Das gekappte Rettungsseil
Kosovo
Die innere Immigration
Es ist so ähnlich wie mit den viel zu großen, unverputzten Häusern, die unkoordiniert in der Landschaft herumstehen und in denen oft niemand wohnt. Es ist so ähnlich wie mit den viel zu vielen Tankstellen, die nicht dem Benzinverkauf, sondern der Geldwäsche dienen. Es ist ähnlich absurd, wenn einer, der sich für den neuen Staat einsetzt, gleichzeitig dafür plädiert, dass die jungen Kosovaren emigrieren sollen. Und wie eine Ironie der Geschichte wirkt es, wenn Ben Crampton, der an dem Ahtisaari-Plan mitgeschrieben hat, meint, dass die Kosovaren eine Reisefreiheit brauchen, wie es sie in Titos Jugoslawien gab. So war es doch gerade der Konflikt im Kosovo, der am Beginn der Auseinandersetzungen stand, die schließlich zur Auflösung Jugoslawiens führten.
Doch natürlich hat Ben Crampton Recht. Angesichts der völlig aussichtslosen Arbeitssituation – fast die Hälfte haben keinen Job – kann nur das Geld von Auslandskosovaren das wirtschaftliche Überleben im Land sichern. Migration war immer die Rettung für den Kosovo, unter und nach Tito, vor hundert Jahren schon, als viele nach Istanbul und Belgrad zum Arbeiten geschickt wurden. Der Balkan Express erzählt die Geschichte von Männern, die von zu Hause weggingen, um anderen eine Heimat zu ermöglichen. Auch die Strategien, die schließlich zur Ausrufung der Unabhängigkeit am 17. Februar 2008 führten, wurden bekanntlich in der Immigration in der Schweiz und Deutschland erdacht.
Wie die Filmemacher kenntnisreich analysieren – dem Film ging eine Studie der European Stability Initiative (ESI) voraus – stoppte die wirtschaftliche Not im Kosovo in den 1980ern die Emanzipation der Gesellschaft, die patriachale Familie blieb das einzige soziale Auffangnetz. Auch heute gibt es keine Krankenversicherung und kein Arbeitslosengeld, nur die Grossfamilie, die vor allem für Frauen auch ein Ort der Unterdrückung sein kann. Fatal an dem heutigen Quasi-Protektorat ist zudem, dass niemand einen Plan hat, wie die wirtschaftliche Situation verbessert werden kann. Auch das spricht der Balkan Express direkt an, ohne gleich Lösungsvorschläge zu liefern. Offen kritisiert wird gleichzeitig das Schengen-Visa-Regime, das die Isolierung der Kosovaren festschreibt, während ihnen gleichzeitig europäische Werte gepredigt werden.
Der Kopf der Bewegung Selbstbestimmung, Albin Kurti, der eine echte Souveränität ohne die „Internationals“ fordert, hat die Bevormundung durch das Milosevic-Regime erlebt, dem die internationale Gemeinschaft folgte. Weil dieser neuerliche Paternalismus gut zu dem Clansystem und der Schattenwirtschaft passt, erzeugte er bei ihm ein Lebensgefühl der Ausweglosigkeit und Wut. Der Film über den Kosovo redet wenig von Hoffnung. Er hinterlässt Ratlosigkeit und damit kommt er der Wirklichkeit sehr nahe. (Adelheid Wölfl)
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