Nach Eklat in Auschwitz

Wiener Schülern droht Ausschluss

14. Mai 2009 15:25

Stadtschulrat prüft auch Disziplinarmaßnahmen gegen Lehrer - Schmied: Schulen müssen zentralen Beitrag leisten

Wien - Der Eklat bei einer Klassenfahrt nach Auschwitz Ende April, bei der einige Schüler des Wiener Gymnasiums Albertgasse in der Josefstadt durch antisemitische Äußerungen und Störaktionen aufgefallen sein sollen, könnte disziplinarrechtliche Folgen nach sich ziehen. Derzeit werde der mögliche Ausschluss einzelner Schüler geprüft, so ein Sprecher des Stadtschulrats am Donnerstag. Auch dienstrechtliche Disziplinarmaßnahmen gegen die mitgereisten Lehrer behalte sich die Schulbehörde vor.

Der Organisator der Schülerreise, der Verein "Morah" (March of Remembrance and Hope), hatte auf die Zwischenfälle aufmerksam gemacht (DER STANDARD berichtete). Wie die Wochenzeitung "Falter" in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet, seien die Provokationen so weit gegangen, dass bei einem gemeinsamen Besuch einer Gaskammer mit Holocaust-Opfern und deren Nachkommen judenverhöhnende Witze gemacht wurden. Daraufhin habe der Verein die betreffenden Jugendlichen, die großteils 16 Jahre alt sind, samt ihren Klassenkollegen frühzeitig nach Hause geschickt.

Prüfbericht des Stadtschulrats

Der Stadtschulrat führe nun eine umfassende Untersuchung durch, betonte der Sprecher. Diese beinhalte etwa die Aufnahme von Gedächtnisprotokollen aller an der Fahrt Beteiligten - "vor allem unter dem Aspekt, welche Aussagen tatsächlich getätigt wurden und dokumentierbar sind". Geprüft wird auch die Wahrung der Aufsichtspflicht durch das Lehrpersonal.

Außerdem soll eruiert werden, wie und in welcher Intensität die Schüler auf den Ausflug inhaltlich vorbereitet wurden. Da die Teilnahme an der Reise auf freiwilliger Basis stattgefunden habe, wird auch die Auswahl der einzelnen Schüler genauer unter die Lupe genommen. Ein entsprechender Prüfbericht, auf dessen Grundlage weitere Entscheidungen fallen, wird laut Stadtschulrat nächste Woche vorliegen.

"Entschuldigungsschreiben"

Vonseiten der Behörde wurde jedenfalls versichert, dass die Berichte von "Morah" über die Verhaltensweise der betroffenen Jugendlichen "Empörung" ausgelöst hätten. Inzwischen hätten die Schüler der Albertgasse jedoch ein "Entschuldigungsschreiben" an den Verein geschickt, in dem unter anderem festgehalten werde, dass man sich von Handlungen und Aussagen einzelner Kollegen deutlich distanziere. An der Reise zur KZ-Gedenkstätte in Polen nahmen mehr als 400 Schüler aus 17 Schulen teil.

Erst kürzlich waren Jugendliche durch antisemitische Störaktionen aufgefallen. Bei einer Gedenkveranstaltung im oberösterreichischen Ebensee am vergangenen Wochenende sollen uniformierte Männer unter anderem Nazi-Parolen gerufen haben. Über zwei Hauptverdächtige - sie sind beide 16 Jahre alt - wurde inzwischen die Untersuchungshaft verhängt. Der dritte Jugendliche im Alter von 14 Jahren wurde gegen gelindere Mittel enthaftet.

Schmied: Schulen müssen zentralen Beitrag leisten

Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) hat angesichts der Neonazi-Störaktion in Ebensee auf die Bedeutung politischer Bildung hingewiesen: "Politik, Eltern, Medien und die gesamte Gesellschaft tragen Verantwortung dafür, unsere Jugend über die Geschichte unseres Landes aufzuklären und die Grausamkeit dieses dunklen Kapitels zu informieren", sagte sie in einer Stellungnahme am Donnerstag gegenüber der APA. "Vor allem aber müssten unsere Schulen einen zentralen Beitrag für das Funktionieren unserer Demokratie leisten."

"Die untragbaren Vorfälle zeigen die Wichtigkeit des Erinnerns und die Bedeutung des unermüdlichen Kampfes gegen Intoleranz, Faschismus und Rechtsextremismus auf", so Schmied weiter. Gelungene politische Bildung sei "ein wesentlicher Beitrag für die friedliche Zukunft unseres Landes". Schmied verwies auf Maßnahmen der Bundesregierung in den vergangenen Jahren: "Speziell nach der Senkung des aktiven Wahlalters auf 16 Jahre ist es wichtig, politische Bildung in Österreichs Schulen zu intensivieren und zu verbessern."

Materialienset für bessere politische Bildung

Mehrere Projekte wurden im Schuljahr 2008/2009 laut Schmied umgesetzt: In der achten Schulstufe ist nunmehr der Pflichtgegenstand "Geschichte und Politische Bildung" gesetzlich verankert. Der entsprechende Lehrplan wurde neu gestaltet und nimmt Rücksicht auf die Entwicklung hin zum kompetenzorientierten Unterricht. Auch die Lehrpläne für die Oberstufe werden Schritt für Schritt überarbeitet. Um die Umsetzung in den Schulen zu erleichtern, wurde parallel ein Materialienset entwickelt. Ab dem Studienjahr 2009/10 werden zudem alle angehenden Pflichtschullehrer im Rahmen ihrer Ausbildung Module zur politischen Bildung besuchen. (APA)

Kommentar posten
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Igor Gassner
19.05.2009 11:00
Wenn sie die raus schmeißen

wird sich die NVP für zwei neue lebenslange Mitglieder bedanken.

Netzmeister
24.05.2009 13:46
Perser, Russen und Polen

waum werden die Antisemitisch?

ohne mich
19.05.2009 16:36

dann sollen sie sich halt bedanken. nazis bleiben sie sowieso! auf jeden fall raus schmeißen! denn sonst hätte ihre aktion überhaupt keine konsequenzen.
klar, daß sie sich auch genau das gedacht haben, weil es in ö ja auch auf allerhöchster ebene nie konsequenzen, rücktritte etc. gibt. siehe strache, graf etc.
also welche ebene wir nun an welche angepaßt?

Igor Gassner
19.05.2009 18:17
das ist schon klar, dass zwei das Kraut nicht fett machen

aber wenn sich das als Praxis durchsetzt werden einige hundert Schüler in jeder Generation die Schule Österreichweit wechseln und das wird dann eine solide politische Basis verursachen, deshalb ist ein Rauswurf für ein einmaliges Fehlverhalten nicht sehr intelligent und ein schwerer Mißbrauch der Schule an sich da es ja eine Erziehungseinrichtung ist und keine politische Kaderpartei.

fibiundchillie
18.05.2009 08:44

ich stelle mal folgendes fest, vielleicht als versöhnlichen Abschluß:
Für immerhin 400 SchülerInnen aus Österreich war diese Veranstaltung das, was sie sein sollte: Lehrreich, berührend, persönlichkeitsbildend.

cienfuegos
18.05.2009 07:00
...möchte nochmal darauf hinweisen,dass...

...es kein Zufall ist, dass es gerade Schüler des BRG Albertgasse waren! Seit Jahren ist der Elternverein dieser Schule FPÖ dominiert! Monika Mühlwerth, die (ehemalige?) Vorsitzende des Elternvereins und Vorsitzende der Freiheitlichen Frauen, sitzt im Stadtschulrat.(2.Vorsitzende)Jahrelang wurden Exkursionen nach Mauthausen vom Elternverein blockiert. (Daher ist es für mich rätselhaft, warum die Schüler an einem Ausschwitz-Gedenken teil nahmen. Vielleicht hats ja ein neuer Lehrer nicht gecheckt, woher in der Albertgasse der Wind weht?)
Dies war einer der Gründe, unser Kind NICHT in die Albertgasse zu schicken, obwohl wir in der Nähe wohnen.

Evelyne R.
29.05.2009 10:15
Danke!

trace route
18.05.2009 23:09
Herzlichen Dank ...

... für diese überaus interessante Information.

Barbara B2
16.05.2009 14:23
Dichtung und Wahrheit

Es wundert mich doch, dass eine seriöse Zeitung wie der Standard völlig unkritisch über diesen Vorfall berichtet. Hier herrscht ein himmelschreiender Mangel an Objektivität.
Hat eigentlich irgendjemand Interesse daran, was wirklich abgelaufen ist?
Hat sich jemand darüber gewundert, warum denJugendlichen einfach ohne Angaben von Gründen von den Veranstaltern die Koffer vor das Quartier gestellt wurden ?
Ist es wirklich nicht erlaubt, kritische Fragen zu zugegebenmaßen sensiblen Themen zu stellen?
Es ist wirklich einfach, eine Handvoll Jugendliche zu steinigen während auf der Ringstraße die Nazis völlig ungehindert ihre Parolen schreien dürfen.

Areopagit
22.05.2009 09:48
Seriös?

Soweit ich weiss, hängt dieses Wort mit dem Wort "Ernsthaftigkeit" zusammen. In diesem Sinne bezweifle ich, dass "der standard" seriös ist, aber - für die behaupteten zensoren in- und außerhalb des standard - nicht mehr und nicht weniger, als andere österreichische Medien. Allerdings gibt es viele Menschen, Journalisten, etc. die an einer Seriosität interessiert sind.
Sehen - urteilen - handeln
Das bedeutet so zu handeln und reflektieren, wie sie - richtigerweise - vorgeschlagen haben.
Würde diese Seriosität Einzug in die Schuldebatte finden, gäbe es endlich eine leidenschaftliche, den Personen (Schüler, Lehrer, Eltern, Gesellschafz) aber leidenschaftslose sinnvolle Bildungsdebatte!!!!!

trace route
18.05.2009 23:10
Sie können jederzeit hier im Forum Ihre Meinung kund tun.

Auch das Posten von Verschwörungs-Theorien ist im Forum jederzeit gestattet ;-)

Gerhard Schwarz
 
17.05.2009 13:21

Vielleicht sind das dieselben?

the photographer
15.05.2009 22:47
Schicken wir ein paar Lehrer in den Orkus...

... dann dürfen wir weiter ruhig schlafen.
Keiner redet davon, dass in Kärnten ein Landeshauptmann vor einigen Jahren im Wahlkampf beteuert hatte, er wäre "ein hochgradiger Hitlerjunge" gewesen. Er gehörte nicht einmal einer einschlägigen Partei an.
Jetzt aber heißt die Devise: Haltet den Dieb!
Haben die Lehrer im Unterricht Antisemiten produziert?
Seltsame Frage!

alecs garwin
15.05.2009 20:01
wieder mal typisch österreichisch

ein gewisser nationalratspräsident hat mitarbeiter, die erwiesenermassen bei einschlägigen internetshops einkaufen...und nix passiert.
der ausschluß der betreffenden schüler wird diesen und ihrem geschichtsbild sicher gut tun.

FalscherProphet
15.05.2009 20:54
Dass dieser braune Olympiade nicht per Fußtritt

seines Amtes enthoben wurde, ist eine Sache.

Aber für mich rechtfertigt kein Witz der Welt (ganz egal wo er erzählt wird) den Schulausschluss!

Konsequenzen für antisemitischen Dreck am so ziemlich unpassendsten Ort der Welt ja -
aber bitte keinen Schul-Rauswurf!

Gerhard Schwarz
 
15.05.2009 17:02
Die Holocaust-Industrie der entfremdeten Geschichtsvermittlung gibt es wirklich.

Sensibilität gegenüber Rassismus, Antisemitismus und Faschismus kann so nicht vermittelt werden.
Geschichtsverständnis muß an persönlicher Entwicklung und eigenen Erfahrungen anknüpfen.
Das Antifaschismus-Ritual ohne wirkliches inhaltliches Engagement bewirkt das Gegenteil.

Glaros
15.05.2009 20:48

Mir hat es etwas gebracht, als Jugendliche das Konzentrationslager Mauthausen zu besuchen und mich mit dem Holocaust zu beschäftigen.

Das Problem sehe ich nicht in einer "Holocaust-Industrie", sondern in offenbar zum Teil emotional verwahrlosten und moralisch orientierungslosen (oder rechtsextrem sozialisierten) Jugendlichen, die über keinerlei Empathiefähigkeit verfügen und angesichts des Leides anderer kein Mitgefühl, sondern Spott und Hohn empfinden.

Gerhard Schwarz
 
16.05.2009 00:20

Ihre Jugendbeschimpfung ist absurd und unsachlich. Die persönliche Erfahrungssituation in unserer Jugend war eine völlig andere: wir waren mit unserer Elterngeneration noch mit Zeitzeugen der Nazizeit konfrontiert und hatten dadurch einen anderen emotionalen Zugang. Überdies erschien uns als Jugendlichen die politische und wirtschaftliche Zukunft nicht so perspektivlos, wie es für Junge heute ist.

Glaros
16.05.2009 11:34

1.) schrieb ich bewusst "zum Teil", woraus für einen des Lesens mächtigen Menschen hervorgehen sollte, dass damit nicht alle Jugendlichen gemeint waren, sondern jene, die sich in der beschriebenen Weise aufführen.

2.) Woher wollen Sie wissen, wie alt ich bin? Meine Eltern waren mitnichten Zeitzeugen der Nazizeit, sondern sind nach dem Krieg geboren. Und was die Perspektivlosigkeit angeht, so mögen Sie recht haben, dass diese Teil des Problems ist, sie erklärt aber nicht alles, denn auch meine Generation (1973) lernte in der Schule nichts anderes, als dass die Welt ökologisch vor die Hunde geht (Treibhauseffekt etc.) und dass wir es auf dem Arbeitsmarkt sehr schwer haben werden.
In Mauthausen gelacht hat keiner von uns.

imanitram
 
16.05.2009 15:36

Mit "Elterngeneration" meinte ich die damals in Verantwortungspositionen Befindlichen. Und das waren bis in die 1990er-Jahre Nazizeit-Zeugen. Meine Mutter hatte (als illegale Sozialistin) diese Zeit erlebt und durch ihre Erzählungen hatte ich einen viel unmittelbareren emotionellen Zugang zu den Geschehnissen, wie das Jugendliche heute haben können.

Glaros
17.05.2009 00:21

Und ich behaupte, dass der unmittelbare emotionelle Zugang, den Sie schildern, nicht zwingend nötig ist, denn ich hatte niemanden, der mir aus dieser Zeit erzählt hat, und trotzdem ging mir die Beschäftigung mit diesem Thema sehr nahe und hat mich außerordentlich in meiner Entwicklung geprägt.

Gerhard Schwarz
 
17.05.2009 01:45

Da haben Sie völlig Recht. Ich habe nur nach einer möglichen Erklärung gesucht, wieso heute die Sensibilität unter Jugendlichen für faschistoide Tendenzen geringer zu sein scheint als vor 20 Jahren. Das verstehen Sie aber bitte nicht fälschlich als Rechtfertigung für das unakzeptable Verhalten bei den kürzlichen Vorfällen.

Glaros
17.05.2009 13:17

Dass es heute nicht wenige faschistoide, mit rechtspopulistischen Parteien sympathisierende Jugendliche gibt, liegt wahrscheinlich zum einen daran, dass sie faschistoide, mit Rechtspopulisten sympathisierende Eltern haben; zum anderen am Zeitgeist.

Ausländerfeindlichkeit (das Eigene aufzuwerten und das Fremde grundätzlich abzuwerten) ist in Österreich Mainstream. Und in den vergangenen Jahren hat sich das noch verstärkt - was am öffentlichen Diskurs liegt (Politik und Medien).

Dann die Haifischmoral, die für das Wirtschafts- und Erwerbsleben gilt. All das verstärkt faschistoide Tendenzen.

Glaros
17.05.2009 13:10

Ich glaube nicht, dass generell heute bei Jugendlichen die Sensibilität für diese Themen geringer ist. Es kommt wohl darauf an, wen man vor sich hat. Einem empathiefähigen jungen Menschen werden diese unvorstellbaren Verbrechen nahegehen. Vielleicht erwächst gerade daraus (wie bei mir) der Wunsch, sich für Menschenrechte zu engagieren. Vielleicht erwächst daraus eine besondere Sensibilität gegenüber jedem Anflug von Ausländerfeindlichkeit.

Deshalb behaupte ich ja: Jugendliche, die darüber Witze reißen, müssen in irgendeiner Weise gestört sein: Entweder mangelt es ihnen an Empathiefähigkeit oder sie sind rechtsextrem sozialisiert worden.

cienfuegos
15.05.2009 16:10
Schrecklicher Affront

ich möchte nicht missverstanden werden, der Vorfallist ein schrecklicher Affront, den ich sehr bedaure.
Doch ist es denn niemandem bekannt, dass der Elternverein des BRG Albertgasse seit Jahren FPÖ-dominiert ist? Monika Mühlwert, Bundesobfrau der Freiheitlichen Frauen war dessen Vorsitzende.Über die Saat der ewigen FPÖ-Hetze braucht man sich alos auch nicht zu wundern.
Zum Verhalten der begleitenden LehrerInnen kann man sich nicht äußern, da es keine genauen Berichte darüber gibt,. Leider bewirken auch manchmal gut gemeinte Aktionen genau das Gegenteil. (Ich finde zB eine Großveranstaltung mit 400 Jugendlichen zum Holocaust-Gedenken reichlich problematisch.)

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