"Diese Kooperation zu stören wagt kein Politiker"

1. Juni 2009, 18:25
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Wladimir Jakunin, Chef der russischen Eisenbahn, über die Verlängerung der Transibirischen Eisenbahn bis Wien

Die Verlängerung der Transsibirischen Eisenbahn bis Wien wird sich für die Investoren in zehn Jahren rechnen, sagt Russlands Eisenbahnchef Wladimir Jakunin im Gespräch mit Verena Diethelm.

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STANDARD: Eben wurde die Projektgesellschaft zur Verlängerung der Transsibirischen Eisenbahn bis nach Wien aus der Taufe gehoben. Wann kann denn mit dem Bau der Strecke begonnen werden?

Jakunin: Die Erstellung der Machbarkeitsstudie wird ein Jahr beanspruchen. Danach folgt der Entscheidungsfindungsprozess. Die Dokumente müssen vorbereitet und unterzeichnet werden. Ich gehe davon aus, dass wir mit dem eigentlichen Bau in zwei Jahren beginnen können.

STANDARD: Die Kosten für den Bau der Strecke werden auf vier bis fünf Milliarden US-Dollar geschätzt. Wann wird sich dieses Projekt denn für seine Investoren rechnen?

Jakunin: In der Vorstudie haben wir herausgefunden, dass das Projekt profitabel sein wird. Der Return of Investment sollte in zehn Jahren erreicht sein. Was für ein Infrastrukturprojekt absolut angemessen ist. Wenn das Projekt realisiert wird, dann ist es das attraktivste Infrastrukturprojekt, von dem ich je gehört habe.

STANDARD: Die Trasse wird auch durch die Ukraine führen. Befürchten Sie nicht, dass die politischen Differenzen zwischen Russland und der Ukraine dieses Projekt behindern könnten? Es könnte ja zu einer Blockade des Transits kommen wie bei den Gaslieferungen.

Jakunin: Zuerst einmal bin ich kein Mensch, der sich leicht vor irgendetwas fürchtet. Besonders nicht vor Politikern - welcher Art auch immer. Trotz aller politischen Tumulte gibt es ein so großes Interesse an der Kooperation zwischen den Eisenbahnen, dass kein Politiker auch nur wagt, diese Kooperationen zu stoppen. Das zeigt auch unsere Arbeit in der Vereinigung der Eisenbahngesellschaften der GUS-Länder. Georgien tritt mit 18. Juli aus der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) aus. Die georgischen Eisenbahnen bleiben allerdings in der Vereinigung der GUS-Eisenbahnen.

STANDARD: Sie mussten aufgrund der Wirtschaftskrise 54.000 Arbeitsplätze streichen. Haben Sie als größter Arbeitgeber Russlands Anweisungen der Regierung erhalten, nicht zu viele Arbeitsplätze zu kürzen?

Jakunin: Nein, wir haben nie irgendeine Anweisung bekommen, wie wir das Unternehmen zu führen haben. Aber als Manager auf diesem Level hat man eine Verantwortung nicht nur dem Eigentümer, sondern auch der Gesellschaft gegenüber. Theoretisch hätte ich 183.000 Arbeitsplätze streichen müssen. Aber wir verstehen unsere Verantwortung und haben uns mit den Gewerkschaften und den Mitarbeitern auf ein Kurzzeitarbeitsmodell geeinigt.

STANDARD: Hat denn die russische Regierung die richtigen Maßnahmen im Kampf gegen die Krise getroffen?

Jakunin: Es ist überall immer das Einfachste, die Regierung, Politiker und Ärzte zu kritisieren. Natürlich kann man viel kritisieren, aber ich denke, wir sollten die Regierung in dieser schwierigen Zeit unterstützen. Wir werden alle Bemühungen unterstützen, die die Industrie und den Ausbau der Infrastruktur in Russland fördern.

STANDARD: Werden Sie von der Regierung zusätzliche Mittel erhalten?

Jakunin: Die Regierung denkt darüber nach, uns zusätzliche Subventionen zu geben, um das Investitionsprogramm der RZD zu unterstützen. Bis jetzt haben wir eine staatliche Unterstützung bekommen, weil wir die Tarife nicht so stark wie geplant angehoben haben. Wir haben der Regierung einige Vorschläge unterbreitet und hoffen auf einen positiven Bescheid. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.6.2009)

Zur Person

Wladimir Jakunin (60) ist seit 2005 Präsident der russischen Eisenbahngesellschaft RZD. Er gilt als Vertrauter von Ex-Präsident Wladimir Putin und war als dessen Nachfolger im Gespräch.

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    Wladimir Jakunin

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    Diese Loks der Transsibirischen Eisenbahn werden es eines Tages nicht nach Wien schaffen - nicht zuletzt wegen ihrer breiteren Achsenstände.

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