Berlusconi: Unterhaltung statt Politik

2. Juni 2009, 09:53
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Vor 15 Jahren hat Berlusconi die Politik im Bel Paese gekapert, inzwischen ist es ihm gelungen, das Politische durch Entertainment zu ersetzen

Es war nicht nur Noemi, die inzwischen weltbekannte 18-jährige Schülerin, die ihren Gönner "Papi" nennt. Silvio Berlusconis Zuneigung kennt keine Grenzen. Zum Jahreswechsel 2007/08 habe der fidele italienische Regierungschef gezählte 50 junge Frauen zu einer Party in seine Villa an der Costa Smeralda einfliegen lassen, jeder ein Collier und 2000 Euro zum Shoppen geschenkt. Das berichtete das Magazin L'espresso am Freitag unter dem Titel "Berlusconis Harem". Währenddessen sammeln glühende Berlusconianer in Rom Unterschriften, um ihr Idol für den Friedensnobelpreis zu nominieren. Er habe ja schließlich durch seine umsichtige Vermittlung im Georgienkonflikt vergangenen Sommer den dritten Weltkrieg verhindert.

Das ist kein schlechter Scherz, sondern der bizarre Bogen, der die italienische Realsatire dieser Tage zusammenhält. Vor 15 Jahren hat Berlusconi die Politik im Bel Paese gekapert. Inzwischen ist es ihm gelungen, das Politische durch Entertainment zu ersetzen. Klatsch, Vulgarität und niedere Instinkte dominieren die Debatte, die mehr an eine hirnverbrannte TV-Serie erinnern, die auf Berlusconis Kanälen läuft, als an das öffentliche Leben einer Kulturnation.

Entertainment ist auch der nötige Interpretationsrahmen für alles noch Kommende: Weil es keine Politik mehr gibt in Italien, wird der Skandal Berlusconi politisch auch nicht schaden. Eine Mehrheit der Wähler gibt ihm seine Stimme, weil er sie unterhält. Und die Welt wird sich - spätestens nach der Europawahl - wieder einmal wundern, was in Italien alles möglich ist. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 30.5.2009)

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