Studieren nach dem Untergang

1. Juni 2009, 18:29
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    foto: apa/universität wien

Eine Diplomarbeit wirft einen Blick auf die ersten Semester nach dem Mai 1945

Für die Studierenden heute ist der Nationalsozialismus etwas sehr Fernes bis Bizarres, über das mittlerweile wieder Kinokomödien gedreht werden können. Der Historiker Andreas Huber führt mit seiner Diplomarbeit "Studenten im Schatten der NS-Zeit" in eine Zeit zurück, in der der Krieg und das NS-Regime noch unmittelbare Vergangenheit war und die Gegenwart geprägt hat. Er hat die Entnazifizierung der Studierenden und die politischen Unruhen an der Universität Wien zwischen 1945 und 1950 zum Thema gemacht, was in diesem Umfang zuvor noch nicht unternommen wurde. Ausführlich wurden auch die Ereignisse rund um die erste ÖH-Wahl 1946 rekonstruiert.

Von der Front in den Hörsaal

Die Lage in diesen ersten Jahren nach dem Krieg stellt sich mehr als trist dar. Die Versorgungslage war katastrophal, die Universitätsgebäude waren teilweise zerstört. Die Studierenden hatten mit Unterernährung und unbeheizten Räumen zu kämpfen. Was aber aus heutiger Sicht fast noch mehr bestürzt, ist die geistige Zerstörung, die aus Zeitdokumenten und Erzählungen zu lesen ist. Viele Studierende waren als Teenager mit NS-Propaganda aufgewachsen und sind unmittelbar aus dem Krieg an die Universitäten zurückgekehrt. Zu einer wirklichen Läuterung hat bei vielen die durchlebte Katastrophe, wie auch im restlichen Österreich, aber offenbar nicht geführt.

Ex-Nazis müssen draußen bleiben

Doch wie sollte man nun mit Studierenden und InskriptionswerberInnen umgehen, die Mitglieder der NSDAP gewesen waren oder höhere Positionen in deren Vorfeldorganisationen bekleidet hatten? An der Universität Wien wurden Überprüfungskommissionen eingerichtet, die über deren Ausschluss vom Studium entschieden, aber viel Spielraum dabei hatten. Von den Alliierten blieb dies unbeachtet, bis die Nationalratswahlen 1945 eine herbe Niederlage der KPÖ zum Ergebnis hatten. Kurz darauf tauchten Berichte über nazistische Vorfälle an den Universitäten auf, die sich bereits Monate zuvor ereignet hatten. Vor allem die sowjetische Besatzungsmacht bemängelte daraufhin die Entnazifizierung in Österreich, nicht zuletzt an den Hochschulen. Die Folge war ein Erlass des Unterrichtsministeriums, der bundesweit und klarer regelte, wer denn nun zugelassen werde und wer nicht. In den Bundesländern wurden die Bestimmungen aber praktisch nicht umgesetzt und in Wien wurden weniger als zwei Prozent der InskriptionswerberInnen ausgeschlossen.

Die erste ÖH-Wahl im November 1946 war der Anlass für die nächste Verschärfung. Bei Wahlveranstaltungen war es zu nazistischen und antisemitischen Zwischenrufen und Beschimpfungen von NS-Opfern gekommen, die bei Teilen des Publikums auf positive Resonanz gestoßen waren. Das auf Druck der Alliierten beschlossene Nationalsozialistengesetz von 1947 verfügte, dass alle Minderbelasteten und Belasteten bis zum 30. April 1950 vom Studium ausgeschlossen sein sollten. Die Minderbelasteten konnten allerdings bedingt inskribieren bzw. Prüfungen ablegen und wurden schließlich 1948 amnestiert.

Zurück zum Alltag

Andreas Huber gelingt es mit dem teilweise zum ersten Mal ausgewertetem Material ein plastisches Bild des politischen Klimas dieser (Studien-)Jahre zu zeichnen, illustriert mit zahlreichen Zitaten aus Zeitungen und Zeitzeugen-Interviews sowie Fotomaterial. Neben der ausführlichen Beschreibung der Ausschlussregelungen, weißt Huber auch darauf hin, dass es mit der geistigen Aufarbeitung der NS-Zeit oder der Förderung der Demokratie in der universitären Lehre nicht weit her gewesen ist. Der Ausschluss der ehemaligen ParteigenossInnen ging einher mit der Tabuisierung des gesamten Themas, und dies für eine sehr lange Zeit. Hier wurde - nicht zuletzt von den Lehrenden - eine Chance vergeben, zumindest bei der akademischen Jugend einen Nachdenkprozess auszulösen und nicht einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen.

Die Diplomarbeit "Studenten im Schatten der NS-Zeit" ist auf textfeld.ac.at im Volltext nachzulesen.

Der Autor

Andreas Huber (Jg. 1983, Mag.phil) hat von 2003 bis 2009 Geschichte und Soziologie an der Universität Wien studiert. Seine Schwerpunkte sind Wissenschaftsgeschichte und Nachkriegsgeschichte.

Der Rezensent

Thomas Müller ist Mitarbeiter beim Verein textfeld.






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13 Postings
aceFruchtsaft
01

"Hier wurde - nicht zuletzt von den Lehrenden - eine Chance vergeben, zumindest bei der akademischen Jugend einen Nachdenkprozess auszulösen und nicht einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen."

Wer waren denn diese Lehrenden? Kann mir gut vorstellen, dass das selbst Leute waren, die unter der Naziherrschaft prosperiert, oder zumindest nicht aufgemuckt haben. Kritische Geister sind schließlich bestenfalls emigriert oder wurden liquidiert.

Wie hätte ein solcher Lehrkörper also einen Nachdenkprozess auslösen sollen?

Erwin Wolfram
00
... ueber die Sucht nach koerpereigenen Botenstoffen

emotional SQL:

select people (emotionen); Merkmal f. Multiplikatoren
group people (irrational, wegschauen)
people.wegschauen=100
print group -> election

Es wird eine Gefuehlsarmut in Sachpolitik induziert, die fuer den Wahlbesuch instrumentalisiert wird,
indem ein Flow zum Wahlzettel generiert wird.

Karlgaard
11
Online-Qualität

Zwei schwere Fehler gleich im ersten Absatz.

Grizzlybear
00
23.2.2010, 10:20
Meinen Sie

war/waren und hat/haben? Stimmt, peinlich.

Übrigens: 1945 gab es glücklicherweise neben „Studierenden“ sogar noch Studenten und Studentinnen. Man kannte damals in der deutschen Sprache auch noch den Unterschied zwischen einem Seher und einem Sehenden, einem Fahrer und einem Fahrenden und eben auch zwischen einem Studenten und einem Studierenden. Aber so genau nimmt man es heute mit der Sprache nicht mehr, es ist eh schon alles egal und erlaubt.

Cogito Ergo Dumm
00
Interessante Diplomarbeit

und Glückwunsch dem bald Graduierten!

Was mich aber doch verwundert, ist, dass noch niemand vorher auf die Idee gekommen ist dieses Thema zu behandeln.

Sortini
00
Kann ich mir auch nur schwer vorstellen...

Vor allem, weil dies an manchen Insituten schon recht lange ein Thema ist (z.B. Germanistik)

Dante Alighieri
75
31.5.2009, 22:47

Nach dem Untergang? Hat diese Überschrift ein FPÖler geschrieben?

salenoz
 
14

Oja, jeder der bestimmte Worte benutzt ist pöse.

"Untergang der Sovietunion" dürfen dann wohl auch nur Kommunisten sagen.

Elfmeter
165
31.5.2009, 19:18
na bitte.....

.... man glaubt's ja nicht zu was für Themen man Diplomarbeiten schreiben kann. Entnazifizierung hin oder her, eines ist klar: Wer die damalige Zeit trotz des eklatanten Mangels an Allem zu einem erfolgreichen Studium nützte, der hat Großes geleistet.

Fritz Wunderlich
10

und anscheinend vorher auch, was anlass für deine bewunderung ist, bazi

Sortini
11
Wie lautete denn Ihr Diplomarbeitsthema?

Petra Bleicek
01

Die Chansons d'Amour bei Udo Jürgens

martial
22
31.5.2009, 22:52

Grad an dieser Antwort sieht man wie sehr die Beschäftigung mit diesem Thema vernachlässigt wurde, und wozu es geführt hat.

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