Mit dem Tandem ist man schneller als mit dem Moped; wenn man im Training ist. Aber romantisch ist was anderes
Ich war ja schon als Jugendlicher beliebt wie ein eingewachsener Nagel. Bei den Kieberern und erst recht bei den anderen Jungs der Umgebung. Ich hatte ein Moped, das ohne Luftfilter heiße 35 km/h schnell ging. Und Sie können sich sicher sein, dass ich jedesmal, wenn ich so schnell fuhr, von den Typen, die eh nie meine Freunde waren, ausgelacht wurde, bevor sie mich mit ihren Mopeds abhängten. Und dann kam "dein Freund und Kassier", eh schon sauer, weil er die Kretznen mit den frisierten Mopeds nicht daglengt hat. Aber mich hat er ja erwischt. Und wenn er meinen Vater nicht kannte, musste ich zahlen - oder musste ich zahlen, wenn er meinen Vater kannte? Das weiß ich jetzt nicht so genau.
Sie verstehen also, dass ich mit meinem Moped nie so recht glücklich war - na gut, außer im Alpengarten meiner Oma - Moped-Trial hab ich das genannt. Mein Bruder hatte gar kein Moped, er war auch noch zu jung, um eines fahren zu dürfen, aber es interessierte ihn auch gar nicht. Also legten wir uns ein Tandem zu und hörten jeden Tag dieselben schlechten Sprüche: "Wieso haßt des Tandem Tandem? Weil wenn da Hintere net tritt, tandem Vorderen die Haxn weh", haben sich die Leut über sich selbst abgeschoben, als hätten sie sich gerade selbst einen Witz erzählt, den sie noch nicht kannten.
Wirklich sauer wurden aber unsere Eh-nicht-Freunde mit den frisierten Mopeds; weil die brockten wir ganz locker. Wir waren gut in Form, und das Tandem hatte alles, was wir brauchten. Sogar Spezialspeichen in Wellenform hat unser Vater eines Tages montiert, weil die alten immer abrissen. Und während der Vordere lenkte, versuchte der Hintere, dem Gegner am Moped während des Überholvorgangs aufmunternd auf die Schulter zu klopfen. Sie verstehen, wir mussten schnell sein, denn wenn uns einer der Typen je erwischt hätte, wären wir sicher mit seinem Moped verdroschen worden.
Aber so ganz heimlich stellten wir uns das mit dem Tandem ganz anders vor. Schöner, als mit dem Bruder Idioten auf ihren stinkenden Mopeds herzubrennen, wäre für uns gewesen, hinten auf den Packlträger einen kleinen Picknickkorb zu schnallen und mit einem Mädchen runter in die Sulm-Auen zu fahren, um dort ein geheimes, ruhiges Platzerl zu suchen. Kein Dirndl hätte uns je widerstehen können. Nur auf die Fischer hätten wir aufpassen müssen, die immer auf der anderen Uferseite stehen. Es könnte ja sein, dass der Vater des Mädls gerne fischt und keine rechte Freud hat, wenn er sieht, wie rührend sich einer von uns um seine Prinzessin kümmert.
Natürlich war es uns nie vergönnt, ein romantisches Picknick in den Auen zu machen. Kaum hatte ich einen Führerschein, fuhren nur mehr meine Eltern ab und an mit dem Tandem. Abgesehen davon, dass ich natürlich nie ein Mädchen fand, das mit mir irgendwohin gefahren wäre. Nicht mit dem Auto, und schon gar nicht mit dem Radl.
Unlängst besuche ich meine Eltern, und weil ich etwas aus dem Schuppen brauche, finde ich dort unser inzwischen altes Tandem. Ich hockerl mich hin und drücke sanft den Pneu des Hinterrades, der wahrscheinlich schon seit Jahren keine Luft mehr hat. Der Rahmen ist staubig und die Kette trocken. Mir fallen die alten Geschichten ein. Ich stehe auf und wische den Staub vom hinteren Gel-Sattel, auf den wir einst so stolz waren.
Ich muss mich ein wenig vertrödelt haben, weil plötzlich meine Frau hinter mir steht. "Ah, das Tandem, von dem du mir schon einmal erzählt hast. Warum holen wir es nicht irgendwann raus, richten es her, packen eine Flasche Wein ein und fahren runter zum Sulmspitz? Ich kenne dort ein geheimes Platzerl." Sie zwinkert mir zu und ich sage: "Ja, klar - nur hoffentlich erwischt uns dein Vater nicht." (Guido Gluschitsch)