Riesen und Zwerge

1. Juni 2009, 18:05
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Die Parteien bringen es nicht zuwege, begabte junge Leute an sich zu ziehen - Das schafft Platz für mittelmäßige Populisten und primitive Schreihälse

Knapp vor der Europawahl akkumuliert sich das Unbehagen über den Zustand der Republik. Im Radio diskutierten, durchaus kritisch, Franz Vranitzky und Wolfgang Schüssel - und wirkten wie Geistesriesen im Vergleich zu ihren Nachfolgern. Alexander Van der Bellen und Ursula Plassnik veröffentlichten im Standard (30. 5.) ihren Aufruf gegen die Verzwergung des Landes. Und bei einem Standard-Gespräch zwischen den Europaabgeordenten Othmar Karas (ÖVP), Herbert Bösch (SPÖ) und Johannes Voggenhuber (Die Grünen) meinte Letzterer, wenn diese drei gemeinsam kandidierten, wäre das "eine interessante Liste" . Lauter abgeschasselte oder in den Hintergrund gedrängte Politiker. Kann es sein, dass wir derzeit systematisch unsere besten und weltoffensten Leute absägen und oft Provinzler von Gnaden der Kronen Zeitung an ihre Stelle setzen?

Immerhin ist es gut, sich daran zu erinnern, dass es gute Leute im Lande nach wie vor gibt. Wenn man in diesen Wochen Österreich von außen betrachtet, könnte man erschrecken. Ebensee. Die Albertgasse-Schüler in Auschwitz. Das alles übertönende Strache-Gebell. Die Wahlumfragen. Ein ziemlich grässliches Land, kleinkariert und giftig, so will es scheinen. Allerdings, wer hier lebt, weiß es anders. Es ist kein grässliches Land. Es ist, ganz im Gegenteil, sogar ein durchaus angenehmes und lebenswertes Land, voll mit gescheiten, tüchtigen und sympathischen Menschen. Ausländer, die hierher ziehen, stellen das immer wieder mit Erstaunen fest. Die Außenansicht und die Innenansicht widersprechen einander auf das Auffallendste. Was in der Auslage steht, ist schlechter als das, was der Laden tatsächlich zu bieten hat.

Dieses Paradox gilt übrigens nicht nur für Österreich. Italien ist besser als Berlusconi. Großbritannien ist besser als seine korrupten Parlamentarier. Und die USA waren auch in den Bush-Jahren besser als die Bush-Politik.

Es scheint, als lebten wir in einer Zeit, in der die Völker ihre produktivsten Energien nicht nach außen wenden, sondern nach innen. Allerorten hat die Politik Nachwuchsprobleme. Das politische Personal wirkt überall ziemlich kümmerlich. Die Parteien bringen es nicht zuwege, begabte junge Leute an sich zu ziehen. Talente drängen anderswohin. Das schafft Platz für die mittelmäßigen Populisten und die primitiven Schreihälse.

Möglich, dass die Krise hier eine Wende bringt. Die bedeutenden Politiker vergangener Generationen sind alle durch schlechte Zeiten geprägt und politisiert worden. Die Churchills und de Gaulles, die Brandts und Kreiskys waren Kinder des Krieges und der Wirtschaftskrise des vorigen Jahrhunderts. Barack Obama, die einzige herausragende politische Figur unserer Zeit, ist ein Produkt des schweren Kampfes der Schwarzen um gesellschaftlichen Aufstieg.

Alexander Van der Bellen und Ursula Plassnik haben als Symbol für das Österreich, das sie nicht wollen und gern überwinden möchten, einen Gartenzweg gewählt. Dümmlich steht er da und grinst. Immerhin ermutigend, dass immer mehr Leute dieses Gartenzwerg-Österreich sattzuhaben scheinen. Es sind gar nicht so wenige. Man sieht sie nur nicht genug. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, Printausgabe, 2.6.2009)

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