Joel Till, Christian Osou

"Die EU ist ein Rucksack mit schweren Brocken"

20. Mai 2009, 17:06
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    Zur Person: Der 56-jährige Botschafter Rudolf Lennkh ist insgesamt schon 33 Jahre im Außenministerium beschäftigt. In seiner Laufbahn als Diplomat war er zuerst im ehemaligen Jugoslawien, dann im afrikanischen Land Elfenbeinküste, in Argentinien, Spanien und Mexiko tätig. Ab Ende November 2009 übernimmt Lennkh das Amt des Botschafters in Spanien. Für ihn ist „die EU ein Rucksack mit schweren Brocken. Aber einige dieser Brocken sind Freudebrocken".

Botschafter Rudolf Lennkh ist mit der EU per Du - Im Außenministerium koordiniert er die EU-Agenden

Wir haben gehört, Ihr Hobby ist es zu jagen. Können Sie uns zwei Jagdgesetze in der EU nennen?
Rudolf Lennkh: Es gibt in der EU in diesem Sinne keine Jagdgesetze. Jeder Staat oder jedes Bundesland hat eigene Bestimmungen und Vorschriften, was die Jagd betrifft. Beispielsweise gibt es ein kärntnerisches oder ein oberösterreichisches Jagdgesetz. Was in diese Bestimmungen von der EU hineinströmt sind mehrere Richtlinien in Form eines verbindlichen Rechttextes, welcher von jedem Staat verwendet werden muss. Ein Beispiel, in dem diese Richtlinien vorhanden sind, ist der Vogelschutz. Es gibt auch noch Waffenrichtlinien, bei denen die allgemeinen Waffengesetze jedes Landes in Verbindung mit den EU Richtlinien gelten. Weiters gibt es das neue Büchsengesetz, in dem es heißt, dass alle Büchsen in Österreich registriert sein müssen.

Kennen Sie die Ferlacher Büchsenmacherei?
Rudolf Lennkh: Ja, die kenne ich sehr gut. Das sind sicherlich die besten und die teuersten Waffen, die auf der ganzen Welt bekannt sind. Bei einer schönen Ferlacher Bockbüchsflinte ist schon mit über 20.000 Euro zu rechnen.

Bei der Jagd ist es wichtig, das Ziel im Auge zu halten. Wenden Sie diesen Grundsatz auch in Ihrem beruflichen Leben an?
Rudolf Lennkh: Ja, es gelingt nicht immer, aber das Bemühen, die großen Zielsetzungen im Auge zu behalten, ist schon da. Da gibt es zwei gute Kalendersprüche zu diesem Thema. Der eine lautet: ‚Das Dringende ist der Feind des Wichtigen.' Der andere: ‚Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.' Also man vertieft sich dermaßen in Detailarbeit, dass man dabei übersieht, wo die große langfristige Perspektive hingehen soll. Gerade bei der EU-Arbeit, wo man mit einem gewaltigen Arbeitsvolumen zu tun hat, ist es wichtig, dass der Horizont im Blick bleibt.

Welches Ereignis war ausschlaggebend dafür, dass Sie Diplomat geworden sind?
Rudolf Lennkh: Ich war 16 Jahre alt und habe ein Stipendium bekommen. Ich war in Chicago bei einer amerikanischen Familie untergebracht, wo ich auch zur Schule ging. Ich hatte das Ziel, im Bereich der internationalen Beziehungen tätig zu werden. Wenn heute jemand in diesem Bereich tätig sein möchte, ist es nicht mehr so, dass man dies nur über das Außenministerium machen kann. Heutzutage kann man auch in größeren Banken und Versicherungen internationale Beziehungen pflegen. Seit den 90ern gibt es viele Unternehmen, die international tätig sind, in denen man in einer Tochtergesellschaft oder im Ausland arbeiten kann. Damals, als ich Berufseinsteiger war, war die Internationalisierung der österreichischen Wirtschaft noch nicht so fortgeschritten wie heute.

Was bedeutet die EU für Sie?
Rudolf Lennkh: Die EU ist für mich ein täglicher Rucksack mit vielen schweren Brocken drinnen. Aber einige dieser Brocken sind Freudebrocken. Es ist gut, dass es die EU gibt, und es ist gut, dass wir bei der EU sind. Ich kann beobachten, dass wir wegen unserer Mitgliedschaft in der EU als Republik Österreich einen Fortschritt erleben. Es sind Dinge geschehen, die ohne die EU nicht geschehen wären - im positiven Sinne. Dazu möchte ich jetzt gerne ein paar Beispiele anführen: Ich glaube die Internationalisierung der österreichischen Wirtschaft hätte ohne die EU nicht stattgefunden. Sie hat vor allem einen Wachstumsschub bei den Firmen bewirkt. So haben wir heute einige große regionale Konzerne, einige sind schon an der Schwelle, Weltkonzerne zu werden. All das hätte es ohne einen Headquarter in einem EU-Staat mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht gegeben. Es gibt einige wichtige Frustrationspunkte, wo wir sagen, die EU funktioniert nicht richtig. Die Prioritätensetzung bei den Angelegenheiten der EU ist meiner Meinung nach nicht immer richtig. Beispielsweise die Reaktion der EU auf die Finanz- und Wirtschaftskrise war vielleicht nicht die dynamischste. Die EU beschäftigt sich viel zu viel mit sich selbst. Ein gutes Beispiel dafür ist der Vertrag von Lissabon. Nach einer Reform wurde die Reform der Reform angeordnet. (Joel Till, Christian Osou)

 


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