"Ich fürchte, die gesellschaftliche Situation wird sich noch zuspitzen"

2. Juni 2009, 10:11
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Postings von derStandard.at-UserInnen werden zum Text und das ehemalige "Führerzimmer" der Schauplatz der Fluchtarien im Volkstheater

Drei Frauenschicksale und eine Verbindung: Die Flucht nach Europa. "Fluchtarien. Monolog für drei Stimmen und eine Tastatur" erzählt von den verschlungenen Wegen, auf denen drei Frauen nach Wien kommen - übers Meer, zu Fuß durch die winterlichen Wälder, mit gefälschten Papieren, ohne je einen Pass besessen zu haben. "Es sind die Geschichten von Ankommen und doch nicht Ankommen, denn die Flucht dauert an, auch wenn man angeblich sicheren Boden betreten hat", sagt Autorin Julya Rabinowich. Die Frauen sehen sich Ressentiments ausgesetzt, die Rabinowich durch die Gestalt des "Posters" personifiziert hat. Sein Urteil klopft dieser im Schutz der Anonymität in die Tastatur. Ein Beispiel: "In den Käfig, ein paar Bananen rein schmeißen und zurück nach Afrika."

Die Aussagen habe sie aus Onlineforen gesammelt, hauptsächlich aus denen von derStandard.at, berichtet Rabinowich. "Menschenverachtend und dumm", fasst die Schriftstellerin zusammen, was sie manchmal zu lesen bekam. "Die Darstellung in Medien und Politik wird immer extremer und beschämender. Der EU-Wahlkampf macht das auch nicht besser. Wir wollten durch die Gegenüberstellung ein Stück Bewusstseinsarbeit schaffen", fügt Veronika Barnaš, die Konzept und Raum umsetzte, im Gespräch mit derStandard.at hinzu. "Irgendwann hat mir diese Masse an Ignoranz gereicht, ich wollte dem blühenden Unsinn zumindest im Nachhinein einen gewissen Sinn verleihen", sagt Rabinowich.

Mitgehen statt beobachten

Rabinowich hat für die Figuren Anlehnung bei Tschechow genommen, "was die unerfüllte Sehnsucht anbelangt, an einen Ort zu gelangen, den es eigentlich in der Form nicht gibt." Denn das repetitive "Wien! Nach Wien!" einer der Charaktere mutiert sehr bald zu einem "London! Nach London!", einer vermeintlich besseren Stadt. Im Mittelpunkt stehen die Erfahrungen der Frauen, einer intellektuellen linken Aktivistin aus Chile, einem nigerianischen Mädchen, das sich prostituiert und einer Tschetschenin, die nach dem Tod ihres Mannes als Analphabetin durch Europa flieht und unterwegs eines ihrer drei Kinder verliert. "Ich will das Publikum ein Stück des Weges im verschneiten Wald mitgehen, mit zwei überlebenden Kindern links und rechts, vergewaltigt im Boot sitzen und mit aufgesprungenen Lippen die Sterne betrachten lassen", sagt Rabinowich.

Transparente Grenzen

Zur Darstellung der emotional, sowie rechtlich unsicheren Situation der drei Frauen wurde der Empfangsraum des Volkstheaters genutzt. Die kleinste Bühne des Gebäudes hat ebenfalls eine bewegte Geschichte. Der holzgetäfelte Raum wurde für Adolf Hitler eingerichtet. Dieser kam zwar nie ins Volkstheater, der Raum aber blieb. Als Michael Schottenberg die Direktion übernahm, ließ er das Zimmer demontieren. Das Denkmalamt protestierte, der Raum musste wieder hergestellt werden.

Es gibt keine Sitzplätze, keine fixen Zuschauerpositionen. Oftmals muss das Publikum den SchauspielerInnen ausweichen. Die Akteurinnen gehen bewusst auf die Beobachter ein, schauen ihnen in die Augen, leuchten ihnen in das Gesicht. "Der Zuschauer kann sich nicht in eine geschützte Beobachterposition zurückziehen, sondern ist Teil des Geschehens", erklärt Barnaš die Intention des von ihr gestalteten Spielraums. Sie wollte das Zimmer in "einen länderneutralen Aufbewahrungs- und Durchgangsort" verwandeln. Zu diesem Zweck verwendete sie transparente Industriefolien, die sie als "glatt, hygienisch, praktisch, modern, industriell" bezeichnet, mit denen sie das Zimmer in Schichten, mehrere Räume unterteilt und transparente Grenzen zieht.

Enttäuschte Erwartungen

"Ich wollte zeigen, welche Schicksale etwa hinter dem viel zu oft und gerne negativ verwendeten Begriff AsylantIn stecken, was Menschen schon alles überwinden mussten, um nach Österreich zu gelangen und wie ihr Ankommen und Aufenthalt hier oft im krassen Gegensatz zu ihren Erwartungen steht", sagt Barnaš. Mit der in Petersburg geborenen Schriftstellerin und Malerin Julya Rabinowich hat sie die passende Partnerin für das Projekt gefunden. Rabinowich, die 2009 den Rauriser Literaturpreis für ihren Debütroman Spaltkopf und den MIA-Award im Bereich Kultur gewann, dolmetscht neben ihrer literarischen Tätigkeit bei Psychotherapien für Flüchtlinge.

"Das, was mir am Herzen liegt, ist die Tatsache, dass bestimmte Meinungen und Aussagen plötzlich wieder gesellschaftsfähig werden. Dass die, die sie auf ihre Fahnen geheftet haben, immer frecher auftreten, da sie bereits manche Bastionen eingenommen haben", sagt Rabinowich gegenüber derStandard.at. Es gehe mehr durch als noch vor zehn Jahren, und "ich fürchte, dass die gesellschaftliche Situation sich noch zuspitzen wird", fügt sie hinzu. (Julia Schilly, derStandard.at, 02.06.2009)

 

FLUCHTARIEN. Monolog für drei Stimmen und eine Tastatur

Konzept, Raum und szenische Gestaltung: Veronika Barnaš
Konzept, Text: Julya Rabinowich
Mit: Luisa Katharina Davids, Patricia Hirschbichler, Katharina Vötter; Wolf Dähne
Vorstellungen: 5., 12., 16. und 19. Juni, 19.30 Uhr, Empfangsraum,
Karten: 10 €

Diskussion
Am 12. Juni findet nach FLUCHTARIEN um 22 Uhr im Weißen Salon eine Diskussion mit Andreas Babler (Stadtrat Traiskirchen), Florian Klenk (Falter), Corinna Milborn (Autorin), Julya Rabinowich (Schriftstellerin), Roland Schönbauer (UNHCR- Sprecher), u.a. statt.
Moderation: Peter Huemer

Kartentelefon: 01-52111-400

Link:
Volkstheater

  • Schauspielerin Luisa Katharina Davids
    © christoph sebastian

    Schauspielerin Luisa Katharina Davids

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