Türkei

Istanbul: Aufbruch am Bosporus

Türkei

Die unbemerkte Revolution

Religiös, sehr konservativ, mächtig, aber global denkend. So beschreibt die Journalistin Yasemin Congar die neue Mittelklasse in der Türkei. Congar „fürchtet sich nicht im Geringsten" vor diesen Leuten, auch wenn ihr politischer Arm, die AKP, alle wichtigen Ämter innehat. Congar hat mit dem Islam nichts am Hut. Und trotzdem glaubt sie nicht an die Gefahr, die die Kemalisten beschwören.

Es ist der Verdienst dieser Dokumentation, dass sie den Konflikt, der die vergangenen Jahre die türkische Gesellschaft und Politik tatsächlich bewegt hat, sehr genau herausarbeitet. Schließlich wird auch in EU-Europa die Debatte über die Türkei oft mit der Islamismus-Terror-Diskussion vermengt. Der Balkan Express seziert hingegen den Machtkampf zwischen den alten und neuen Eliten, zwischen den bürgerlichen Städtern und den vom Land Zugewanderten, zwischen den Säkularen und den Religiösen, zwischen den elitär-autoritären, paternalistischen Führungsschichten und oftmals schlecht ausgebildeten, in patriachalen Strukturen verhafteten Gruppen, die den sozialen Aufstieg suchen.

Ausgelöst wurde dieser Konflikt durch den rasanten Wirtschaftsboom, der die Türkei erfasst hat. Mit dem erstmals selbstbewussten Auftreten der neuen Mittelschichten geht eben auch die Demokratisierung des Landes einher. So wie sie eben jede Phase von Aufklärung kennzeichnet. Die Reise in die Türkei ist wohl die spannendste, die der Balkan Express zu bieten hat.

Auch weil der Machtkampf mit allen Mitteln geführt wird. Noch ist es in der Türkei möglich, dass Gerichte, Medien und Geheimdienste für politische Zwecke instrumentalisiert werden. Der Mord an dem Autor Hrant Dink, die Prozesse gegen Intellektuelle, die die Armee und die offizielle Geschichtsschreibung (vor allem jene im ersten Weltkrieg) infrage stellen, haben aber die Zivilgesellschaft auf den Plan gerufen. Die Kopftuchdebatte wirkt auf diesem Hintergrund wie ein Versuch von der tatsächlichen Revolution abzulenken.

Auch für Inci Bespinar, der Vizebürgermeisterin des Istanbuler Bezirks Kadıköy, ist das Kopftuch eines der geringsten Probleme der türkischen Frauen. Die wirklichen Probleme nennt die Gründerin eines Frauenhauses beim Namen: „Die Türkei hat ein ernstes Problem mit Gewalt gegenüber Frauen", sagt sie. Und ein Bildungs- und Beschäftigungsproblem. Insbesondere im erzkonservativen Osten und bei den Zuwanderern, in den Vorstädten der Metropolen.

Von einem Rückschritt kann aber trotzdem nicht die Rede sein. Die Sozialwissenschaftlerin Nigar Göksel spricht im Gegenteil von der zunehmenden Sichtbarkeit der traditionellen Familien als Zeichen des Fortschritts. Sie bezweifelt, dass „die Frauenrechte zurückgedrängt werden, je mehr der Islam in der Öffentlichkeit" ist. Dass diese Analyse dank des Balkan Express auch nach EU-Europa kommt, sollte der hierzulande oftmals platten Immigrationsdebatte Tiefenschärfe verleihen. (Adelheid Wölfl)

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