Bulgarien

Die lange Revolution

Bulgarien

Die Lektion gelernt

Sie schauen nach wie vor aus wie grazile Feen, wenn sie tanzen. Die Balletttänzerinnen erinnern unweigerlich an die kommunistischen Zeiten, als die Leichtathletinnen aus Bulgarien bei internationalen Bewerben so viele Preise abräumten. Nur lachen die Mädchen in der Sofioter Tanzschule heute mehr, wenn sie durch die Luft wirbeln. Die Trainerin Neschka Robeva ist aber dieselbe geblieben. Offen ist, ob sich der Staat diese Institution weiter wird leisten wollen, sagt Frau Robeva. Sie glaubt, dass einer, der heute langfristige Pläne mache, entweder dumm sei oder ein Optimist. Die Geisteshaltung nach der Wende mag sie nicht: „Die Nation hat nicht verstanden, dass Selbstdisziplin auch in dem neuen System das wichtigste ist." Lehrerinnen wie Frau Robeva hatten früher in der bulgarischen Gesellschaft einen hohen Status. Heute haben das jene, die viel Geld machen.

Es gibt wohl kein Land in Südosteuropa, das sich in den vergangenen Jahren so rasant geändert hat, wie Bulgarien. Der Balkan Express zeigt anhand von einigen sehr sorgsam ausgewählten Interviewpartnern die wundersame Verwandlung in ein relativ durchschnittliches europäisches Land. Die große Wende kam erst nach der großen Krise Ende der 1990er Jahre, seitdem boomt Bulgarien, vor allem die Baubranche, wie der Balkan Express dokumentiert. „Es war schwer in den vergangenen zehn Jahren Fehler zu machen", sagt der Unternehmer Ivo Prokopjev.

Mit dem Geld, wuchs aber auch der Filz zwischen Politik, Business und Kriminalität. Was „Return to Europe" - so der Name der Dokumentation im Englischen - aber auch zeigt, ist, dass einige Skandale, etwa die Veruntreuung von EU-Geldern, gerade durch den neuen engagierten Journalismus und effiziente Kontrollsysteme aufgedeckt werden konnten. Das Image Bulgariens sei weit schlechter als die tatsächliche Situation, so der Subtext des Films.

Zu Wort kommen auch jene, die bisher von dem Aufschwung nicht profitieren konnten. Allen voran die Roma. Erst langsam werden Programme aufgebaut, die Bildung und Teilnahme am Arbeitsplatz ermöglichen sollen. „Das Ausbildungssystem hat nie akzeptiert, dass hier auch Leute mit einer anderen Sprache als Bulgarisch leben", kritisiert Mischa Georgiev von der Roma-Organisation Romani Baht. Er spricht offen aus, dass die Roma in Bulgarien "an der Grenze des Gesetzes" leben. Bulgarien hat auch während des Kommunismus Minderheiten unterdrückt, neben den Roma auch die Türken. Nach 1990 waren es die Roma, die als erstes ihren Job verloren.
Doch obwohl der Nationalismus eine Versuchung blieb, verfielen bulgarische Politiker nicht wie in anderen Balkanstaaten in Großmannssucht. Der Staat Mazedonien wurde anerkannt, heute sind Tuerken Minister in Sofia."Wir haben den ersten, den zweiten und den kalten Krieg verloren", sagt der Meinungsforscher Andrej Raychev. "Wir haben unsere Lektion gelernt." (Adelheid Wölfl)

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