Chen Shui-bians Hunger nach dem großen Geld

26. Mai 2009, 18:08
  • Artikelbild
    foto: ap

    Elf Millionen Euro laut Anklage veruntreut: Chen Shui-bian.

Der Korruptionsprozess gegen den früheren Präsidenten wirft auch ein schlechtes Licht auf dessen Unabhängigkeitspolitik gegenüber China

Chens Glaubwürdigkeit ist geschwunden.

*****

Sechs Monate sitzt er schon, ein Buch hat er geschrieben und zwei Hungerstreiks begonnen und wieder beendet, doch die Parteifreunde von einst kamen erst in den vergangenen Tagen zu Besuch in die Zelle: Der Korruptionsprozess gegen den früheren taiwanischen Präsidenten und Bürgerrechtler Chen Shui-bian ist ein Desaster für die Demokratische Fortschrittspartei DPP.

Ermutigen wollte sie ihn, so behauptete Tsai Ing-wen, die Parteichefin und eine der klügsten Köpfe der früheren Chen-Regierung, nach dem Besuch in dem Gefängnis am Stadtrand von Taipeh. Die Justiz sei voreingenommen, meinte Su Tseng-chang, Chens letzter Premier. In Wahrheit aber ging es ihnen um den eigenen Erfolg, um eine halbwegs eindrucksvolle Massendemonstration in Taipeh und Kaohsiung, Chens Hochburg im Süden der Insel, gegen die Politik der Annäherung an China.

Acht Jahre, zwei Amtszeiten lang, hatte Chen Shui-bian Peking die Stirn geboten, auf die eigene Identität Taiwans gepocht und die Demokratie. Immer noch hat der inhaftierte Präsident seine Gefolgschaft unter den DPP-Wählern.

Mehr als eine halbe Million Demonstranten will die Oppositionspartei bei ihren Protesten vor zwei Wochen auf die Beine gebracht haben. Doch die enormen Korruptionsvorwürfe gegen Chen und dessen Familie haben die Unabhängigkeitspolitik des früheren Präsidenten diskreditiert - die neue Parteiführung kann es drehen und wenden, wie sie will. Chen Shui-bian, der einfache Mann aus dem Volk, hat sie verraten - so sieht es aus.

"A-bian" haben Taiwans Bauern ihren einstigen Helden genannt: Auch wenn unser Bauch "bian-bian" - sehr dünn - ist, unterstützen wird dich mit unserem Geld, hieß die Losung für den Anwalt, der gegen das autoritäre Regime der Kuomintang (KMT) auf Taiwan ankämpfte und im Jahr 2000 den politischen Wechsel erreichte. Doch angesichts der umgerechnet knapp elf Millionen Euro, die Chen während seiner Amtszeit laut Anklage veruntreut, als Bestechungsgelder von Bauunternehmen eingestrichen und auf Konten im Ausland gebunkert hat, klingen die früheren Solidaritätserklärungen der Bauern fast tragisch.

Er werde nicht Selbstmord begehen wie sein früherer Amtskollege, Südkoreas Ex-Präsident Roh Moo-hyun, versicherte Chen Anfang der Woche. Er wolle leben, um zu sehen, wie seine "Feinde" bestraft würden. Chen und Roh haben einiges gemeinsam: Beide kamen aus einfachen Verhältnissen, waren Bürgerrechtler und machten sich einen Namen als politische Saubermänner.

Anfang des Jahres, als das Verfahren gegen Chens Frau Wu Shu-chen begann, gab es noch eine Art Verteidigungslinie: Sie war es, die an allem die Schuld trug und ihren Mann mit immer größer werdender Gier in den Korruptionsstrudel trieb, ein wenig wie im Märchen vom Fischer und seiner Frau und dem goldenen Fisch, der immer extravagantere Wünsche erfüllen musste. Die gebrechliche Wu Shu-chen schien eine geeignete Schuldige, der die Öffentlichkeit verzeihen konnte. 1985, als ihr Mann erstmals gegen die KMT in Taipeh antrat und verlor, fuhr ein Lastwagen dreimal über sie hinweg. Wu überlebte, doch sitzt sie seither im Rollstuhl. Dass die Kuomintang den Fahrer angeheuert hatte, gilt immer noch als denkbare Version.

Chens Nachfolger im Amt, der KMT-Politiker Ma Jing-jeou, hat derweil einen großen diplomatischen Erfolg Taiwans verbucht. Nach 38 Jahren Wartezeit nahm erstmals ein taiwanisches Regierungsmitglied als Beobachter an der Jahresversammlung der Weltgesundheitsbehörde WHO in Genf teil. China hatte Taiwans Kandidatur regelmäßig blockiert, erst recht während Chens Präsidentschaft. Taiwan ist nun unter den Namen "chinesisches Taipeh" in die UN-Organisation eingezogen. Für die Anhänger der Unabhängigkeitspolitik ist das ein schwer erträglicher Kompromiss. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 27.5.2009)

 

Kommentar posten
14 Postings
Jens Meier
 
11
28.5.2009, 14:53
Chinesisch Taipei...

in allen Darstellungen der WHO finde ich den Verweis auf "Taiwan, Provinz von China". Und dass soll der Durchbruch sein? Das konnte Taiwan auch in den 42 Jahren vorher haben. Dazu kommen die 5 Mio US$ "Schutzgeld", die Taiwan gezahlt hat... Also die volle Aufgabe und totale Unterordnung unter China.
Was hier nicht in der Presse steht: Taiwan musste auch Druck Chinas schon wieder 4 Vertretungen im Ausland (Asien) schliessen. Ich dachte, die neue Regierung ist so toll und hat einen diplomatischen Durchbruch errungen? WHO-Beobachterstatus für totale Aufgabe und in einer Woche gleich 4 Vertretungen verloren - sieht nach einer Pleite für die Ma-Administration aus. Gut, dass das Chen-Thema für Ablenkung sorgt, auch hier im Ausland.

Panda123
11
28.5.2009, 22:56

Ich stimme Ihnen da vollkommen zu. Ma hat für das Land Taiwan nichts erreicht sondern hat es noch tiefer in sein Provinz-Dasein (aus gewissen Blickwinkeln ist es ja so) gedrückt. Über das Thema lässt sich erschreckend (!) viel schreiben ... aber ist nun mal nicht Thema des Artikels.
Ich hoffe nur dass sich Herr Markus Bernath die interessanteren Fakten für einen anderen Artikel aufgespart hat und es nicht so ist, dass sie ihm einfach nur nicht bekannt sind. Hoffentlich ...

Jens Meier
 
10
28.5.2009, 14:48
Guter Artikel?

Na ja, die Anschuldigungen gegen Chen werden breit getreten, genauso wie in den staatstreuen Medien Taiwans - da dürfte die PR-Abteilung der herrschenden KMT die Vorlagen geliefert haben.
Was nicht genannt wird: international laufen Menschen Sturm gegen die Art, WIE der Prozess geführt wird. Sogar Präsidents Ma alter Jura Professor in den USA schämt sich in offenen Briefen, wie in Taiwan der Rechtsstaat demontiert wird, um hier einen Showprozess zu führen. Hintergrund: die Steuerhinterziehung kann Chen wie fast jedem taiwanesischen Politiker nachgewiesen werden. Ansonsten: totale Pleite für die Anklage! Nichts...
Dafür: Informationslecks an die Presse, in Talkshows singende Staatsanwälte etc. eine Scham für die frische Demokratie im Land.

beowulf2
 
21
28.5.2009, 17:18

Sie haben noch ganz vergessen, dass Präsident Ma laut DPP noch eine homosexuelle Affäre mit einem farbigen DJ hatte! Oder ist der Teil der Schmutzkampagne nur für den asiatischen Markt reserviert? In Europa könnte das ja als homosexuellen feindlich und rassistisch ausgelegt werden ;-)

Das Verhalten der DPP trägt ja auch nicht gerade zum Stolz für die frische Demokratie im Lande bei.

Jens Meier
 
10
29.5.2009, 03:16
weil es Unterschiede gibt

ob eine Partei kindische
Sprüche klopft (das gehört immer zum Spiel) oder eine Staatsanwaltschaft, ein oberster Gerichtshof und die Polizei eines Landes gezielt von der herrschenden Partei für eine Vandetta eingesetzt werden?
Ich meine, dass es da Unterschiede gibt.
Sie nicht auch?

beowulf2
 
11
29.5.2009, 17:06

Ja gibt es - nur kann ich das von ihnen beschriebene nicht beobachten. Was ich beobachten kann sind (zum Teil - nicht alle DPPler sind so) gewaltbereite DPP Anhänger und Politiker die körperlich chinesische Gesandte oder KMT Abgeordnete angreifen und wenn sie von der Polizei dabei eingebremst werden "Weißer Terror - Weißer Terror" schreien.

Jens Meier
 
20
30.5.2009, 08:52

Dann sollten Sie mehr als die Boulevardpresse lesen. "Der Standard" ist definitiv nicht Boulevard, aber er bedient hier Interessen durch eine sehr schönfärberische und einseitige Berichterstattung, die viele Fakten komplett unterschlägt.

beowulf2
 
00
30.5.2009, 16:25

Ich brauch mich nicht an "Polizeiberichten" orientieren, wenn es solche Videoaufnahmen zu den Vorfällen gibt:

z.B. Hier (nur ein Beispiel von vielen)

DPP Politiker + Anhänger attackieren chinesischen Abgeordneten beim Besuch eines Tempels (sic!)

http://www.youtube.com/watch?v=itHUhuJz4Hw

Die DPP verläuft sich seit Jahren immer mehr in selbstgerechten Hass und Dämonisierung. Weder KP noch KMT sind "heilige" das ist klar.
Und bevor sie sich auf Sprüche wie gerechtfertiger Widerstand etc. zurückziehen. Demonstrationen sind ok - gewalttätige Auseinandersetzungen wie oben NICHT!
Die DPP wird aber immer mehr zu dem was sie angeblich bekämpft.

Jens Meier
 
10
31.5.2009, 14:52
Der chinesische Gesandte

sollte seine offizielle Politik überdenken, dass er die Taiwanesen umbringen möchte und ihr Land annektieren möchte, falls sie sich nicht freiwillig unterwerfen. Dann mögen ihn auch mehr Taiwanesen.
Manchmal ist es so einfach!

beowulf2
 
01
31.5.2009, 19:50

"von seiner Politik, dass er alle Taiwanesen umbringen möchte..."

Nö.... keine Spur von selbstgerechtem Hass und Dämonisierung :-)

Jens Meier
 
00
31.5.2009, 14:49
Der chinesische Gesandte

sollte vielleicht Abstand von seiner Politik nehmen, dass er alle Taiwanesen umbringen möchte, wenn sich diese ihm nicht unterwerfen. Dann mögen ihn vielleicht auch mehr Taiwanesen. Manchmal ist es so einfach...

Jens Meier
 
10
30.5.2009, 04:22
einfach mal so lesen...

was in der internationalen und vor allem in der taiwanesischen Presse/Medien berichtet wird. Vor allem die Polizeiberichte aus Taiwan sind lesenswert zum Thema "gewaltbereite DPPler". Komischerweise kommen die meisten davon (lt. KMT-treuer Polizei) aus dem Triadenlager, welches bis in die 80er die blutige Drecksarbeit der KMT erledigte. Auch heute leisten die Jungs als Provokateure gute Arbeit. Wie gesagt, dass sind alles Aussagen der Polizei. Ganz offiziell.
Es wäre schön gewesen, wenn dieser Artikel auch beschreibt, dass manche Vorgehensweisen der Polizei und Staatsanwaltschaft nicht verfassungskonform sind - allerdings nicht im Chen-Fall, da lässt sie der oberste Gerichtshof komischerweise zu.

NONE
10
27.5.2009, 00:21

Ausführlich und scheinbar inhaltlich gut.

Manchmal muss man doch auch Standard-Mitarbeiter loben (dann schimpft es sich später umso leichter) ;-)

Panda123
12
27.5.2009, 04:51
Stimmt.

Doch bei all der Ausführlichkeit, vermisse ich die Erwähnung des Korruptionsfalls von Ma vor wenigen Jahren. Man kann natürlich nicht alles in so einen Artikel reinpacken, aber das hätte noch echt gut zum Thema gepasst.
Ansonsten ist der Artikel tatsächlich überraschend gut.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.