Der Rücktritt vom Austritt - und die Folgen

19. Mai 2009, 19:02
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Österreich bleibt beim Kernforschungszentrum Cern - die Budgetsorgen von Wissenschaftsminister Johannes Hahn wurden größer

Das fehlende Geld sei nun "woanders aufzustellen" , sagte Vizekanzler Josef Pröll (VP) vor dem Ministerrat am Dienstag. Wo dieses "woanders" ist, darüber herrscht derzeit allerdings noch Rätselraten. Nur eines ist sicher: Das dem Wissenschaftsfonds FWF zugesagte Budget (160 Millionen Euro jährlich) wird von Wissenschaftsminister Johannes Hahn (VP) sicher nicht angetastet.

Über die Höhe des Mitgliedsbeitrags von 16 Millionen in den Jahren 2011 bis 2013, die er für andere Projekte (siehe Bericht unten) verwenden wollte, soll allerdings noch verhandelt werden. Anzustreben sei ein niedrigerer Grundbetrag, heißt es aus Hahns Büro, dafür mehr projektorientierte Finanzierung. Ein Vorschlag, den schon Knut Consemüller, Vorsitzender des Rats für Forschung und Technologieentwicklung, machte.

Auftrag an die Forschung

Für Christian Fabjan, Direktor des Instituts für Hochenergiephysik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Hephy), ist der Rücktritt vom Austritt auch ein Auftrag an die österreichische Teilchenphysik, den Standort Cern noch besser als bisher zu nützen, "nicht nur, was die Wissenschaften, sondern auch, was Ausbildung, den Rückfluss für die heimische Wirtschaft und Technologietransfer betrifft." Er spricht damit indirekt jene Kritikpunkte an, die seit Bekanntgabe des Austrittswunsches diskutiert wurden.

Dabei ging es auch um mangelnde Sichtbarkeit der österreichischen Teilchenphysik - eine Kritik, die Fabjan so nicht stehen lassen will. Schließlich gingen Nobelpreisträger aus den Kooperationen mit dem Hephy hervor: Etwa Carlo Rubbia, ehemaliger Cern-Generaldirektor, der 1984 die höchste Auszeichnung der Wissenschaftswelt für die Entdeckung der W- und Z-Teilchen, die Vermittler schwacher Wechselwirkung, erhielt. Datenanalysen wurden damals von Österreichern durchgeführt.

Das Hephy, das an einem zentralen Experiment im Teilchenbeschleuniger LHC mitarbeitet, um den Nachweis für das Higgs-Bosom zu finden, ist nicht die einzige heimische Einrichtung auf diesem Gebiet: Fabjan selbst ist auch Professor für Teilchenphysik an der TU Wien, ein Lehrstuhl, der mit der Institutsleitung verknüpft ist. Daneben wird an den Unis in Graz, Wien und Innsbruck sowie am Stefan-Meyer- Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) geforscht.

Die Tatsache, dass es bisher nicht gelang, die Professur mit jüngeren exzellenten Wissenschaftern aus dem Ausland zu besetzen - Fabjan ist mittlerweile 67 und übernahm den Lehrstuhl nur provisorisch - wird den Teilchenphysikern als "Mangel an Attraktivität" ausgelegt. Stimmt nicht, heißt es in der Community. Man müsse zuerst räumliche Fragen klären: Das Hephy soll aus dem Institutsgebäude in Wien-Margareten ausziehen und mit dem Stefan-Meyer-Institut am Atominstitut im Wiener Prater zusammengelegt werden. "Wer will da herkommen, solange das nicht hundertprozentig geklärt ist?" , fragt ein Wissenschafter.

Ein Argument, das ÖAW-Präsident Peter Schuster nicht ganz gelten lassen will. "Auch das Research Center for Molecular Medicine hat, als die Räumlichkeiten am AKH noch nicht fix waren, mit Giulio Superti-Furga einen international anerkannten Forscher an die Spitze holen können."

Die Auftragslage an die österreichische Wirtschaft betrug bis 2008 im Schnitt 70 Prozent des Mitgliedsbeitrags, sagt Michael Scherz von der Außenwirtschaft Österreich. Zuletzt sei der Rückfluss tatsächlich deutlich schwächer geworden. Scherz weiss auch die Gründe: "Nachdem die großen Maschinen im Teilchenbeschleuniger LHC gebaut waren, standen hauptsächlich Serviceleistungen an. Und da erscheint es aufgrund der Lage des Cern logisch, dass Schweizer und französische Unternehmen den Zuschlag erhalten." Er wolle aber im Herbst mit heimischen Unternehmen nach Genf fahren und Technologie vom Cern in Österreich vorstellen, um den Transfer wieder anzukurbeln.

Cern-Generaldirektor Rolf Heuer zeigte sich am Dienstag jedenfalls "erfreut" , dass Österreich sich entschieden hat, weiterhin Cern-Mitglied zu bleiben. "Ich bin überzeugt davon, dass dies die richtige Entscheidung ist, nicht nur für Österreich und die österreichische Wissenschaft, sondern auch für die europäische Wissenschaft" , sagte Heuer zur Austria Presse Agentur. Österreich sei eine erfolgreiche Wissenschaftsnation, die ins Zentrum der europäischen Forschung gehöre, betonte Heuer.

"Die Situation muss jetzt analysiert werden und ist sicher eine Motivation, einen konstruktiven Dialog innerhalb der Community zu führen" , sagt Felicitas Pauss, die am Cern für Außenkontakte zuständig ist. "Die Debatte ist rationell und strategisch nicht besonders gut gelaufen. Cern ist ein wesentliches kulturelles Asset in Europa" , kommentiert Peter Skalicky, Rektor der TU Wien. "Aber es ist auch kein Anschlag auf die Teilchenphysik, wenn Minister darüber nachdenken, ob der Einsatz der Mittel noch in einem vernünftigen Verhältnis zum Gewinn steht."

Die Teilchenphysiker müssten sich nun den Kopf zerbrechen, wie man spektakulärer darstellen kann, was die Österreicher davon haben: "Bei der Raumfahrt hat man auch erst gesagt, die Teflon-Bratpfanne hätten wir billiger haben können" , meint Skalicky.

Anstatt sich zurückzulehnen müssten Wissenschafter jetzt zeigen: "Wir sind das Geld wert."

(Peter Illetschko, Karin Krichmayr, DER STANDARD/Printausgabe 20.5.2009)

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    Anhand des CMS-Experiments soll der Nachweis von Higgs-Teil- chen gelingen: Das Institut für Hochenergiephysik war Gründungsmitglied und seit den 1990er-Jahren mit dem Aufbau des Experiments beschäftigt.

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