"Ich muss mir 'Illuminati' anschauen"

22. Mai 2009, 18:03
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Wissenschaftsminister Johannes Hahn über Cern-Forschung und Kinopremieren, Durchhalte-SMS und den schönen, teuren Urknall

Standard: Wie war das, als Sie beim Cern-Rennen schon im Ziel waren und dann nur Zweiter wurden?

Hahn:  Ich gebe zu, ich bin noch immer etwas konsterniert über die Vorgänge, die da abgelaufen sind. Aber auch für die Wissenschafts- und Forschungspolitik gilt, dass eben Leute mitentscheiden, die in der Sache selbst nicht unmittelbar eingearbeitet sind.

Standard:  Sie meinen Kanzler Werner Faymann, der den von Ihnen beschlossenen Austritt aus dem Teilchenforschungsprojekt in Genf zurückgenommen hat, und Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll, der sich laut einmischte?

Hahn:  Ja. Aber ich mache ihnen da keinen Vorwurf, die haben ja auch andere Aufgabenstellungen.

Standard: Sie halten die Entscheidung für definitiv falsch?

Hahn:  Daraus habe ich nie ein Hehl gemacht. Es war die Entscheidung des SP-Chefs, der auch Kanzler ist. Faymann hat mir gesagt, die SPÖ wird in der Frage definitiv nicht mitgehen. Darum habe ich gesagt, o.k., der Fall ist gegessen. Ich habe nie die Cern-Aktivitäten diskreditiert. Ich habe nur gesagt, die Relation passt nicht. Dazu stehe ich. Man kann mit dem Geld etwas Besseres machen, und an unseren zwei Prozent Mitgliedsbeitrag wäre Cern nicht zerbrochen.

Standard:  Wie kann so was passieren, dass ein Fachminister eine Entscheidung trifft, und dann pfeift ihn der Bundeskanzler zurück?

Hahn:  Es war ja nicht so, dass ich eines Nachts aufgesprungen bin und gesagt habe, jetzt treten wir aus. Es gibt ein klares Cern-Austrittsprozedere. Wir haben die Beendigung der Mitgliedschaft vertragsgemäß angekündigt und im Vorfeld mit dem Außenministerium die nötigen Schritte geklärt. Irgendwann musste ich es öffentlich sagen, und dann ist zu handeln. Das war nicht überfalls-artig. Was wirklich toll funktioniert hat in Genf, ist die PR-Maschinerie. Zu mir haben Leute gesagt: "Wie kannst du jetzt, wenn der Film Illuminati anläuft, austreten?" Ich kann und will meine Politik aber nicht von Kinopremieren abhängig machen. Ich habe den Film noch nicht gesehen, aber ich muss ihn jetzt anschauen, damit ich den Kenntnisstand von Peter Westenthaler und Gerald Grosz vom BZÖ nachvollziehen kann. Die haben im Parlament stundenlang "Illuminati" geschrieen ...

Standard:  ...weil in dem Film ein Physiker ausgerechnet im Forschungszentrum Cern ermordet wird. - Die Science-Community war im Verlauf der Cern-Austrittsdebatte nur bedingt unterstützend ...

Hahn:  Es war klar, dass die Teilchenphysiker nicht erfreut sind. Viele andere, die um die Relationen wissen, haben sehr wohl Verständnis für den Cern-Ausstieg gezeigt, dann aber aus möglicherweise falsch verstandener Solidarität geschwiegen. Ich habe SMS erhalten: "Durchhalten, das Schweigen der Community ist Teil der Zustimmung." Da sag ich: Ja super, aber es wäre gut, wenn die Community etwas sagt. Am Ende des Tages muss ich nun alle zum Ballhausplatz 2 zum Bundeskanzler schicken.

Standard:  Sehen Sie noch eine Chance, Österreichs Grundbeitrag zum Cern zu reduzieren?

Hahn:  Nein. Die Beitragsreduktion wäre ein Ansatz von mir gewesen, und wir hatten schon Verhandlungstermine mit Genf. Aber diese Strategie haben der Landeshauptmann und der Bundeskanzler unserem Land aus der Hand geschlagen. Ich habe dem Bundeskanzler gesagt, nachzuverhandeln hat keinen Sinn mehr. Cern-Direktor Heuer belächelt uns ja, wenn er vorher weiß, wir bleiben eh dabei. Warum soll der das dann noch billiger geben? Man wird das nun aber sicher auf europäischer Ebene besprechen müssen. Die Struktur von Cern stammt aus den 1950er-Jahren, der Zeit des Kalten Kriegs. Heute wird internationale Forschung ganz anders, projektorientiert und auf absehbare Zeitspannen organisiert. Das wirklich Schöne aus der Sicht von Cern ist, dass sie nie zu einem Endergebnis kommen. In dem Moment, wo sie etwas entdeckt haben, stellt sich die Frage: Was war davor? Auch der Urknall muss eine Grundlage haben.

Standard:  Das ist aber Grundlagenforschung - ein Teil Ihres Ressorts ...

Hahn: Ja. Aber je näher man dem kommt, was man als Ausgangspunkt unserer Existenz betrachtet, umso teurer wird die Forschung. Wir werden einen gewissen Teil vom Mystizismus nie ausblenden können. Die Frage ist, wie viel Mystizismus wollen wir haben. Dafür geben wir relativ viel Geld aus.

Standard:  Woher soll das Geld - es geht um 20 Millionen Euro pro Jahr - jetzt kommen? Finanzminister Josef Pröll, sagte, das "Geld wird woanders aufzustellen sein" - er meinte damit Ihr Wissenschaftsbudget.

Hahn:  Das ist auch richtig. Ich wollte die Cern-Mittel umschichten und auf andere Projekte umsteigen. Irgendwo muss ich das Geld hereinholen. Ich bin hundertprozentig sicher, die Geschichte wird mir recht geben, aber davon können weder die Wissenschaftsszene noch ich mir etwas kaufen. Klar ist, der Wissenschaftsfonds FWF bekommt sein zugesagtes Geld. Da findet kompetitive Forschung statt. Die brauchen wir. Aber ich befürchte, dass es an anderen Stellen Einschränkungen geben wird. Wir schauen uns das gerade an.

Standard:  Sie könnten von Faymann ja fordern, dass das "Modell Schmied" Schule macht und auch Ihnen die Mieten der Unis gestundet werden. Da ließe sich Geld holen.

Hahn:  Das ist ja kein zusätzliches Geld. Die Miet-Lösung heißt ja nur, Schulden auf die Zukunft zu machen. Es werden alle anderen Ressortkollegen genau schauen, dass Ministerin Schmied das auf den Cent zurückzahlt. Auch hier werde ich die SPÖ nicht freisprechen von ihrer Verantwortung.

Standard:  Der E-Voting-Testlauf bei der ÖH-Wahl endete am Freitag. Mit Problemen wie fehlenden Fraktions-Kurzbezeichnungen. Bei einer Papierwahl wäre das ein Unding.

Hahn: Bezeichnungsdebatten sind klassische Phänomene von Wahlen, die habe ich vielfach erlebt, das hat nichts mit E-Voting zu tun. E-Voting ist ein zusätzlicher Mitbestimmungskanal. Die Premiere ist technisch einwandfrei gelaufen, mehr als 2000 Studierende haben das Angebot genutzt. Ich hoffe, irgendwann wird es zur Normalität. (Peter Illetschko, Lisa Nimmervoll/ DER STANDARD-Printausgabe, 23./24.5.2009)

Zur Person

Der Philosoph Johannes Hahn (51) managte bis 2003 den Glücksspielkonzern Novomatic. Seit 2004 ist der Vertreter des liberalen Flügels der Volkspartei Chef der VP Wien.

  • Als Folge des Rücktritts vom Austritt aus der
Kernforschungsorganisation Cern werde es "Einschränkungen" geben. Der
FWF soll davon nicht betroffen sein, sagt Wissenschaftsminister
Johannes Hahn.
    foto: standard/cremer

    Als Folge des Rücktritts vom Austritt aus der Kernforschungsorganisation Cern werde es "Einschränkungen" geben. Der FWF soll davon nicht betroffen sein, sagt Wissenschaftsminister Johannes Hahn.

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