Bosnien und Herzegowina

Ein Wunder, das nicht glänzt

Bosnien und Herzegowina

Das lange Warten auf Europa

Es ist vielleicht der traurigste Film der Balkan Express-Serie, obwohl er über ein Wunder erzählt, den Frieden nämlich. Trotzdem dringen in beinahe jeder Sequenz Bilder vom Krieg durch, Geschichten über den Verlust von Menschlichkeit. Auch wenn die Kamera nur auf dem abgeblätterten roten Stern der Industrieruinen der ehemaligen Schießpulverfabrik in Vitez stehen bleibt, die in jugoslawischer Zeit 3000 Arbeiter beschäftigte, kann man die Tragödie sehen.

Wie auch in den Lebensgeschichten von jenen, die der Balkan-Express in Bosnien und Herzegowina besucht hat und dankenswerterweise ohne Schönfärberei zeigt. Bei Franjos Kindern etwa, die ihren Vater wegen dessen posttraumatischem Kriegssyndrom kaum sehen, weil er sich im Keller einbunkert. Oder bei den Dorfbewohnern von Ahmici, wo die Armee der bosnischen Kroaten im Jahr 1993 ein Massaker an Bosniaken verübte. Zwar wird noch misstrauisch nach Schuld und Verantwortung gesucht, aber Bosniaken und Kroaten leben wieder friedlich im Dorf zusammen. Vorsichtig und ausgewogen geht der Film den Verbrechen während des Kriegs nach. „Wir wurden alle schuldig", sagt da etwa der katholische Pater Mirko. Diese Einsicht ist ein Zeichen, dass sich seit dem Krieg doch vieles bewegt hat.

Der Film begleitet die Bosnierin Alida Vracic, die den Krieg als Kind in Sarajevo verbrachte, und den Gründer der European Stability Initiative (ESI), Gerald Knaus, bei der Suche nach den Ursachen der bosnischen Stagnation heute. Sie stossen auf bosnische Politiker, die sich nur der eigenen Volksgruppe verpflichtet fühlen. Der Bosnien-Beauftragte Miroslav Lajcak spricht vor laufender Kamera von dem großen Bedarf nach der internationalen Präsenz, den er noch „fühle". Der Philosoph und Psychotherapeut Ugo Vlaisavljevic glaubt eher, dass die Bosnier - egal ob Opfer oder Täter - nicht „ohne gemeinsame Erklärung, über das was passiert ist" mit der Vergangenheit fertig werden können.

Sie finden aber auch jene, die über die ethnischen Grenzen hinweg sehen können. Weil es ihnen zum Beispiel Vorteile bringt. Den Selfmademan Pero Gudelj etwa, der trotz anfänglicher Morddrohungen, alle bei sich arbeiten lässt: Serben, Kroaten und Bosniaken. Wirtschaftliche Verflechtungen statt politischer Konflikte: Es ist das Erfolgsrezept der EU, auf das Leute wie Gudelj setzen.

Und das oft auf politischer Ebene verhindert wird. Das zeigt der Balkan Express mit scharfen Filmschnitten. Dann ist die Wut der bosnischen Band Dubioza Kolektiv zu hören und zu sehen. Sie prangert die „heimliche Besatzung" durch die internationale Gemeinschaft, die völlig ineffektive Staatsstruktur („Ich will keine zehn Kantone", „Zerstört das dreiköpfige Monster") und die nach wie vor zynische Haltung von EU-Europa an. Richtig nur, dass die Kamera dann jener Menschenschlange folgt, die sich im Regen vor der österreichischen Botschaft um ein Visum anstellt. (Adelheid Wölfl)

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