BürgerInnen kämpften für Frauenorganisation

1. Juni 2009, 16:21
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Die Rückeroberung von "Aware" sehen ExpertInnen als Zeichen einer erwachenden Zivilgesellschaft im Stadtstaat, wo Homosexualität immer noch verboten ist - Christinnen tragen allerdings moralischen Sieg davon

Singapur - Ein Machtkampf in Singapurs einflussreichster Fraueneinrichtung "Aware" hat die konservative Zivilgesellschaft des Stadtstaates zum Leben erweckt und öffentliche Debatten zu den Tabu-Themen Sex und Religion entfacht:

Nachdem zwei verschiedene Frauengruppen um die Kontrolle der "Singapur Vereinigung von Frauen für Aktion und Forschung" ("Aware") kämpften, avancierten die regierungsfreundlichen Medien zum Austragungsort für die Debatten von BefürworterInnen und GegnerInnen der beiden Seiten. Darunter fielen abfällige Bemerkungen gegenüber Homosexualität, aber auch die Themen Christentum und Meinungsfreiheit wurden diskutiert.

Werbung für Homosexualität

Zu den öffentlichen Auseinandersetzungen kam es, nachdem eine Gruppe von Frauen chinesischer Abstammung aus einem lokalen christlichen Verbund im März überraschend die Organisation übernahmen. Ihrer Ansicht nach förderte Aware in der Vergangenheit Homosexualität, indem sie Sexualunterricht an Schulen organisierten. Homosexualität ist in dem Stadtstaat verboten. Aware wurde seit 20 Jahren von derselben Gruppe von Frauen geleitet und setzte sich ethnisch und religiös gemischt zusammen.

Skepsis gegenüber den Motiven der christlichen Rebellinnen motivierte hunderte von Frauen, sich als neue Mitglieder von Aware einzuschreiben. Die ehemalige Führung setzte darauf hin Anfang Mai ein Misstrauensvotum gegen die neue Direktion in Gang und gewann nach einer chaotischen Sitzung die Macht über die Frauenorganisation zurück.

Erwachte Zivilgesellschaft?

Singapur gilt als politisch stabiles Land: Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1965 regiert die Volksbewegungspartei ununterbrochen und hat bei keiner Wahl bisher mehr als vier Sitze verloren. Die Vorgänge rund um Aware lassen ExpertInnen nun von einem neuen Politikverständnis in Singapur sprechen: "Das ist ein Beispiel für Zivilgesellschaft, die einen Entscheidungsfindungsprozess durchläuft ohne Einmischung des Staates", so Terence Chong vom Institut für Südostasien-Studien.

Externer Sexualunterricht gestrichen

Wenngleich die Christinnen den Kampf um die Kontrolle der Fraueneinrichtung verloren haben, so haben sie aber vermutlich dennoch den moralischen Sieg davongetragen: Anfang Mai gab das Unterrichtsministerium bekannt, dass sie Workshops zur Sexualaufklärung von Aware und anderen externen Anbietern künftig nicht mehr an öffentlichen Schulen zulassen würden. Der Schritt wurde damit begründet, dass Teile der Lerninhalte nicht mit den Richtlinien der Schulen im Einklang stünden. "Einige Passagen im ReferentInnen-Handbuch sind explizit und unangebracht und enthalten Botschaften, die Homosexualität fördern können oder Einverständnis mit vorehelichem Sex signalisieren", heißt es in der Mitteilung.

Nichtsdestotrotz wird die Geschichte von Aware von ExpertInnen als "beispiellos" für Singapur bezeichnet, wo jedes öffentliche Zusammentreffen mit einem inhaltlichen Grund einer polizeilichen Erlaubnis bedarf, wo Menschen grundsätzlich als apolitisch betrachtet werden und in dem viele der großen NGOs wie Amnesty International oder Greenpeace nicht einmal ein Büro haben.

Die neue Aware-Präsidentin, Dana Lama, bezeichnete die Ereignisse als Sieg für die basisdemokratische Zivilgesellschaft. "Die längste Zeit dachten wir, die Menschen in Singapur interessieren sich für nichts anderes als Shopping, Essen und ihre eigenen Karrieren. Das Schönste an dieser Sache ist, dass ich jetzt weiß: Es gibt hier Leute, die dazu motiviert werden können aufzustehen, weil sie sich mit einem Thema identifizieren", so Lam abschließend gegenüber Reuters. (Reuters/red)

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    Nur Shopping und die eigene Karriere im Sinn? Mit der Rettungsaktion der Frauenorganisation "Aware" habe Singapur gezeigt, dass es auch eine aktive Zivilgesellschaft hat, meinen ExpertInnen.

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