Koalitionsknall wegen Forschung: Das ist neu

17. Mai 2009, 18:30
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Cern-Ausstieg: Geht Österreich in der internationalen Forschungslandschaft unter?

In der Bevölkerung war bis herauf in die 90er-Jahre die Forschung ein unbekanntes Land. Der Eltern-Satz "Unsere Kinder sollen es weiter bringen als wir" bezog sich auf Beamten-Posten, aber nicht auf Forscher-Karrieren. Nur eine Institution war einigermaßen bekannt: der wissenschaftliche Riesentanker Cern in Genf. Hauptaufgabe: Erforschung der Materie. Bekannteste Leistung jedoch: Die Erfindung des World Wide Web (WWW) durch den Briten Tim Berners-Lee im Jahre 1990.

Genau deshalb wird die Aufkündigung der österreichischen Mitgliedschaft durch Minister Johannes Hahn in der Öffentlichkeit in einer Vehemenz wahrgenommen, die dieser dramatisch unterschätzt hat.

Die Physikalische Gesellschaft hat bereits 28.000 Unterschriften gesammelt. Weshalb jetzt auch Politiker auf diese Initiative aufspringen. Der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll hat Hahn massiv attackiert, und sogar der Bundeskanzler ist im fernen Athen bei den Bilderbergern hochgefahren. Er sei "tendenziell" gegen den Ausstieg, sagte er dem Standard .

Das ist ein Knall. Dass die Forschung einen Koalitionskrach provozierte, wäre neu.

Die verflossene Ministerin Elisabeth Gehrer hatte noch vor wenigen Jahren davon gesprochen, Österreich müsse auch bei den Universitäten "Weltklasse" werden. Der Angriff auf das Traditionssymbol Cern ist der Gegenpol: Geht Österreich in der internationalen Forschungslandschaft unter?

Weil man bei Politiker-Aussagen immer vorsichtig sein soll, ist zunächst die Frage zu stellen: Worum geht es eigentlich? Die Teilchenphysik ist der kleine Teil eines gleichwohl wichtigen Forschungsgebiets, das großer und eminent teurer Geräte bedarf. In Beschleunigungstunnels werden die Bausteine der Materie so lange aufeinandergeschossen, bis man letztlich bei Partikeln angelangt ist, die sich nicht mehr teilen lassen. Es handelt sich um die Welt der Moleküle, Atome, Elektronen, Positronen u. a. Der "Large Hadron Collider" in Genf ist 27 km lang. Im September soll er endgültig zu arbeiten beginnen. 2500 Leute sind beim Cern angestellt, darunter 150 Österreicher. Bis zu 5000 Wissenschafter arbeiten mit Zeitverträgen in Genf.

Die Physiker des betroffenen Fachgebiets sind daher besonders empört. Die "verwandten" Forscher jedoch scheinen die Pläne, zumindest einen Teil der Cern-Gelder auf andere Gebiete umzuschichten, eher zu begrüßen. Als einer der Befürworter des Ausstiegs gilt der Wiener TU-Rektor Skalicki. Kein Leichtgewicht. Dagegen der ehemalige Cern-Direktor Thirring. Ein Schwergewicht.

Noch ist nicht aller Tage Abend. Die Fronten indessen muten fast militärisch an. Hier der Aussteiger Hahn, dort der Cern-Chef Heuer, der wie von einem Kriegsschiff mit Sanktionen droht. Dazwischen auf Rettungsbooten die Spitzenpolitikern, denen es mehr um "Image" als um die Sache geht.

Vielleicht wäre der Bundeskanzler zusammen mit dem Finanzminister, der ebenfalls Pröll heißt, gut beraten, die 20 Cern-Millionen aus Sondermitteln zu berappen. Ein Klacks angesichts des Budgetdefizits. (Gerfried Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 18. 5. 2009)

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