US-Abtreibungsarzt fällt Mordanschlag zum Opfer

1. Juni 2009, 12:18
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Mutmaßlicher Täter festgenommen - Obama verurteilt Ermordung - Abtreibungsgegner distanzieren sich von Tat

Wichita - Ein prominenter Abtreibungsarzt ist auf dem Weg zur Kirche im US-Staat Kansas erschossen worden. George Tiller fiel nach Polizeiangaben am Sonntag in der Eingangshalle des lutherischen Gotteshauses in Wichita einem Mordanschlag zum Opfer. Die Klinik des 67-Jährigen ist eine von nur dreien in den USA, in denen Abtreibungen nach der 21. Schwangerschaftswoche durchgeführt werden. Wenige Stunden nach der Bluttat wurde ein Verdächtiger festgenommen, und die Polizei prüfte mögliche Verbindungen zu militanten Abtreibungsgegnern.

Zum Gottesdienst ohne Leibwächter

Tiller war bereits mehrfach Ziel von Anschlägen und Protestaktionen. 1993 schoss ihm ein Angreifer in beide Arme, 1985 explodierte ein Sprengsatz in seinem Krankenhaus. Die Klinik Women's Health Care Services war wegen zahlreicher Drohungen, Übergriffe und Anschlägen unter anderem mit kugelsicheren Scheiben gesichert. Tiller selbst wurde in der Regel von einem Leibwächter begleitet - zum Gottesdienst am Sonntag war er jedoch offenbar ohne Schutzpersonal gekommen.

US-Präsident Barack Obama zeigte sich schockiert von der Bluttat. Die Differenzen, die es "bei schwierigen Themen wie Abtreibung" gebe, könnten nicht gewaltsam gelöst werden, erklärte Obama, der als Verteidiger der Fristenlösung gilt.

AbtreibungsgegnerInnen distanzieren sich

AbtreibungsgegnerInnen verurteilten den Mord ebenfalls und bekräftigten, sie würden ausschließlich friedliche Protestaktionen unterstützen. "Wir sind entsetzt über die heutige Nachricht, dass Herr Tiller erschossen wurde ... Wir lehnen diese feige Tat ab", hieß es von der Organisation "Operation Rescue/Operation Save America" nach Angaben des Internetdienstes "LifeSiteNews". Die Gruppierung hatte regelmäßig gegen die Aktivitäten des Abtreibungsarztes protestiert.

"Wir wollen nicht, dass Abtreibungsärzte sterben, will wollen, dass sie sich bekehren", betonte Jim Hughes, Präsident der kanadischen "Campaign Life Coalition", laut "LifeSiteNews" in einer ersten Reaktion. Der katholische Priester Frank Pavone von der Organisation "Priests for Life" sagte in einer Aussendung: "Eine Kultur der Gewalt ist nie eine Lösung für ein Problem. Jedes Leben muss geschützt werden, unabhängig von Alter, Ansichten und Taten."

Mahnwache in Wichita

In der Innenstadt von Wichita versammelten sich indes mehrere hundert Menschen zu einer Mahnwache. Mehrere DemonstrantInnen trugen Protestplakate mit Aufschriften wie "Abtreibung ist blutiger Mord" und "Baby-Mörder in die Hölle" und lieferten sich Wortgefechte mit etwa 20 UnterstützerInnen Tillers. Der prominente Aktivist Randall Terry, Gründer von "Operation Rescue", nannte Tiller in einer Aussendung einen "Massenmörder", an dessen Händen Blut klebe. Gleichzeitig betonte er, dass gegen Abtreibung "friedlich protestiert" werden müsse.

Der mutmaßliche Täter entkam zunächst, nach rund drei Stunden wurde jedoch ein 51 Jahre alter Verdächtiger in einem Vorort von Kansas City rund 300 Kilometer vom Tatort entfernt festgenommen. Der Mann habe offenbar allein gehandelt, sagte der stellvertretende Polizeichef von Wichita, Tom Stolz. Aus Polizeikreisen verlautete, es handle sich um einen Mann namens Scott R. Im Internet hatte jemand unter dem gleichen Namen als erklärter Abtreibungsgegner Einträge verfasst.

Tillers Anwalt Dan Monnat erklärte, der vierfache Vater und zehnfache Großvater habe um seine Sicherheit gefürchtet und die Staatsanwaltschaft kürzlich um verstärkte Ermittlungen wegen Drohungen gegen seine Klinik gebeten. Nach Polizeiangaben gab es jedoch keine Drohungen gegen den 67-Jährigen.

Tiller führte seit 1973 Abtreibungen durch. In den vergangenen Monaten war gegen ihn ermittelt worden, weil er entgegen der gesetzlichen Vorschriften als medizinische Zweitmeinungen nicht die Aussagen eines unabhängigen Arztes eingeholt hatte, sondern sich an einen seiner Angestellten gewandt hatte. Im März hatte ihn ein Gericht von allen Vorwürfen freigesprochen. (APA/AP)

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    George Tiller wurde ermordet

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    Der Anschlag wurde vor einer Lutheranischen Kirche in Kansas verübt

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