Im Afghanistan-Krieg gibt es immer häufiger Opfer der chemischen Waffe weißer Phosphor – die Schuld daran will niemand tragen
Im März wurde die achtjährige Afghanin Rasia Rahman von weißem Phosphor entstellt. Rasias Vater Aziz Rahman gibt den NATO-Truppen die Schuld an den Verletzungen. "Wir waren zwischen den Fronten eingekesselt. Als sich die Taliban zurückzogen, feuerten die Soldaten schwere Geschoße auf die Taliban ab." Eines davon sei in seinem Haus gelandet.
Weißer Phosphor gegen Zivilisten Kriegsverbrechen
Das US-Militär gibt die Schuld den Taliban. Es glaube nicht, dass in der Nähe des Hauses des Mädchens Bomben fielen. Majorin Jenny Willis sagte Mitte des Monats, die Extremisten benutzten den Stoff in Granaten und selbstgebauten Sprengsätzen. 44 Fälle des Einsatzes von weißem Phosphor durch die Taliban seien dokumentiert. Laut CNN sollen Truppen am vergangenen Samstag Mörser-Geschosse mit weißem Phosphor in Verstecken der Rebellen in der Provinz Bamyian und eine Rakete mit dem gleichen Stoff in der Provinz Nanghara gefunden haben.
Kommen Menschen mit dem weißem Phosphor in Berührung, führt das zu schweren Verbrennungen. Daher betrachten Menschenrechtsgruppen die Verwendung des chemischen Stoffes in bewohnten Gebieten - wie im Januar durch die israelischen Streitkräfte bei ihrer Offensive im Gazastreifen - als Kriegsverbrechen. Solange der chemische Stoff nicht gegen Menschen eingesetzt wird, ist seine militärische Verwendung nach internationalem Recht erlaubt. Daher will das US-Militär auch weiterhin weißen Phosphor im Krieg gegen die Taliban verwendet. Die chemische Waffe wird nach Angeben der US-Streitkräfte zur Beleuchtung von Zielen in der Nacht eingesetzt. Zudem könne damit ein Nebel erzeugt und unbewohnte Gebäude zerstört werden.
Niemand hat Schuld
Auch die Taliban geben an, keinen weißen Phosphor zu besitzen. Quari Mohammed Yousuf, ein Sprecher der Taliban, sagte zu der Nachrichtenagentur: „Weder haben wir Phosphor noch verwenden wir es. Die Amerikaner benutzen weißen Phosphor bei vielen Operationen und wollen jetzt ihre Tyrannei auf die Taliban abschieben", sagte er vorige Woche via Telefon von einem unbekannten Ort. Auch in der Provinz Farah sollen laut Yousuf die U.S.-Truppen am 4. Mai in der Provinz Farah weißer Phosphor eingesetzt haben.
Dem widerspricht eine afghanische Menschenrechtsgruppe. Am Montag vergangene Woche teilte sie mit, bei dem Gefecht zwischen Taliban und US-Soldaten hätten die Aufständischen weißen Phosphor eingesetzt. In Krankenhäusern würden 16 Patienten mit entsprechenden Verbrennungen behandelt, sagte der Präsident der Unabhängigen Afghanischen Menschenrechtskommission, Nader Naderi.
Das US-Militär bestreitet, in Farah weißen Phosphor eingesetzt zu haben. "Wir haben unsere Berichte noch einmal überprüft. In Farah haben wir keine Munition mit weißem Phosphor verwendet", sagte ein hochrangiger Offizier. Es sei Politik des Militärs, den Stoff nicht gegen Menschen einzusetzen. (red, Reuters, apa, derStandard.at, 20. 05. 2009)