Schorsch Kamerun macht im 2. Bezirk einen Sicherheits-Check - Über Revolution, Schweinegrippe und Hakenschlagen im STANDARD-Interview
Langfassung des Interviews von Christian Schachinger / DER STANDARD
DER STANDARD: Herr Kamerun, nach Ausbildungen als Automechaniker und Punksänger schlagen Sie mittlerweile über den dritten Bildungsweg eine Karriere als Theaterregisseur ein. Drei Laufbahnen, die allesamt die Kundschaft ziemlich nerven, oder nicht?
Schorsch Kamerun: Der klassische Theaterbegriff stößt natürlich auf. Das wird im Klischee gern als diffuse Sache zwischen Lehrstunde und ausprobierter Edelkunst wahrgenommen. Allerdings existieren auch keine Genres mehr, die man begreifen kann, wie man will. Insofern hat Theater im Gegensatz zur Musik eine große Chance. Man kann alles rein werfen, mit dem man so sozialisiert wurde. Eine Rockband hat mit Haltung zu tun. In der Popmusik stößt man da an Grenzen, obwohl wir sehr viel probiert haben, mit Kostümen, Dadaismus, Genreverletzungen, oder der überdogmatischen Nutzung von Stilen. Meine Inhalte fürs Theater sind bei mir aber durchaus ähnliche. Die Dinge, die ich als Jugendlicher verfolgt habe, beschäftigen mich immer noch. Schlecht als Automechaniker, gut als Punksänger, das geht völlig in Ordnung am Theater. Wenn man mal gebucht ist, dann darf man auch machen, da gibt es keine Zensur. Handelsware ist man nebenbei sowieso überall.
DER STANDARD: Die Erweiterung hin zum Theater war möglicherweise folgerichtig, weil man ja auch schon auf den letzten Alben der "Goldenen Zitronen " hörte, dass die musikalische Form aufgrund der Materialfülle zu bersten drohte. In einen fünfminütigen Song bekommt man nicht mehr alles rein, was man an Material erarbeitet, gesichtet hat.
Kamerun: Das Material sollte für sich selbst sprechen, man kommentiert aber immer schon durch dessen Auswahl. Leute, die sich mit gesellschaftspolitischen Themen beschäftigen, agieren auf der Kante. Das kann immer schief gehen. Ich arbeite selbstverständlich mit Ironie und Humor, das ist ja auch erlaubt. Trotzdem kann das sehr schnell öd werden. Theater ist eine Kunstsparte, in der man sehr schnell bemüht wirkt. Es geht einerseits darum, groß zu Verführen, geheimnisvoll zu sein, andererseits um Direktheit, Anti- Handwerkertum, Authentizität. Ein ziemlich breiter Fächer.
DER STANDARD: Sobald man ein Instrument zu gut beherrscht, wechselt man die Position.
Kamerun: Das ist Strategie. Man muss gegen Rockismus arbeiten. Machen Sie einmal ein Pressefoto von einer Band. Da wird man den Sänger immer nach vorne stellen. Dagegen arbeiten wir. Wir sind eine Gruppe, keine Pyramide. Im Theater versuche ich auch ständig, meine Positionen zu verändern. Ich probiere Stilbrüche, unerwartete Änderungen im geraden Verlauf. Das bedeutet natürlich auch, immer wieder zu scheitern. Etwas zu Ende zu bringen, das man erreicht hat, ist langweilig, das nennt sich dann "The Scorpions ", auch noch ohne "Wind of Change ". Den Gitarristen neben mir kenn ich nun mal seit 30 Jahren, da sollte dann auch mal der Schlagzeuger auftauchen.
DER STANDARD: Das war ja dann auch die Chance von Personen wie Schorsch Kamerun oder Christoph Schlingensief. Einbrechen in eingefahrene Positionen der Hochkultur. Im Burgtheater können die Leute nicht mehr Instrumente tauschen, weil sie einfach nicht mehr auf die Idee kommen. Stichwort: Platzhirschentum.
Kamerun: Das gilt aber auch für jedes andere Kunstgenre. Platzhirschentum scheint menschlich, aber der Kunst hinderlich. Das Experiment muss gefeiert werden. Auch jetzt, wo man in dieser "Krisensituation " nach Strategien und Ausdrucksformen für Lösungen suchen. Wir erleben gerade einen Zeitenwechsel. Das hat nichts mit dem sentimentalen Gefühl zu tun, dass früher alles besser gewesen sei. Der Staat tritt offensichtlich wieder als Institution auf, die als Regulativ auch gewünscht wird. Andererseits weiß man natürlich, dass der Staat diese Situation schließlich erst ermöglicht hat. Das System hat Riesenprobleme. Die, die es verbockt haben, dürfen jetzt nicht als Retter dastehen. Es wird über kurz oder lang Angriffe auf das System geben. Möglicherweise passiert das nicht klassisch von unten über eine solidarische Masse, sondern eher wie eine Art Hype. Es könnte über das mediale Spektakel laufen. Die Leute werden mitbekommen, dass sich etwas tut, das Phänomen bekommt einen griffigen Namen - und die Revolution wird über uns kommen wie die Schweinegrippe. Ein Aufstand wie ein Event. Es gibt Vorboten aus Athen, Reykjavik, Riga und Paris wo den Leuten jetzt der Kragen platzt.
DER STANDARD: Die Revolution wird auf Youtube stattfinden. Der Schrei nach mehr Staat kommt seitens zweier alter Extrempositionen. Auf der einen Seite ist da die angestammte Linke, auf der anderen Seite stehen frühere Verfechter von Wirtschaftsliberalismus und Ich- AGs.
Kamerun: Eine zeitlang dachte ich das auch. Seit dem Herbst stellt sich der Staat mit Bürgschaften und Ehrenworten vor die so genannten "systemrelevanten " Institute. Und der Kleinsparer hofft noch einmal davon zu kommen. Vielleicht sollten wir aber gleichzeitig zum Bankomat laufen, da die letzte Kohle raus holen und so mal gründlich Bereinigen. Der Staat hat das Vertrauen in dieser Angelegenheit nicht verdient. Und die Banken schon gar nicht.
DER STANDARD: In Ihrer Festwochenproduktion "Bei aller Vorsicht " geht es um zeitlos-aktuelle Begriffe wie Überwachung, Kontrolle, verbliebene Freiräume. Sind diese Räume nicht bloß scheinbare?
Kamerun: Das wird aber nicht so empfunden. Die Frage lautet, wie viel Überwachung braucht man, um Freiheit zu schützen. Kann ich mich in Wien im Zweiten Bezirk nachts bewegen, ohne eine auf den Kopf zu kriegen? Ganz konkret: Fühlt man sich hier sicher, oder nicht? Dazu kommt die Frage nach der digitalen Speicherung. Wo landen meine Daten? Online-Banking, DMS, Amazon, Ebay, Facebook? Es geht um die Preisgabe des Privaten im elektronischen Bereich. Wir gehen erst mal ganz sachlich auf die Straße mit einem Security- Profi und machen eine Art Analyse. Wir sind wir! Und ihr seid ihr! Wir schützen, was wir brauchen! Wir waren bei Präventionsveranstaltungen der Wiener Polizei in Simmering haben bezüglich Datenklau mit dem Chaos-Computerclub in Hamburg gesprochen. Es gibt Internetseiten wie RottenNeighbour oder MobileSpy. Man gibt eine Handynummer ein und das Programm findet den aktuellen Standort meines Schatzis. Du kannst deinem Kind einen Chip in der Schultasche verstecken. Wenn es vom Schulweg abweicht, kriegst du über GPS eine Mitteilung per SMS.
DER STANDARD: Handelt es sich dabei nicht um eine hysterische Medienblase, die sich wegen des eventuellen Verwaltungs- und Beobachtungsrahmens selbst ad absurdum führt?
Kamerun:Das Netz merkt sich alles für immer. Eine leichtfertige Freigabe von Daten ist gefährlich. Die Akzeptanz dieser Dinge beruht auf Gewöhnung. Das Problem mit digitalen Daten ist, dass man so wenig rückgängig machen kann.
DER STANDARD: Nur weil man nicht paranoid ist, bedeutet das nicht, dass sie nicht hinter einem her wären.
Kamerun: Das stimmt schon. Ich glaube dennoch, dass im Namen von immer mehr Sicherheitsdenken, gegen zum Teil rein behauptete Bedrohungen, nicht einfach alles Preis gegeben werden darf, was man ganz lange peinlich geschützt hat. Noch bei der letzten Volkszählung ließen brave Bürger die Beamten nicht einfach ins Heimchen und jetzt gibt jeder ständig mehr Persönliches unbedarft her.
DER STANDARD: Die Praterstrasse ist der ideale Ort, um das zu überprüfen?
Kamerun: Die Praterstraße lebt von einem ungewöhnlichen Mix an Menschen, Geschäften und Institutionen. Pennyshops, Islamisches Zentrum, eine sehr offene katholische Kirche usw. Irgendwas zwischen kommenden Gegend und vergangenem Glanz.
DER STANDARD: Einbrecher brechen gern in der Nachbarschaft ein, heißt es.
Kamerun: Auf der Präventionsveranstaltung in Simmering ging es vornehmlich um Dinge wie, welche Schlösser man benutzen sollte, für die Haustür, welche Gitter für die Fenster. Da kam dann raus, eigentlich ist es nicht so schlimm in der Gegend, aber: Wenn jemand einbricht, dann knall ich ihn ab! Die Leute sind über die ständigen Angstmachereien enorm aufgeladen.
DER STANDARD: Polemisch gesagt: Erwartet den Besucher dann in der Praterstraße eine Bezirkssicherheitsführung mit zwischen gestreuten Couplets im Eisenwarenhandel?
Kamerun: Wir sind sehr gut ausgerüstet! Mal kucken, ob man helfen kann. Immer ernsthaft auf der einen Seite, auf der anderen kann es auch spielerischer Schmäh werden. Es braucht auch Unterhaltung, sonst kann man sich das in einer Aufführung kaum anhören.
DER STANDARD: Jede dramatische Anspannung bedarf also einer humoristischen Entladung?
Kamerun: Protest braucht auch Spott! Es muss eine Erlösung geben! Da hat das Wiener Lied eine große Tradition. Andererseits haben wir in Deutschland aufgrund unserer ständigen Geschichtsaufarbeitung eine große Angst, moralisch zu sein. Politische Kunst kann schlecht direkt verändern, aber gut aufzeigen. Allerdings muss sie attraktiv sein, sonst schaust du dir das nicht an. Den Punk- Song, "Anarchy In The UK ", hab ich damals inhaltlich nur vage verstanden, aber ich habe es von der Haltung her sofort begriffen. Das hatte in seiner hysterischen Lautstärke auch eine enorm physische Kraft. Eben möglichst direkt. Beim Theater ist die Fallhöhe größer. Man blamiert sich leichter als in der Musik.
DER STANDARD: Beim Theater ist man von Menschen abhängig, die man nur bis zu einem bestimmten Punkt beeinflussen kann. Leider denken sie dann auch oft selber.
Kamerun: Wenn du auf einem Konzert bist und gerade keinen Bock hast, gehst du auf die Seite und trinkst ein Bier. Im Theater geht das nicht. Da kommt jede Sekunde eine Meinung von der Bühne, die völlig ungeschützt präsentiert wird. Das Spiel, die Haltung, Psychologie, der Text.
DER STANDARD: Sind sie einer, der bis zuletzt rumbastelt?
Kamerun: Auf jeden Fall traue ich mich kurz vor Abgabe noch ordentlich zu ändern. Ich hab da keine Angst mehr, was im Theater recht verbreitet ist. Man macht es eh so gut wie man kann und das muss reichen. Riesige Selbstzweifel habe ich eher in privateren Bereichen.
DER STANDARD: Sie oder auch ein Christoph Schlingensief gelten als die Protagonisten eines "postdramatischen " Theaters. Man nimmt stringente Handlung und den Zeigefinger raus, andererseits auch das "Drama " als Theaterklischee. Von wegen, alles sei schwierig.
Kamerun: Drama braucht es trotzdem. Ich bin jemand, der leidenschaftlich auf Bühnen geht. Anders umgegangen wird mit dem dramatischen Stoff, der kein klassisches Skelett haben muss. Mit Collagentechnik geht man anders vor. Das hat wohl auch mit einer anderen Initiation im Umgang mit Kunst zu tun. Ich bin mit schnellen Schnitten aufgewachsen, mit Multitasking. Wenn man allerdings das gute alte Handwerk beherrscht, warum nicht? Wenn ich das im Punkladen mache, weiß ich, dass das funktioniert. Im Stadttheater ist das allerdings eine Herausforderung. Die Zeit der Theaterrevolutionen ist jedoch längst vorbei. Schlingensief, Pollesch und ich sind ja keine Bilderstürmer. Keiner unserer Generation hat jetzt groß das Theater angegriffen. Die Klügeren haben verstanden, dass es das nicht braucht. Die Radikalität der Form ist ausgeleuchtet und mittlerweile Mainstream. Im Pop hat man das längst begriffen. Es geht nicht um schneller, härter, lauter, sondern um subtiler und wieder inhaltlicher. Noch nackter, noch schmieriger werden, das kann das "RTL- Dschungelcamp " auch. Zadek, Peymann, Stein, die waren in ihrer Zeit oft radikaler als wir unserer. Bei denen ist nur eine gewisse Altersstarre eingetreten, die gar nicht nötig ist. Von wegen, man muss die Stücke schützen und den Text.
DER STANDARD: Das Schlimmste, was einem in der Kunst passieren kann, ist mit dem Begriff "enfant terrible " behaftet zu sein.
Kamerun: Das ist echt nicht so gut! Ich bin froh, nicht ständig der Punk-Regisseur sein zu müssen. Ich mache gar keinen Punk. Es geht nicht um unkontrollierte Radikalität. Wir sind alle Bürgerkinder und haben wahrscheinlich viel zu viel Angst, irgendwann richtig zu scheitern. Die Gosse als "Spielplatz ". Andererseits bin ich in einem richtig kranken, autoritären, Haushalt aufgewachsen. Papa kippt besoffen unterm Christbaum um. Das stärkt nicht gerade ein Urvertrauen. Es bleibt wohl in der unsicheren Mitte hängen.
DER STANDARD: Das Fluchtverhaltern ist ein natürlicher Wesenszug des Menschen. Wenn man stehen bleibt, sich umdreht und Stopp! sagt, ist das der Anfang des Krieges.
Kamerun: Absolut. Ein Stöckchen zwischen die Beine ab und zu, das hat schon seine Berechtigung. Haken schlagen ist ein Superrezept. Nur sich selbst ein Bein zu stellen, das ist blöd. Die meisten meiner Ideale seit den Teenagerjahren sind geblieben. Das hält wach und wütend. Auch in der Wahl der Mittel. Es ist nur leichter gesagt als getan, einen kräftigen Angriff zu fahren, damit alles ordentlich nachjustiert werden kann. Schauen wir mal.
(Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 20.05.2009)
Zur Person:
Schorsch Kamerun (45) ist Sänger der Hamburger Punkband Die Goldenen Zitronen und erfolgreicher Theatermacher. Seine "musikalische Bezirksbesichtigung" "Bei aller Vorsicht! Ein Überprüfungsspaziergang unter professioneller Anleitung" feiert am Mi., 20. 5., Premiere bei den Wiener Festwochen. Start um 20 Uhr im Haus der Begegnung Leopoldstadt. Ab 21 Uhr "Kameruner Sicherheitsgala" in der Fluc-Wanne am Praterstern, unter anderem mit Gustav und Ja, Panik.