Mazedonien

Der Krieg, der nicht stattfand

Mazedonien

Das Land dazwischen

Am Beispiel Mazedonien könnte die EU vielleicht bemerken, dass sie außenpolitisch durchaus erfolgreich sein kann. 2001 zwang sie gemeinsam mit der Nato die Konfliktparteien an den Tisch, das mündete im Ohrid-Abkommen, das mehr Rechte für Albaner garantiert. Auch die albanische Sprache wurde aufgewertet. Der Balkan Express hat sogar slawische Mazedonier aufgetrieben, die Albanischkurse besuchen, weil es ihrer Karriere nützen kann. Das ist wirklich revolutionär.

Wenn man Premier Nikola Gruevski, die Sozialdemokratin Radmila Shekerinska, den Rebellenchef Ali Ahmeti und den EU-Chefdiplomaten Javier Solana über den verhinderten Krieg reden hört, dann muss man unweigerlich an das Nachbarland Serbien denken, wo die Diskriminierung und Unterdrückung der Albaner im Krieg und schließlich in der Sezession des Kosovo endeten. Das alles geschah in Mazedonien nicht, aber es hätte ebenso passieren können.

Nüchtern wird auch analysiert, dass das Einlenken der Mazedonier ökonomisch bisher nicht das gebracht hat, was man erhofft hatte. Die mazedonische Industrie liegt in Trümmern, die offizielle Arbeitslosenrate estagniert bei über 20 Prozent, von einem Boom wie im benachbarten Bulgarien kann keine Rede sein. Mazedonien hat durch den Zerfall Jugoslawiens Märkte verloren. Der kleine Staat kommt nicht recht voran, auch weil er von Griechenland wegen des Namensstreits gebremst wird.

Mazedonien bleibt das Land dazwischen. Die serbische und die griechische Kirche wollen nicht mal die mazedonische anerkennen. Und der Kandidatenstatus hat nicht die erhofften Auslandsinvestoren angelockt. Mazedonien hat offenbar zu wenig Unterstützung im Rest Europas. Das Gefühl verfestigt sich, wenn der Balkan Express einen Blick in die Lebensrealität der Spasenoskis wirft. Sie sammeln pro Jahr im staatlichen Wald etwa 500 Kilo Kastanien, damit kommen sie über den Winter. Herr Spasenoski ist auch Imker und hat Ziegen. Als seine Julieta, eine Albanerin, ihn heiratete, hatte sie noch geglaubt, in Mirko einen Traumprinzen gefunden zu haben. Schließlich war er zu jugoslawischen Zeiten als Ingenieur bei Agrocop angestellt.

Doch ab den 1980ern spiegelt sich im Leben der Spasenoskis das politische und wirtschaftliche Chaos wider. Die Bescheidenheit, mit der Europäer wie die Spasenoskis trotz all dieses Pechs ihr Leben leben, kann bei Westlern Scham oder auch Bewunderung hervorrufen. Die Großzügigkeit, mit der in den mazedonischen Dörfern – in die die albanischen Wirtschaftsmigranten im Sommer für zwei Monate zurückkehren – Hochzeiten gefeiert werden, ist ohnehin ein wunderschönes Beispiel für Lebensfreude. Da flattern die Geldscheine in den Dekolletés, da glitzern die Armreifen, da blitzt das osmanische Erbe durch, die Lidschatten glänzen. Und getanzt wird natürlich. Trotzdem. (Adelheid Wölfl)

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