Roma, die wachsende Minderheit

2. Juni 2009, 16:24
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Hohe Arbeitslosigkeit, hohe Geburtenrate, aber geringe Lebenserwartung: Auch der EU-Beitritt der Slowakei konnte an der Ausgrenzung der Roma nichts ändern

Kein Land der Welt hat einen höheren Roma-Anteil als die Slowakei: Schätzungen zufolge leben hier zwischen 400.000 und 500.000 Roma, das sind etwa neun Prozent der Bevölkerung.

Wie viele Roma es genau sind, weiß jedoch niemand so genau: Den Behörden ist es per Gesetz verboten, slowakische StaatsbürgerInnen im Geburtenregister als Roma zu registrieren - ein Mittel zur Verschleierung der drastischen Kluft in der Lebensqualität, meinen KritikerInnen. Aber auch viele Roma selbst bezeichnen sich beim Mikrozensus nicht als solche - aus Angst vor Diskriminierung, zum Teil aber wohl auch infolge eines partiellen Analphabetismus. Nur ein Fünftel der slowakischen Roma hängt nach den Pflichtschuljahren noch eine Ausbildung dran - und die überwiegende Mehrheit von ihnen bricht bald danach ab.

Stadtflucht

Drei Viertel der slowakischen Roma leben in der Ostslowakei, mehr als die Hälfte von ihnen in dörflichen, streng segregierten Siedlungen. In den letzten Jahrzehnten kam es zu einer drastischen Stadtflucht: Wegen der ansteigenden Mietpreise in den Städten entstanden laufend neue Siedlungen am Land, die jeweils stark anwuchsen. Lebten 1988 noch knapp 15.000 Roma in ländlichen Siedlungen, sind es heute etwa 160.000 Roma. Das hat auch mit dem Ende des Sozialismus zu tun: Waren Roma früher de facto zur Arbeit verpflichtet und somit in den Jobmarkt integriert, so waren sie nach der Wende und den folgenden Privatisierungen die ersten, die entlassen wurden.

Heute sind je nach Wohngebiet zwischen 70 und 100 Prozent der Roma arbeitslos. In einer aktuellen EU-Umfrage geben nur 25 Prozent der slowakischen Roma an, bezahlte Arbeit zu leisten - in Ungarn sind es 31, in der Tschechischen Republik 44 Prozent.

Geringere Lebenserwartung

In den Siedlungen leben die Roma von der Mehrheitsbevölkerung abgeschottet - und damit vor rassistischen Übergriffen geschützt. Viele der Roma-Dörfer sind von Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten; in diesen Siedlungen liegt die Arbeitslosigkeit meist knapp bei hundert Prozent. Vor fünf Jahren wurde zudem die Sozialhilfe stark gekürzt, was die materielle Armut der Roma noch zusätzlich verschärfte. Mangelnde Hygiene, Ausgrenzung und Depression spiegeln sich in den Statistiken wider: Laut einer Studie des Londoner Forschungszentrums ECOHOST liegt die Lebenserwartung bei männlichen Roma um zwölf, bei Romafrauen sogar um 15 Jahren unter jener der "weißen" Bevölkerung. Roma-Kinder sollen acht Prozent aller Geburten, aber 18 Prozent der Kindersterblichkeitsfälle ausmachen.  (mas, derStandard.at, 2.6.2009)

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