Wenn die Spende zur Ware wird

1. Juni 2009, 13:00
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Ein österreichisches KünstlerInnen-Kollektiv ist dem Geschäft mit der Altkleiderkiste nachgegangen und übt die Umkehrung der Globalisierung

Gewand zusammen schnüren, Klappe auf, in die Altkleiderbox werfen, Klappe zu. Als Bonus stellt sich ein positives Gefühl ein, damit etwas Gutes zu tun. Doch hilft das "Gewand aus dem Westen" wirklich immer ärmeren Menschen? Und freuen sich zum Beispiel AfrikanerInnen wirklich über ungeliebte Karottenjeans und muffige Pullover? Markus Hafner, Coelestine Engels und Christof Berthold sind nach Tansania gereist und haben altes Gewand zurück importiert, um damit eine Gewandkollektion zu produzieren. Die Mode ist unter dem Label "MitumBACK" erhältlich und will die Geschichte von Globalisierung und unfairer Preispolitik erzählen. Der Gewinn wird als Spende und als Finanzierung der nächsten Reise nach Tansania verwendet, wo sie zum Beispiel in Schulen gehen und mit Kindern über Globalisierung sprechen.

Das Geschäft mit der Spende: Mitumba, so heißen in Tansania ausrangierte Textilien, die aus überquellenden europäischen Kleiderschränken in kommerzielle Altkleidercontainer wandern, um danach auf dem afrikanischen Markt verkauft zu werden. "Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre gab es eine Wirtschaftskrise in Tansania, da ist viel wirtschaftliche Kraft den Bach runter gegangen. Damals haben Altkleidersammlungen begonnen. Das hat inzwischen eine wirtschaftliche Größenordnung erreicht und allein 2005 circa eine Milliarde Dollar weltweit ausgemacht", sagt Hafner im Gespräch mit derStandard.at.

Geschichte eines T-Shirts

"Wir wollen die Richtung des globalisierten Prozesses umkehren", sagt Hafner. Das zurückgekaufte Gewand lassen die Drei von fair bezahlten, afrikanischen Näherinnen mit handgefertigten Etiketten neu labeln. Auf dem Schild prangt ein "M" und das Emblem einer Rückspultaste. Aus der Ware wird die Spende und aus der Spende die Ware. Ziel der Aktion: Der/die TrägerIn kann Teil der Geschichte des Bekleidungsstücks werden. Der Erlös wird zur Spende, wofür es schon eine Idee gibt, wie Engels berichtet: "Die 200 Kinder der Schule in Tansania, die wir besucht haben, hatten gemeinsam fünf Schulbücher." Die Unterrichtsmaterialien werden sie gleich direkt in Tansania kaufen und nicht in Österreich und verschicken.

MitumBACK hat ein kleines Atelier im ersten Wiener Gemeindebezirk, in dem die letzten Stücke der ersten Kollektion gelagert werden. Die Textilien haben unterschiedliche Qualität, einige sind in gutem Zustand, andere wirken bereits sehr abgetragen. Die Materialien erzählen die Geschichten ihrer TrägerInnen und ihrer Herkunft. Die Bekleidung aus Europa und den USA hat einen guten Ruf, sagt Hafner. "Das verändert sich jedoch mit den Importen von Billigprodukten aus China. Daher gibt es mittlerweile sogar gefälschte Altkleider aus China. Das soll bessere Qualität suggerieren", fügt der Medienkünstler hinzu.

Die Erfahrungen aus Tansania wollen sie nach Österreich bringen. So wird nicht nur Gewand importiert, sondern auch Information. Dafür errichten sie temporäre Stores, in denen die Kollektion erworben, Videos und Bilder angeschaut, Texte gelesen und das Gespräch mit den KünstlerInnen gesucht werden kann. "Wir wollten nicht dogmatisch vorgehen und eine Ausstellung machen, in der nur die Stücke zu sehen sind. Die BesucherInnen sollen etwas mitnehmen, Teil einer Idee und der Geschichte des Kleidungsstücks werden", sagt Berthold. Am sechsten Juni eröffnet die nächste Ausstellung im vierten Wiener Gemeindebezirk.

Dumpingplace Afrika

Engels, Berthold und Hafner haben die Erfahrung gemacht, dass die Altkleider nicht unbedingt Bedürftigen zu Gute kommen - falls sie überhaupt in den ärmeren Ländern in Afrika ankommen und nicht in einem Second Hand Geschäft in Europa landen. "Das Gewand ist in Wahrheit richtig teuer in einem Land wie Tansania. Wir haben einmal umgerechnet, dass ein T-Shirt bei uns um die 1400 Euro kosten würde", sagt Hafner. "Die Tansanier müssen manchmal ein Monat für ein T-Shirt sparen, das möglichst ähnlich einer westlich geprägten Marke aussieht", sagt Engels. Die optische Reproduktion des Westens treibt bunte Blüten: Die Künstlerin zieht eine Pudelmütze, ein Teil aus der MitumBACK-Kollektion, hervor. Auf gelber Wolle steht "Go Eskies". Hauben sind schick, auch bei 40 Grad Celsius. "Die Menschen in Afrika wollen genauso einem 'globalen Ding' angehören, auch modisch", berichtet Engels.

Aus dem Geschäft mit der Spende kann jedoch im Empfängerland ein Teufelskreis entstehen, sagt Hafner: "Die Ressourcen werden abgepumpt und es gibt für die Produkte keine KäuferInnen mehr. Das macht es fast unmöglich, dass ein Wirtschaftszweig aufgebaut wird."

Faire Preispolitik

Die faire Preispolitik von MitumBACK wird mit den KundInnen fortgesetzt. Bei der ersten Kollektion gab es drei Kategorien, die Leute konnten wählen, wie viel sie zahlen wollten. Der "unfaire Preis" ist mit Billigprodukten großer Kleiderketten zu vergleichen und bewegt sich zwischen drei bis fünf Euro für ein Shirt. Der Handelspreis liegt schon etwas höher und ist relativ fair. Der Luxus- und Markenpreis ist hoch und entspricht einer tatsächlich fairen Bezahlung. Das Fazit nach der ersten Kollektion fällt ernüchternd aus, wie Hafner erzählt: "Die KundInnen haben meist den Flohmarktpreis, oder knapp darüber bezahlt. Den Kollektionspreis hat keineR bezahlt." (Julia Schilly, derStandard.at, 1. Juni 2009)

Weitere Informationen

Ausstellung MitumBACK - a label trans fair

Eröffnung: 6. Juni, 18 Uhr

Ausstellungsdauer: 07. Juni - 30. Juni

Öffnungszeiten: Di - Fr 14:00 - 18:00 Uhr, Sa 14:00 - 21:00 Uhr

Ort: Margaretenstrasse 22, 1040 Wien

MitumBACK - a label transfair

  • In Europa landet das alte Gewand in der Box
    foto: mitumback

    In Europa landet das alte Gewand in der Box

  • Die Mitglieder von MitumBACK sind dem Gewand bis Tansania nachgereist und haben es zurück gekauft
    foto: mitumback

    Die Mitglieder von MitumBACK sind dem Gewand bis Tansania nachgereist und haben es zurück gekauft

  • Das MitumBACK-Label wird von afrikanischen Frauen genäht
    foto: mitumback

    Das MitumBACK-Label wird von afrikanischen Frauen genäht

  • Die NäherInnen erhalten dafür eine faire Bezahlung
    foto: mitumback

    Die NäherInnen erhalten dafür eine faire Bezahlung

  • Der Kreis schließt sich: Ware wird Spende wird Ware - Aus dem Gewand wird eine Kollektion in Österreich
    foto: mitumback

    Der Kreis schließt sich: Ware wird Spende wird Ware - Aus dem Gewand wird eine Kollektion in Österreich

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    foto: mitumback
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