Jede siebte Salmonelle "opfert" sich zum Wohle ihrer Artgenossen

1. Juni 2009, 18:28
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Attacken auf Darmwand lösen Entzündungsreaktion aus, die den Bakterien in mehrfacher Weise hilft

Zürich - Um die Schutzmechanismen im Darm des Menschen zu überwinden, gehen Salmonellen äußerst "raffiniert" vor: Sie opfern einen Teil ihrer Kolonien und ernähren sich von den Abwehrsubstanzen des Darms, die diese auslösen, wie Mikrobiologen der ETH Zürich bei der Untersuchung von Mausdärmen entdeckten. Die Leistung, die Salmonellen bei ihrer Ausbreitung im Darm vollbringen, ist angesichts der für sie lebensfeindlichen Umwelt enorm. Jeder Milliliter Kot enthält im Dickdarm bereits Milliarden verschiedenster Bakterien, die den Abbau der nach dem Dünndarm noch übrigen Nährstoffe besorgen und für neue Eindringlinge kaum Nahrung übrig lassen. "Der Darm ist das dichteste Bakterien-Ökosystem der Welt", so der Forschungsleiter Wolf-Dietrich Hardt.

Um sich dennoch auszubreiten, wenden Salmonellen einen Trick an, so die Entdeckung der Züricher Forscher. "Etwa jede siebte Salmonelle attackiert die Darmwand, indem es ihr Botenstoffe einimpft und damit deren Signalübertragung stört. Damit wird eine Entzündungsreaktion des Darms provoziert, die zur Notwehr gegen Erreger dient. Wenn dabei auch die angreifenden Salmonellen sterben, profitiert der Rest der Kolonie von diesem Mechanismus in mehreren Formen", erklärt Hardt. Denn der von der Darmwand ausgestoßene Schleim vernichtet einerseits Darmbakterien und schafft so Raum für die Salmonellen. Andererseits enthält er zuckerreiche Eiweiße, sogenannte Muzine, die den Eindringlingen als Nahrung dient. "Salmonellen riechen durch ihre Flagellen die Muzine und bewegen sich gezielt auf sie zu", so Hardt. Die Durchfallerreger vermehren sich auf diese Weise und wiederholen ihr Spiel mit der Darmwand.

Resistenz bis zu einem gewissen Ausmaß

Um bei einer Vergiftung mit Salmonellen die Oberhand zu bewahren, besitzt der menschliche Körper mehrere Strategien. Der wichtigste Schutz ist dabei die intakte Darmflora. "Der gesunde Darm ist relativ resistent und muss für eine Infektion von mindestens 100.000 Salmonellen bombardiert werden. Das bedeutet für die Erreger eine Herkules-Aufgabe", so Hardt. Eine vorausgehende Antibiotika-Behandlung, die schützende Darmbakterien vernichtet, stellt daher ein Hauptrisiko der Erkrankung dar. Daneben besitzt der Körper jedoch auch eine adaptive Immunität. "Ein bis zwei Wochen braucht der Körper, um nach der Infektion Antikörper gegen Salmonellen zu bilden. Da die Darmentzündung jedoch bereits nach etwa fünf Tagen abklingt, kann man auf weitere bisher unbekannte Schutzmechanismen schließen", erklärt der Züricher Mikrobiologe.

Salmonellen sind an jeder zweiten bakteriellen Durchfallerkrankung beteiligt, wobei in Mitteleuropa das Gros der Durchfälle - vier von fünf Erkrankungen - auf Viren zurückgehen. Verseuchungen haben ihren Ursprung vor allem in landwirtschaftlichen Massenhaltungen von Geflügel und anderen Tieren. "Das Problem tritt aber kaum bei frischer Kontamination auf, sondern entsteht durch schlechte Lagerung oder Verarbeitung", so Hardt. Untersuchungen zeigen zwar, dass jedes zehnte Ei Salmonellen enthält, sie fanden aber bloß zwischen einem und zehn Erregern pro Ei, was Hardt als unbedenklich wertet. In Speisen mit rohen Eiern wie etwa Tiramisu, die vor dem Verzehr oder Verkauf mehrere Tage bei Raumtemperatur gelagert werden, finden Salmonellen jedoch einen idealen Nährboden für die Vermehrung. "Besonders in Großküchen von Altenheimen oder Krankenhäusern kann das zu ernsten Problemen führen, da ihre Erzeugnisse in ohnehin empfindliche Patientendärme gelangen", so der Salmonellen-Forscher gegenüber pressetext. (pte/red)

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    Petrischale mit Salmonellenkultur

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