Herbert Stepic' Herz schlug nie links. Wie er Revolution machte, der Krise begegnet und was ihn weinen macht
Herbert Stepic' Herz schlug nie links, doch als Kapitalist fühlt sich der Raiffeisen-International-Chef nicht. Wie er Revolution machte (in Internat und Lederjacke), der Krise begegnet (positiv) und was ihn weinen macht, verriet er, nach einem Abend mit Marx, Renate Graber.
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STANDARD: Sie waren so nett und haben mit mir das Festwochen-Stück "Das Kapital" angeschaut, weil ich mit Ihnen über Marx, Kommunismus und Kapitalismus reden will. Haben Sie "Das Kapital" gelesen?
Stepic: Nein, wann hätte ich das machen sollen?
STANDARD: In Ihrer revolutionären Phase. Aber die hatten Sie ja nicht.
Stepic: Sagt meine Frau auch immer. Sie wirft mir heute noch vor, dass ich 1968 zwar an der Hochschule, aber kein Revolutionär und nicht auf der Straße war.
STANDARD: Was war das Revolutionärste, das Sie je taten? Dass Sie bei Ihrem Vorstellungsgespräch bei Raiffeisen eine Lederjacke trugen?
Stepic: War nicht schlecht, für damals. Das Revolutionärste fand in meiner Jugend statt, als ich mich für schwache Mitschüler einsetzte, wissend, dass ich als Internatszögling dafür bei den Lehrern den Kürzeren ziehe.
STANDARD: Ihr Herz hat nie links geschlagen?
Stepic: Eigentlich nicht.
STANDARD: Man sagt ja, wer in seiner Jugend nicht links war ...
Stepic: ... war nicht jung. Aber warum ist man links als Junger? Aus sozialen Gründen oder Protest. Ich habe mein Protestverhalten in der Schule ausgelebt, danach war ich froh, dass ich studieren konnte.
STANDARD: 1968, als Sie brav studierten, wurde Marx' 150. Geburtstag gefeiert, in jüngster Zeit war "Das Kapital" Verkaufsschlager. Sogar Papst Benedikt hat sich in einer Enzyklika mit Marx beschäftigt ...
Stepic: Er hat "Das Kapital" sicher nicht gelesen. Wahrscheinlich hat er sich eine Zusammenfassung von einem Kardinal schreiben lassen...
STANDARD: ... 2003 zählte man Marx laut ZDF-Umfrage zu den drei größten Deutschen. Verstehen Sie das?
Stepic: Wenn das heute so wäre, verstünde ich es, weil wir in einer ganz massiven Weltwirtschaftskrise stecken. Dass die Leute da unzufrieden sind und sich revolutionärer Vorbilder bedienen: okay.
STANDARD: Sie sind Bankchef, haben 60.000 Mitarbeiter, arbeiten seit 36 Jahren im katholisch-konservativen Raiffeisen-Sektor. Sie sind ein klassischer Kapitalist?
Stepic: Kapitalist? Das ist das letzte, was ich sein will ...
STANDARD: Darum lassen Sie sich auch nie mit Zigarre fotografieren.
Stepic: Klar, weil so ein Foto suchen Sie heraus, wenn wir gerade aus irgendeinem Grund in der Bredouille sind.
STANDARD: Wenn Sie kein Kapitalist sind, was sind Sie?
Stepic: Ich bin ein sehr sozialer Typ und humanistischer Wirtschaftstreibender.
STANDARD: Was ist das?
Stepic: Ich suche und erziele Mehrwert, mag dabei aber die Menschen und lasse sie nicht untergehen. Im Gegensatz zu Marx sehe ich arbeitende Menschen nicht als geknechtete und ausgebeutete Maschinenmenschen. Ich geben den Leuten Freiraum; wer von der Arbeit nicht niedergeknüppelt wird, bringt viel mehr zusammen; auch das ist Mehrwert.
STANDARD: Raiffeisen International ist in 17 osteuropäischen Ländern aktiv, etwa in der krisengeschüttelten Ukraine, in Ungarn. Sie mussten gerade die Risikovorsorgen vervierfachen, holen sich Eigenkapital. Mutter RZB hat 1,75 Mrd. Euro vom Staat geborgt, die Vorsorgen versechsfacht. Sie haben bereits Leute gekündigt, weitere werden folgen. Ist das kein Untergehenlassen?
Stepic: Nein. Aber es stimmt, ich muss erstmals Menschen freisetzen. Aber ich tue das so human wie möglich, erst wenn es gar keine Alternativjobs für sie gibt, müssen Mitarbeiter gehen, bekommen dann aber das Zwei- bis Dreifache ihrer gesetzlichen Abfertigung.
STANDARD: Einer der Mitwirkenden im "Kapital", Ex-Kommunist und Unternehmer, hat 1968 und jüngst öffentlich Geld verbrannt. Das wirft man den Banken derzeit auch vor.
Stepic: Heikles Thema. Zu Beginn der Krise haben Banken eine große Rolle gespielt, Investementbanken haben hochriskante Produkte geschaffen; andere Banken haben sie gekauft. Die Investmentbanken haben aber auch die Rechnung bezahlt: Es gibt sie nicht mehr.
STANDARD: Anleger haben aber auch bezahlt: Es gibt ihr Geld nicht mehr.
Stepic: Ja, ich bin auch einer davon.
STANDARD: Was haben Sie verloren?
Stepic: Zu viel.
STANDARD: Sie sind wohl trotzdem noch reich?
Stepic: Was ist reich?
STANDARD: Ich antworte aus der Gegenrichtung: Arm ist und bleibt laut Marx der, der sein Geld nur als Mittel verwendet, für den Kauf von Konsumgütern ausgibt.
Stepic: Dann bin ich reich. Denn ich verdiene gut und habe einen guten Vertrag. Allerdings gebe ich wenig Geld für mich selbst aus, ich habe ja wenig Zeit zum Einkaufen.
STANDARD: Für Ihre Kunstsammlung geben Sie aber schon Geld aus.
Stepic: Ja, jeder hat seinen Spleen. Ich sammle seit dreißig Jahren afrikanische Kunst.
STANDARD: Die Masken und Figuren stehen ja auch in Ihrem Büro am Stadtpark. Wobei, der gelbe Raiffeisen-Ochse, der auch dort steht, passt gar nicht dazu.
Stepic: Da waren Sie im falschen Büro: Der Bulle vor meinem Büro ist nicht gelb, sondern aus Sandstein und daher weiß.
STANDARD: Warum mögen Sie eigentlich gerade afrikanische Kunst so gern?
Stepic: Weil sie so urtümlich ist. Afrika ist der am wenigsten verfälschte Kontinent, hat sich seit der Kolonialzeit am wenigsten verändert. Das ist für die Menschen dort schlecht, weil sie am wirtschaftlichen Aufschwung der Welt am wenigsten partizipiert haben. Für jemanden, der so wie ich dorthin fährt, um sich das alles anzuschauen, ist es aber sehr interessant. Aber ich wollte noch einmal zurück zu den Anlegern: Wir kommen aus einer zehnjährigen Boomphase, und auch die Anleger waren von einer gewissen Grundgier erfasst. Auch sie glaubten, der Markt kann nur in eine Richtung gehen, das Thema Risiko ist generell verblasst. Die Börsen stiegen unglaublich steil, jetzt ist einfach die Gegenbewegung da. Nach zehn fetten haben wir nun die mageren Jahre vor uns, damit muss man sich abfinden.
STANDARD: Vorbei, der so genannte Turbokapitalismus?
Stepic: Ich weiß nicht, wie man den definiert. Wir hatten jedenfalls einen höchst ausgeprägten Kapitalismus, mit sehr hohen Wachstums- und Einkommenssteigerungen.
STANDARD: Der ist uns entglitten?
Stepic: Wir haben natürliche Grenzen überschritten. Wenn in den USA gesagt wurde, jeder müsse ein Haus haben, dann hat das völlig unerfüllbare Erwartungen geschaffen. Jedem mexikanischen Hilfsarbeiter mit 800 Dollar Einkommen wurde ein Hauskredit aufgeschwatzt, da wurden wirklich alle Grenzen überschritten.
STANDARD: Was kommt jetzt? Kapitalismus light?
Stepic: Besser gemanagter Kapitalismus, mit mehr Kontrollen.
STANDARD: Die Überhitzung der USA hätte aber früher auffallen können, auch Ihnen. Sie wiederum haben alle Karten auf Osteuropa gesetzt.
Stepic: Das Überraschende war, dass die Folgen der Subprime-Krise so schnell die ganze Welt erfassten, das kam wirklich turbomäßig. In Osteuropa muss das Wachstum nach fünfzig Jahren Kommunismus stärker sein, um sich dem Niveau des Westens zu nähern. Im Rückblick war es in einigen Ländern die letzten zwei, drei Jahre zu hoch.
STANDARD: Im Stück sagte ein Ex-Spielsüchtiger, er sei käuflich. Sind alle Menschen käuflich?
Stepic: Ich wusste, dass Sie das fragen werden. Es klingt zwar sehr gut, aber: Nein, nicht alle Menschen sind käuflich.
STANDARD: Sind Sie oft in die Verlegenheit geraten, sich überlegen zu müssen, ob Sie es sind?
Stepic: Einige wenige Male hat man es versucht.
STANDARD: Wollen Sie erzählen, wie das war?
Stepic: Nein, das will ich nicht.
Standard: Im Theater trat auch ein Ex-Spielsüchtiger auf. Banken werden derzeit gern mit Casinos verglichen...
Stepic: Solange es gut läuft, passt alles, wenn es einmal nicht mehr gut läuft und Anleger Geld verlieren, sucht man eben Schuldige. Unseren Universalbanken gegenüber sind diese Vorwürfe unfair, denn die Hauptschuld der Finanzkrise geht auf die Rechnung der Investmentbanken; die Universalbanken werden jetzt von der Krise der Realwirtschaft erwischt. Ich fühle mich nicht schuldig, wieso sollte ich auch?
STANDARD: Ist RI zu schnell gewachsen? Sie haben bis vor kurzem jeden Tag eine Filiale eröffnet, Wachstum schien eine Religion zu sein...
Stepic: Wachstum war sicher keine Religion, wir waren in manchen Märkten einfach unterrepräsentiert und daher gezwungen, unsere Präsenz zu erhöhen. Raiffeisen ist ja lange vor allen anderen nach Osteuropa gegangen, ich war da Pionier und Trendsetter. In den Osten zu gehen, war sicher die richtige Entscheidung - auch wenn die Krise Spuren in unserem Unternehmen hinterlassen wird ...
STANDARD: ... euphemistisch gesagt ...
Stepic: Ja, als Manager bin ich jetzt extrem gefordert, diese Krise zu meistern. Ich muss meine Kunden durchbringen, meine Mitarbeiter motiviert halten und ihnen gleichzeitig sagen, dass wir das Unternehmen wesentlich verändern, das Kreditgeschäft bremsen, schlimmstenfalls zurückfahren.
STANDARD: Sie können Ihren Kreditkunden ja die Frage stellen, die sich der Marxismus-Experte im Stück von seinem Traumverkäufer erwartet: "Brauchen Sie das wirklich"?
Stepic: Ich habe den Satz notiert, wie Sie gesehen haben. Aber im Ernst: Wir restrukturieren Kredite und müssen unser Risiko-Management viel rascher umgestalten, als wir es unter normalen Umständen je tun hätten können. Am Ende der Krise werden wir Weltklasse im Risiko-Managen sein.
STANDARD: Kurzum, Sie haben eine Menge ernster Probleme am Hals.
Stepic: Ja.
STANDARD: Sie nehmen zu, wenn Sie Stress haben. Wie viele Kilo mehr ?
Stepic: Zu viele.
STANDARD: Mich interessiert, wie sich so eine Krise auf Manager auswirkt. Schlafen Sie schlecht? Haben Sie Angst? Ich würd' mich ja fürchten.
Stepic: Frau Graber. Schauen Sie mich an. Schau' ich aus, als würde ich schlecht schlafen? Nein. Die Krise ist eine extreme berufliche Herausforderung für mich, der ich positiv begegne. Ich fürchte mich nicht davor und habe auch keine Schuldgefühle. Wir analysieren und beobachten alles sehr genau, haben seit vielen Monaten ganz strikte Notfallpläne in der Schublade. Bis jetzt ist für mich wenig Überraschendes passiert. Ich hoffe, es kommt nicht noch.
STANDARD: In der Russland-Krise 1998 haben Sie aber sehr wohl schlecht geschlafen, und da ging es für Raiffeisen um vergleichsweise wenig Geld: um ungefähr 150 Mio. Dollar.
Stepic: Ja, das stimmt, damals habe ich schlecht geschlafen. Aber das lag an der für mich unkontrollierbaren Situation: Ich wusste nicht, ob unsere Aktionäre entscheiden, dass wir uns aus Russland zurückziehen sollen. Das wäre Wahnsinn gewesen in meinen Augen, und das ist zum Glück auch nicht geschehen.
STANDARD: Ihre Frau hat einen ganz anderen Blickwinkel, ist Therapeutin. Reden Sie viel mit Ihr?
Stepic: Ja, sie ist für mich die strengste Seelenreuse. Aber das würde sie nicht gern hören.
STANDARD: Angenommen, es ginge schief, Sie würden als Bankchef abgelöst. Was bliebe Ihnen?
Stepic: Das wäre eine sehr sehr große Enttäuschung für mich.
STANDARD: Marx' Lebensmotto war, man müsse alles anzweifeln. Was ist denn Ihres?
Stepic: Es ist um jeden Tag schade, an dem man nichts geleistet hat.
STANDARD: Marx' Lieblingshelden waren Spartacus, Gretchen. Ihre?
Stepic: Wir haben doch gerade dieses Stück mit Laienschauspielern gesehen, einer davon blind. Als er sich verbeugt hat, mit dieser inneren Freude, die aus ihm geleuchtet hat, da hab' ich innerlich geweint. Leute wie er sind meine Helden.
STANDARD: Letzte Frage: Worum geht's im Leben?
Stepic: Ich will Dinge verändern und große Dinge schaffen. Das hat mich mein Leben lang angetrieben, und das tut es noch. (Renate Graber, DER STANDARD, Printausgabe, 30./31.5.2009)
Zur Person
Herbert Stepic (63) führt seit 2001 Raiffeisen
International (RI), ist RZB-Vizechef. Er war bei den Schulbrüdern im
katholischen Internat, studierte Wirtschaft, wurde "Ostpionier" der
Banken. Derzeit hat der zweifache Vater allerhand zu tun: RI ist in 17
Ländern aktiv. Der "Abenteurertyp" sammelt afrikanische Kunst,
unterhält eine wohltätige Stiftung und liebt Mehlspeisen.