Griechenland

Alexanders Schatten

Griechenland

In die Vergangenheit schielen

Nach dem Krieg wollten sie nicht reden. "Das waren ja Leute, die die Nummer haben", sagt Heinz Kounio und deutet auf seinen eigenen Oberarm. Herr Kounio war einer der 40.000 Juden aus Thessaloniki, die 1943 in Konzentrationslager deportiert wurden. Nur 2000 von ihnen haben den Holocaust überlebt und kehrten zurück. In der nordgriechischen Stadt begann man aber erst in den letzten Jahren Zeichen des Gedenkens zu setzen, dass sie über Jahrhunderte in erster Linie jüdisch geprägt war.

Der Balkan Express sucht nach diesen jüdischen Spuren, er porträtiert Thessaloniki insgesamt als eine Stadt, die im 20. Jahrhundert ihre alte Identität verlor. Für viele Griechen und viele Türken traumatisch war etwa der Bevölkerungsaustausch im Jahr 1923, als hunderttausende Menschen ihre Heimat verlassen mussten. Entscheidend war damals die Religionszugehörigkeit.

Folgerichtig analysiert der Film dann die Konsequenzen, die dies bis heute für die Identität der Griechen hat. In Griechenland mischt sich die Kirche ganz selbstverständlich in die Politik ein. Die Loyalität zur orthodoxen Kirche ging so weit, dass die meisten griechischen Politiker in der Zeit des Bosnien-Kriegs sogar Slobodan Milosevic und Radovan Karadzic unterstützten. Wenn der Film dann analysiert, wie Griechenland als einziges Land auf dem Balkan nach dem ersten Weltkrieg die Idee eines ethnisch homogenen Nationalstaats umsetzte, muss man unwillkürlich an die jüngsten Balkankriege denken, wo diese Idee des 19. Jahrhunderts wieder aufgenommen wurde und in grausamen ethnischen Säuberungen endete.

Der Journalist Takis Michas erklärt im Balkan Express sehr schlau, dass der Krieg in Bosnien von vielen Griechen anhand ihrer eigenen Geschichte im 20. Jahrhundert interpretiert wurde: Nämlich als notwendiger Versuch, Nationalstaaten zu schaffen. Griechenland selbst ist heute wieder ein multiethnischer Staat, seit in den 1990ern albanische Flüchtlinge auf überladenen Booten das Land erreichten. Wie der Balkan-Express aufzeigt, hat Griechenland nicht nur die Integration dieser neuen Staatsbürger gut gemeistert, auch die Beziehungen zum früheren Feindbild Nummer Eins, der Türkei, haben sich seit Ende der 1990er Jahre geradezu vorbildhaft entwickelt.

Griechenland beschäftigt sich aber subkutan trotz seiner Westorientierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ebenso wie die anderen Balkanstaaten noch mit dem osmanischen Reich und seinem Ende. Nach dem „Bevölkerungsaustausch" der 1920er Jahre, also der Vertreibung der Türken aus Griechenland und der Vertreibung der Griechen aus der Türkei, wurden in Thessaloniki ja fünfhundert Jahre osmanischer Kultur zerstört, die meisten Moscheen geschleift.

Heute werden über das Trauma zumindest schon Filme gedreht wie „Zimt und Koriander". Dass die Griechen langsam auch aufgrund ihrer wirtschaftlichen Erfolge Selbstbewusstsein aufbauen, thematisiert dieser sehr gescheite Film ebenso wie das noch fehlende Selbstbewusstsein im Umgang mit dem Nachbar Mazedonien, dessen Name offenbar vielen Griechen noch immer Angst macht. Glücklicherweise treibt der Balkan Express aber auch Menschen wie Yiannis Boutaris auf, die sich über diesen Nationalismus lustig machen und darauf verweisen, dass Alexander der Große erstens schon seit drei Jahrtausenden tot und zweitens ein Kosmopolit war. (Adelheid Wölfl)

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14 Postings
Konstantinopel

ist Griechenlands wahre Hauptstadt. Die Griechen werden das nie vergessen und warten auf den Tag an dem die ewige Stadt wieder ihr Eigen ist. Konstantinopel ist für Griechenland, wie Wien für Österreich oder Paris für Frankreich. Athen ist kein Ersatz dafür und war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein ein unbedeutendes Städchen von rein historischer Bedeutung.

Byzanz ist Geschichte,Konstantinopel ist Geschichte und Istanbul ist die Zukunft!

So ein Blödsinn.

Griechenland?

Alexanders Schatten?

Ich hab´s! Die Frau Faselakuh!

Moscheen geschleift

sagt man da nicht geschliffen?

"...niemals in seiner geschichte...

war Griechenland reicher als heute."
Eine etwas gewagte Aussage in einer Doku die "Alexanders langer Schatten" heißt.

Könnt' ma mal wieder ein bissi was lernen von den Hellenen.

Name macht vielen Griechen immer Angst

der märchenklau und die rolle ihrer vorfahren im/ nach dem 2 wk. macht den griechen angst und nicht der name...leider betrifft das fast alle volker am balkan.

frau wölfls familie

hat anscheinend nicht 500j unter den osmanischen schuh leben müssen.
in dem man als christ sein erstgeborenes junges an die sultane abgeben musste um daraus elternlose janicharen und soldaten des sultans zu machen.

wenn in giechenland mehrheitlich griechen leben ist das eben so wie wenn in spanien mehrheitlich spanier leben .....ich weiss nicht wieso dies dann frau wölfl bei den griechen kritisiert.
was frau wölfl nicht weiss ist wenn man in einem christlichen land eine islamische paralellgesellschaft fördert, ist des nicht multikulturell sondern ein konfliktpotenzial, den man in den vorstädten paris berlins usw immer wieder erleben kann. wenn man aber anpassung und integration fordert, ist das für frau wölfl nationalismus.

Billigste Pauschalisierungen sind keine Argumente.

Zustimmung.
"five hundred years of Ottoman culture in Thessaloniki were destroyed"
...
das ist ein geistiger Offenbarungseid der journalistin, sonst nix.

unter deM schuh...

nachdem Sie selbst nicht unter Schuhen leben müssen/mussten und somit selbst nicht gelitten haben, sollten Sie sich daraus keine Rechte ableiten. Die moderne Türkei (ohne dass ich ihr in irgendeiner Form nahe stünde) hat mit dem Osmanischen Reich genauso viel zu tun wie das antike Griechenland mit dem modernen - gar nichts!
KonfliktPOTENTIAL gibt es in jeder Familie, jedem Dorf, jeder Stadt, ... wenn Sie die Möglichkeit eines Konfliktes nicht aushalten, machen Sie sowieso was falsch. Wichtig ist wie mit einem Konflikt dann tatsächlich umgegangen wird: Jemand anderem präpotent eine Position zuzuweisen, die dieser einzunehmen hat, wird die Bereitschaft zur Integration nicht erhöhen.

Die Realität passt nicht in ihr ideologisches Elfenbeintürmchen

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