Die bestehende Straßenverkehrsordnung ist mit Schuld an vielen Fahrradunfällen, sagt das Kuratorium für Verkehrssicherheit
Sind für das Kuratorium für Verkehrssicherheit Kreuzungen ein Unfallknotenpunkt, sind sie für mich Straßenknotenpunkte, an denen ich ganz glu sein kann. Statt Stoppschildern kenne ich nur Stoppie-Schilder. Die heftigen Bremsmanöver gehen mit dem Fahrrad ja noch leichter als mit dem Motorrad, und so lasse ich keine Gelegenheit aus, das Hinterrad zu schonen, das eh bei den Bremsmanövern auf losem Untergrund leiden muss.
Ich fahr' auf den Kreisverkehr zu, überhole noch einen Radfahrer und merke, wie er nach Luft schnappt, als wollte er mir sagen, dass es gesünder wäre, jetzt stehen zu bleiben. Ich bremse hart und hebe zum Dank das Hinterrad. Das machen der Radfahrer und ich ein paar Kreuzungen lang, bevor er mich bei passender Gelegenheit fragt, wie denn das kleine Kunststück funktioniere. Es dauert keine ganze Minute, bis ich sein Fahrrad sehe, wie es ihm auf einem kleinen Parkplatz mit dem Sattel den Hintern aushaut, während er über den Lenker absteigt. Zum Glück ist nix passiert. Und das kleine Öha wird nicht Eingang in die Unfallstatistik des Kuratorium für Verkehrssicherheit finden.
Deshalb schätze ich auch, dass die Dunkelziffer an Radunfällen weit höher ist als in der Statistik angegeben, weil es mehr so Akrobaten wie den Lenkerspringer und mich gibt. Denn das Kuratorium für Verkehrssicherheit gibt an, dass bei 5645 Verkehrsunfällen mit Radfahrern 2008 5559 Menschen verletzt und 62 tödlich verunglückt sind. 45 Prozent aller Unfälle waren Kollisionen bei Kreuzungen. "Häufige Unfallursachen liegen in der bestehenden Straßenverkehrsordnung. Sie beinhaltet für Radfahrer einige Regelungen, die in der Praxis untauglich sind und Unfälle provozieren statt sie zu verhindern", sagt Dr. Othmar Thann, Direktor des Kuratoriums für Verkehrssicherheit.
Ein Problem sieht DI Klaus Robatsch, Regionalleiter Ost im Kuratorium für Verkehrssicherheit, darin, dass vor vielen Kreuzungen der Radweg durch eine Markierung einfach beendet wird, wodurch der Radfahrer automatisch Nachrang hat, ganz egal, wie die üblichen Vorrangregeln aussehen und woher ein anderes Fahrzeug kommt. Wenn es schon keinen Crash in so einer Situation gibt, so kommt es dort doch gehäuft zu Konflikten zwischen Rad- und Autofahrern.
Radfahrer fühlen sich oft von Autofahrern bedroht, wie Fußgänger von Radlern. Besonders feine Sozialstudien kann man auf gemeinsamen Geh- und Radwegen betreiben. Nicht nur die bauliche Trennung der beiden Wege ist laut Kuratorium für Verkehrssicherheit ein Problem, sondern auch Benutzungspflicht von Radfahranlagen, die auch diese gemischten Geh- und Radwege betrifft.
Deswegen würde das Kuratorium für Verkehrssicherheit auch gerne die Straßenverkehrsordnung ändern: Die Sonder-Vorrangregeln für das Verlassen von Radfahranlagen müssen ersatzlos gestrichen werden und statt dessen die allgemeinen Vorrangregeln gelten. Geändert werden sollte auch die Benutzungspflicht von Radfahrstreifen. Laut Kuratorium für Verkehrssicherheit sollen lokale Behörden die Benützungspflicht aufheben können. Und selbstredend spricht sich Thann für eine bauliche Trennung von Geh- und Radwegen aus.
Und wenn das alles umgesetzt ist, freu ich mich, wenn sich das KfV auf mich als Hauptrisikofaktor für Fahrradunfälle einschießt. (Guido Gluschitsch)