Nachlese:Im Ratzenstadl bleibt alles schlechter

26. März 2003, 19:18
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Reportage: Nach dem "Aus" für die Wien-Mitte-Pläne weiß derzeit niemand, wie es mit dem Projekt weiter gehen soll. Für die Benutzer des vermutlich grindigsten Ortes Wiens ...

... macht das allerdings keinen Unterschied: Wer in Wien Mitte landete, ist sowieso am Ende.

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Wien - Eigentlich ist es eh wurscht. Weil man ja vorher genauso wenig gewusst hat, wie jetzt. Und sich sowieso keiner die Mühe macht, mit den Leuten hier zu reden. Über Pläne. Ideen. Oder gar Perspektiven. Und vorbeigeschaut, sich über das, worüber das offizielle Wien seit Monaten so gescheit redet, vielleicht ein authentisches Bild gemacht, hat keiner: Wer kommt schon - freiwillig - nach Wien Mitte? Eben.

Und darum ist dort, wo früher die Pendler auf Postbusse warteten und wo irgendwann einmal angeblich ein Tor der Stadt zur großen Welt sein soll (wo aber seit letzter Woche nicht einmal mehr Stadt, Bundesbahn und Projektentwickler wissen, was wann wie passieren wird) alles so, wie immer: Alles bleibt schlechter. Trostlos. Dreckig.

Man läuft durch. Wenn überhaupt. Sagt doch der Ort, dass wer stehen bleibt, nicht mehr weg kommt: Endstation.

"Nicht einmal Bukarest ist so trostlos", sagt der nach Armut riechende Mann, der anderen beim Geldverlieren am Spielautomaten zuschaut. Ob er Bukarest kenne? "Nein. Aber die haben wenigstens Ehrgeiz sich zu verbessern."

"Ratzenstadl" hat der Bürgermeister Wien Mitte einmal genannt. Diskutiert wurde über Bauhöhen: Mit denen, hieß es, würde alles gut. Auch unten. Aber jetzt?

Zusperren, sagt die Frau am Würstelstand. Das wäre am besten. Aber das rechnet sich nicht. Jetzt nicht mehr. Eigentlich sollten bis Juni alle die noch da sind, abgelöst und abgesiedelt sein. Ob das nach dem "Aus" noch gilt? "Mit uns redet keiner." Dass ÖBB-Chef Rüdiger vorm Walde am Montag von einer möglichen "Schmalspurvariante" der Bahnhofssanierung sprach, wird sie aus der Zeitung erfahren. Was das für sie bedeutet aber schon nicht mehr.

Früher gab es hier, am Ende des von der Bahnhofshalle wegführenden Ganges, Reisebüros, Reisende, Ticketschalter. Jetzt zieht nicht einmal mehr der die große Halle beherrschende Duft der Pissoirdesinfektionsmittel bis hierher. Und beim Altwarenladen nebenan, wo es elende Janker um einen und grausige Handtaschen um noch weniger Euro gibt, steht Billigstbier. Andere Kundschaft, erklärt die Verkäuferin, käme nicht - nur Leute, denen sogar das Kaufhaus weiter vorne zu teuer sei: "Und dort geht keiner hin, der es sich aussuchen kann."

Vor zehn Jahren, seufzt Peter Wehninger in seinem Buffet in der Markthalle neben dem Spar, hätte man bauen sollen. Den Standlern habe man eine Sanierung und einen direkten Zugang zu Wien-Mitte-Neu versprochen. So lange, bis man hier schon nicht mehr daran geglaubt hat, als Politik und Bauträger noch betonten, es sei sicher und bald so weit.

An der Bar trinkt ein pensionierter Markthallenarbeiter gegen die Einsamkeit und das Elend. Er verliert. Die, die über Wien Mitte reden, interessiert das nicht. Und unter denen, die in Wien Mitte fest sitzen, fällt er nicht weiter auf. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe, 18.3.2003)

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    foto: standard/cremer
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