles gaben. Dann ist es gar nicht so schwierig zu gewinnen.

Standard: Die eine Wahrheit ist das Resultat, das 2:1. Die andere ist, dass es gegen Rumänien katastrophale Phasen gegeben hat.

Constantini:
Natürlich. Fakt ist: Bekommen wir 20 Minuten vor Schluss das verdiente 2:2, verlieren wir gegen Rumänien 2:4. Der letzte Träumer bin nämlich ich. Wenn wir am Samstag in Belgrad einlaufen, bin ich überzeugt, dass wir einen Punkt machen - oder drei. Wäre ich kein Träumer, was sollten die Spieler von mir halten. (Christian Hackl, DER STANDARD, Dienstag, 2. Juni 2009)

ZUR PERSON: Der 54-jährige Tiroler Dietmar Constantini ist seit März 2009 ÖFB-Teamchef.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Teamchef Constantini: "Wenn wir am Samstag in Belgrad einlaufen, bin ich überzeugt, dass wir einen Punkt machen - oder drei."

Share if you care.