Montenegro

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Wildes, schönes Land

Montenegro

Hochkonzentrat Balkan

Für Veljko Bojovic ist Wölfe erlegen eine Selbstverständlichkeit. Auch sein etwa zwölfjähriger Enkel stellt sich gern mit dem Gewehr vor die Kamera. In den montenegrinischen Bergen ist das Leben eben ein bisschen rauer. Da werden Ziegen über vernebelte Almwiesen geschleppt bevor ihnen die Kehle durchschnitten wird. Und Herr Bojovic setzt sich die Kappe seiner Vorfahren auf und redet davon, dass immer nur „die Eintracht die Serben gerettet hat“.

In den Bergen da werden auch die Mythen von den Kriegen gepflegt, da werden Stammbäume geschrieben, die bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen. Das klingt nach Klischee. Aber selbst wenn man noch hundert Beispiele für das wilde schöne Crna Gora suchen würde, man würde sie ganz sicher finden. In Montenegro gibt es alle Religionen und alle Ethnien der Region – neben orthodoxen Montenegrinern und Serben auch muslimische Bosniaken und Albaner, dann noch katholische Albaner und Kroaten. Die größte Differenz liegt aber wohl zwischen den Menschen vom Berg und denen am Meer.

Das Meer ist nämlich gar nicht rau, sondern hell und zart und warm, venezianisch ist die Küste, so schön, dass jährlich schon eine Million Touristen dorthin reisen, proportional zur Bevölkerungszahl so viele wie nach Frankreich. Natürlich könnte sich der Balkan Express ganz dieser Naturschönheit widmen, denn soviel Schönheit ist gewinnend. Aber das tut er nicht. Er zeigt– weil er zum Nachdenken anregen will – die dunkle Seite der jüngeren Vergangenheit, zum Beispiel die Bombardierung Dubrovniks durch montenegrinische Einheiten, die Kehrseiten des Tourismusbooms, die patriarchalen Strukturen und die Versuche dieses sehr kleinen, aber sehr diversen Landes, eine gemeinsame Identität zu finden.

Aber dann streift die Kamera wieder über die Berge, die nicht schwarz sind, wie der Name Crna Gora verheißt, sondern grau oder weiß. Weil sich wahrscheinlich auch die Kamera längst in diese Berge verliebt hat, in die Felsschichten, die schräg übereinander liegen, so als hätte jemand eine Torte gekippt und man könnte nun die Nougatschichten zählen. Verliebt ist die Kamera auch in den Fluss Tara und als Filmschauer muss man sich unweigerlich auch noch in das Tal, die zweitlängste Schlucht nach dem Grand Canyon, in der die Tara fließt, verlieben. Und neben den Berg- und den Meermenschen tauchen dann noch montenegrinische Flussmenschen auf, die behaupten die Tara fließe in ihnen wie ihr eigenes Blut. Und man glaubt ihnen sofort.

Politisch interessant ist die Dokumentation durch das Interview mit Milo Djukanovic, der die Geschicke des Landes schon ewig in Händen hält. Er erzählt von den Milosevic-Jahren, von seinem Bruch mit dem serbischen Präsidenten, von dessen Versuch ihn mittels der Armee zu stürzen, er erzählt von dem nicht ungefährlichen Balanceakt – in Montenegro gibt es ja viele Menschen, die von sich sagen, sie seien Serben. Das Land ist ein Balkan-Sammelsurium in hochkonzentrierter Dosis. Und der Balkan Express macht süchtig nach Montenegro. (Adelheid Wölfl)

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