Verein gegen Tierfabriken

Am Rande des Nervenzusammenbruchs

18. Mai 2009, 17:04
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    foto: heribert corn/der standard

    Martin Balluch im März 2007.

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    foto: robert newald/der standard

    Balluch im Dezember 2008: "Alles, was ich bisher getan habe, werde ich auch weiterhin tun, weil nichts davon kriminell ist."

Der Verein pfeift aus dem letzten Loch: Obmann Martin Balluch überlegt bereits die Gründung eines neuen Vereins

Das vergangene Jahr war ein Hartes, hat Furchen ins Gesicht gezeichnet. Die Wangen sind auch acht Monate nach der Haftentlassung noch hohl. Die braunen Augen wandern unruhig durch den Raum - auf der Suche nach einem geheimen Beobachter. Martin Balluch ist fertig. Sowohl mit den Nerven, als auch mit seinem Verständnis vom Rechtsstaat. Seit er in der Morgendämmerung des 21. Mais 2008 aus dem Schlaf gerissen, in die Pistolenläufe mehrerer vermummter Beamter der Operation SoKo Pelztier blickte, hat sich sein Leben verändert.

Der Magister der Mathematik und Astronomie, promovierte Philosoph und Physiker und Tierschutzaktivist befindet sich seit Monaten in psychotherapeutischer Behandlung. „Terror funktioniert. Man hat angst, gibt klein bei und verzieht sich", sagt der 45-Jährige, der sich als Opfer polizeilicher Willkür versteht. Verzogen haben sich einige seiner Mitstreiter. Genaugenommen alle neun damals mit inhaftierten Tierschützer. Die Basisgruppe Tierrechte (BaT), jener Verein, dem sich fünf der Aktivisten zugehörig fühlten, ist mittlerweile nicht mehr aktiv. Der ehemalige Pressesprecher der „Vier Pfoten" arbeitet heute als Koch in der Schweiz und auch Balluchs einstiger Kollege Chris Moser hat beim „Verein gegen Tierfabriken" (VgT) gekündigt. Er könne diese Reaktion verstehen, sagt Vereinsobmann Balluch, während er nachdenklich mit der Gabel im veganen Polentaauflauf auf dem Teller vor ihm herumstochert. 

Neugründung

Momentan sieht es für den VgT finstert aus: Nicht nur, dass eine Anklage nach dem sogenannten "Anti-Mafia-Paragrafen" 278a sehr wahrscheinlich ist, durchwühlen seit Wochen auch täglich Steuerfahnder das Büro des Vereins. Der Grund: Der VgT , als gemeinnütziger Verein umsatzsteuerbefreit, hat zwischen 1990 und 2006 für die Lebensmittelkonzerne Rewe und Spar mittels vereinseigener „Kontrollstelle für artgemäße Nutztierhaltung" (KAN) Eier aus Hühner-Bodenhaltung kontrolliert. Weil die Aktivitäten nicht explizit in den Statuten angeführt sind und die Lebensmittelketten dafür bezahlt haben, droht dem VgT nun die Aberkennung der Gemeinnützigkeit und dadurch eine Nachzahlung von Umsatz- und Schenkungssteuer der vergangenen zehn Jahre. Mit geschätzten 700.000 Euro beziffert Martin Balluch das Ende des VgT. Dabei habe er bisher keine Probleme bei der jährlichen Finanzprüfung gehabt, und auch das Spendengütesiegel habe der Verein immer wieder erhalten, sagt Balluch. Für ihn steht fest: Die Vorgehensweise ist eine weitere Maßnahme der SoKo um den Verein zu zerschlagen. Eine Maßnahme, die greifen könnte. Die VgTler bereiten sich bereits auf die Neugründung eines anderen Vereins vor.

Dass es bei den laufenden Ermittlungen um einen systematischen Zerschlagungsversuch handelt, will Balluch belegen. In einem Aktenvermerk des „SoKo Kleider" vom Juni vergangenen Jahr heißt es: „Wesentlicher Punkt für eine weitere FA-Tätigkeit (Anm.: FA kurz für Finanzamt) wird der Aspekt Gemeinnützigkeit darstellen. Wenn es gelingt die Gemeinnützigkeit abzusprechen, sind weitere Maßnahmen sinnvoll. Anderenfalls erfolgt ein (Negativ)Bericht an das FA und die StA" (Anm.: StA kurz für Staatsanwaltschaft). Auf den Vermerk stieß Balluch zufällig bei der Einsicht des Abschlussberichts über die Ermittlungen. Eine Information, die ihm unfreiwillig zu Teil wurde: Die Akteneinsicht musst er gerichtlich erkämpfen. In Richter Andreas Pablik Urteil heißt es: Es gebe die Intention „die Beschuldigten im Dunkeln zu lassen. Ein Vorgehen, das mit einem rechtsstaatlichen Prozess nicht vereinbar" sei. 

Subjektiver Eindruck

Die Einsicht währte nicht lange: „Wir durften ein paar Mal die Akten durchsehen, dann wurden sie wieder weggepackt und es hieß, der Datenbestand müsse noch ausgewertet werden. Komisch eigentlich, dass die Auswertung nach dem angeblichen Abschluss erfolgt", sagt Balluch. Überhaupt mache ihm der Abschlussbericht Kopfzerbrechen; willkürlich sei die Auswahl der aufgelisteten Tatsachen. Beispielsweise werde Balluch in Zusammenhang mit dem Brand eines Zirkus verdächtigt. „Man hat mir DNA abgenommen und mit jener verglichen, die am Tatort gefunden wurde. Sie stimmten nicht überein, aber das wird im Bericht natürlich nicht erwähnt, nur der Verdacht, ich hätte etwas damit zu tun", Balluch reibt sich die Stirn und schiebt den halbvollen Teller von sich. „Die Oberstaatsanwältin beurteilt aber lediglich anhand dieses Berichts, ob es zu einer Anklage kommen wird oder nicht und sie hat schon gesagt, dass ihr subjektiver Eindruck kein guter ist."

Wie soll es weitergehen? „Keine Ahnung, aber ich will nicht mein Leben lang verfolgt, abgehört und terrorisiert werden", sagt Balluch und zieht einen weiteren Zettel heraus, auf dem vermerkt ist, dass Beamte des SoKo im Juli 2007 von einem Infostand des Vereins heimlich Fruchtsaftflaschen mitgenommen haben, um eine DNA-Datenbank der VgTler anzulegen. Auf dem nächsten Verschlussbericht der Bundespolizei Wien ist in umständlichen Beamtendeutsch die Anweisung zu lesen, künftig sollen die Aktionen des VgT von zwei WEGA-Beamten und einem Dienstwagen begleitet werden, um sie, wie es wörtlich heißt „ins Licht außergewöhnlich gefährlicher Demonstrationen zu rücken." 

Zivilrechte in Gefahr

„Glauben Sie, dass es zum Prozess kommen wird?", fragt Balluch. Hannes Jarolim, Justizsprecher der SPÖ ist sich „nicht ganz sicher. Ich hoffe, dass der Paragraf 278a nicht zur Anwendung kommt." Es gebe keine konkreten Delikte, die Personen zugeordnet werden können. Jarolim nennt das Vorgehen „abstrus". Der Paragraf sei in diesem Fall ungeeignet und die Anwendung eine „Gefahr für die Zivilgesellschaft. Ich würde mir wünschen, dass massives Unrecht mit demselben Aufwand bekämpft würde, mit dem man im gegenständlichen Fall vorgeht", sagt Jarolim, der für eine Änderung des Paragrapfen ist. Warum ist das bisher nicht geschehen? „Die ÖVP hat nicht zugestimmt", sagt Jarolim.

„Wenn man nichts angestellt hat, dann hat man auch nichts zu befürchten", lautet die simple Antwort von ÖVP-Justizsprecher Heribert Donnerbauer. Ermittlungen brächten es eben oft mit sich, dass sich ein Verdacht nicht erhärte. „Ein Risiko, das im Interesse einer gewissen Ordnung sein muss", meint Donnerbauer. Der Paragraf war als Folge der Terroranschläge in den USA im September 2001 eingeführt, worden und ursprünglich dafür gedacht, mafiöse Strukturen lahmzulegen. Davon, dass eine Anwendung in diesem Fall künftig zu einer Einschränkung der Zivilrechte führen könnte, will Donnerbauer nichts wissen: „Ich sehe keinen Grund, warum zwischen Bereicherung und dem Versuch politische Ziele mittels Druck durchzusetzen unterscheiden sollte. Wenn der Staat durch kriminelle Methoden bedroht wird, um ideelle Ziele zu erreichen, dann ist die Anwendung des Paragrafen durchaus gerechtfertigt." Man schieße nicht mit Kanonen auf Spatzen, findet Donnerbauer. Auch sei es nicht seine Aufgabe, den Fall zu beurteilen, sondern die der Staatanwaltschaft. Und wann die das tun wird, ist ungewiss.

Also im Stillen abwarten? „Die Freude mache ich ihnen nicht", sagt Balluch, „Alles, was ich bisher getan habe, werde ich auch weiterhin tun, weil nichts davon kriminell ist." (Birgit Wittstock, derStandard.at, 18.05.2009)

Kommentar posten
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Papiertiger
55
18.8.2009, 16:02
um ehrlich zu sein

ich wäre auch am rande des nervenzusammenbruchs, wenn ich eine kriminelle organisation gegründet hätte und diese nun auffliegt!

Tschuri Cazzino
 
11
16.6.2009, 07:48
Der § steht keineswegs im Zusammenhang mit 9/11

wie im Artikel behauptet, zumal die Al-Quaida keine mafiaänhliche Organisation ist.

kronprinz idared
15
Die müssen doch ein bisser einsichtig sein,

die Herrschaften vom VgT, oder wie er sonst noch heisst.
Kann ja nicht angehen, dass es unserer Elite, der SoKo Hühnerei nicht gelingt, ein paar Patzer auf den Vereinsmitgliedern zu hinterlassen.
Und dann ist die Solidarität der Beamtenschaft gefordert von den Gerichtspräsidenten hinunter bis zum Aktenträgern.
Die Einbrecherbanden fahren von selbst nach Hause, wenn sie genug haben, die braucht man nicht vefolgen.
Aber die VgTler sind Idealisten, die könnten nicht genug bekommen.

Nochwas: 100.000 muffige Pelzjacken, die in den Garderoben hängen, schreien danach, wieder ausgetragen zu werden.
Ist das keine Qual?

jos
117
25.5.2009, 13:27

Ich hoffe doch sehr, dass die Geldstrafen aus dem Finanzstrafverfahren nicht mit Spendengeldern bezahlt werden!

ja, eh
610

Ich hoffe doch sehr, dass dem so sein wird.
Ua. spende ich gerade deshalb dem VgT.

Papiertiger
53
20.8.2009, 01:25
mit anderen worten sie unterstützen gerne steuerhinterzieher?

ganz toll...

Peter Falber
04
20.5.2009, 22:13
wie explizit muessen denn statuten sein?

aus den statuten des vgt, zu "aufbringung der mittel", pkt. 3.(3)f:
---
Die Einrichtung und Führung von Nebenbetrieben, soweit dies zur Erfüllung des Vereinszweckes erforderlich ist.
---
vereinszweck u.a. pkt. 2.:
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Insbesondere setzt sich der Verein für eine Verringerung der Tierausbeutung mit dem Ziel der Abschaffung ein.
---
m.e. waere damit der betrieb einer eierpruefstelle ziemlich im sinne der statuten. dass ein verein entgeltliche dienstleistungen anbietet, ist ja nicht verboten.

in den (weit umfangreicheren) statuten des OAMTC z.b. wird auch bloss die foerderung der verkehrssicherheit als vereinszweck erwaehnt, nicht aber z.b. die abhaltung von fahrtechnikkursen.

wer darf nun was, und warum der eine nicht?

Cho Oyu
17
21.5.2009, 12:24
Ich sehe die Aktion eher als Zeichen der StA-Schwäche, daher Zeit für Plan B!

Es ist eher Sturm im Wasserglas und dies wissen auch die Finanzbeamten, die ja in der Vergangenheit wiederholt geprüft hatten. Im Zuge normalen Umgangs zwischen FA und Verein wäre die Angelegenheit schnell geklärt, ja dem Ver. wären notwendige Hinweise gegeben worden. Trotz der - wegen der "Besessenheit" ÖVP-geführter Ministerien (Sich., Fin., Just., Landw.!) - jetzt verfahrenen Situation, wird, glaube ich, ein guter Steuerberater die Probleme ausbügeln können.

Es geht aber um etwas anderes, nämlich um das imagemäßige Rücken des VgT in ein zweifelhaftes Licht, was sich auf die Spendenbereitschaft negativ auswirkt. Fies!

Habe auch an ÖAMTC, mit großer gesch. Tätigkeit gedacht. Auch gemeinnützig?

http://tinyurl.com/pk92o8

Standarddurchschnittsposter
15
20.5.2009, 18:23

Sehr viel Sympathie hatte ich früher nicht für den VgT aber was hier abläuft ist letzklassig und einem Rechtsstaats absolut unwürdig. Das was hier gegen den VgT abläuft kann jederzeit mit jeder beliebigen Zivilgesellschaftlichen Organisation auch passieren.
Weiter kämpfen Herr Balluch, nicht unterkriegen lassen!

popilot
139
20.5.2009, 16:02

Demokratie - Veganfaschismus 1 : 0

Toni Blaher
 
00
11.6.2009, 11:26

Stasi - radikale Verfechter der FleischINDUSTRIE 1:0

FalscherProphet
20
27.5.2009, 12:38

ÖVP Law&Order Überwachungsstaat vs. profitbringende Tierfaschismen: 1 : 0

FalscherProphet
00
27.5.2009, 13:19
öhm ich meinte:

vs. ANTI-Tierfaschismen Organisation

Desert Eagle .50
15
25.5.2009, 21:12

ihr demokratieverständnis ist faschismus

Skull&Bones
321
19.5.2009, 18:57
TIERSCHUTZ jetzt!!!

Nicht hier raunzen, aber sonst NICHTS für den Tierschutz tun. TIERSCHUTZ jetzt und auf DAUER!!!
Spendet, kauft das Richtige, engagiert Euch!



Ana Nass
15
20.5.2009, 08:23

Das Richtige zu kaufen sollte jeder können: Keine Bodenhaltungseier, sondern nur Freilandeier, kein Käse, der nicht explizit aus Freilandhaltung stammt, Fleisch nur aus Freilandhaltung, und und und. Ach ja: Und keine Erzeugnisse aus Geschäften, die PELZE anbieten, oder PELZ mitverarbeiten.

2227
 
00
25.5.2009, 04:09
kann aber nicht jeder

immer mehr menschen müssen schon bei der ernährung auf das geld achten.

susi J
00
10.6.2009, 15:45

Beim Bauern kaufen! Und wie schon anderswo gepostet - auch in Wien gibt es tägliche Bauernmärkte. Hingehen Preise und Qualität vergleichen. Das Supermarktangebot bleibt auf der Strecke!

pick dame
01

ja und gerade die könnten bei tierlieber ernährung viel geld sparen.
nudeln ohne eier sind zb deutlich schmackhafter und billiger. ich erspare mir eine endlose liste.
mahlzeit ohne tierleid.

Andersen
03
20.5.2009, 09:23

Käse nur von glücklichen Freilandkäselaiben!

Skull&Bones
00
20.5.2009, 11:26
Weißt Du, woraus Käse gemacht wird?! ;-)

Andersen
03
20.5.2009, 13:38

In letzter Zeit anscheinend immer öfter aus Eiweißpulver, Wasser, Pflanzenfett und Geschmacksverstärkern. ;)

Nahrungsmittel
91
19.5.2009, 22:05

Na wenn bei eurem Verein soviele Leute spenden wie es grüne Stricherln für dein Posting gibt, dann gehts euch eh nicht schlecht ;-)

Geld verdienen wär auch eine Möglichkeit nicht auf Spenden angewiesen zu sein, nur so zur Info!

Skull&Bones
02
20.5.2009, 08:03

Tu was. Engagier Dich. Kauf das Richtige. Raunz nicht. Sei selbst initiativ. Den Tieren zuliebe.

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