Wie bei Oma

17. März 2003, 17:50
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Die Omas, mit denen wir es zu tun hatten, waren liebenswerte Frauen, in ihren Küchen gab es aber statt blubbernder Monstertöpfe meist Fischstäbchen ...

Wir haben uns nie getraut. Schon öfters. Dabei haben A. und P. immer wieder mit den verschiedensten Leuten darüber diskutiert und nie einen Hauch von Widerspruch erfahren. Aber wir trauten uns eben nicht zu fragen. Obwohl es nahe liegend wäre. Denn das Neue-Wiener-Beisl-Ding könnte man schließlich auch mit einer gewissen Omas-Küche-Sehnsucht jener Generation erklären, die die legendäre Oma-Küche zwar aus Märchen, Sagen, Volksschullesebuch und anderen lebensfernen Erzählungen kennt, deren Großmütter aber längst nicht mehr so gekocht haben, wie es im Buch steht.

Die Omas, mit denen wir es zu tun hatten, waren liebenswerte Frauen, in ihren Küchen gab es aber statt blubbernder Monstertöpfe meist Fischstäbchen. Oder Germknödel von Toni Kaiser. Oder Iglo-Baguette. So Sachen halt. (Wir mochten das. Damals.) Weil vernünftige Omas mit ihrer Zeit was besseres zu tun wussten, als in der Küche zu stehen (das hatten sie ohnehin ein Leben lang neben der Verkäuferinnenhacke beim Konsum für die Opas getan). Blöd nur, dass da halt im Lesebuch der ersten Volksschulklassen ständig dicke, strahlende Greisinnen dicke, dampfende Töpfe vor Vater-Mutter-Bub- Mädchen-Hund-Katze-Garten-Strahleglückfamilien stellten.

Die Wirklichkeit

Natürlich wollten wir das auch. Nicht nur die Oma-Küche. Das ganze Idealprogramm. Wenn wir in unseren dünnwandigen Favoritner Gemeindebauwohnungen hockten, von oben und links Fernseher und Radios durch die Wand plärrten und rechts - im harmlosesten Fall - das Geschirr der Nachbarn gegen die Wand knallte, bis endlich irgendwer die Polizei rief. Wenn wir zusahen, wie der Hausmeister seinen Hund zum Scheißen in die Sandkiste schickte und uns, wenn wir es wagten im Rasen zu spielen, mit Wasser beschüttete oder mit Müll bewarf. Wenn der H. wieder mal mit einem blauen Aug' in die Schule kam, sich zum Turnen nicht umziehen wollte, vor Angst in die Hose machte, wenn die Schule aus war - und die Lehrerin tat, als würde sie nichts merken. Vielleicht, weil sie sich auf das nächste Kapitel im Volksschullesebuch vorbereiten musste. Das, in dem der Papa mit den Buben im Garten Fußball spielt und die Mama mit den Mädchen und der Oma kocht.

Und jetzt sitzen wir in diesen neuen Wiener Beisln und kriegen sie. Endlich. Die Oma-Küche. Zum Glück nicht ganz so fett, wie das - so erzählen es uns jedenfalls die, die am Land oder sonst wo tatsächlich an Omas Töpfen gefüttert wurden - original, aber doch so authentisch, wie wir uns das immer gewünscht haben. Manchmal nehmen wir die Omas (ein paar gibt es noch) sogar mit - und die schwärmen dann davon, dass das wie früher sei. Wie bei ihrer Oma eben. Obwohl auch die fast nie so gekocht hätten. Nicht aus Unwillen - aus Armut. Oder Not.

Eine Frage des Mutes

Vor kurzem saß dann einer der Wirte eines dieser tollen neuen Wiener Beisln mit uns am Tisch. Auch er erzählte uns seine Oma-Geschichte (B. und A. hatten es sich nicht verkneifen können, zu fragen), die unseren ziemlich ähnlich war. Am Ende des Abends gab sich A. dann einen Ruck. Sie habe, gestand sie, mittlerweile manchmal Sehnsucht nach der echten Echte-Oma-Küche. Und zwar nicht zu Hause, sondern in einem Umfeld, das der idealisierten Omaküche entspräche. Der Wirt nickte. Ihm ginge es genauso. Aber ihm fehle der Mut - sowohl seinem Koch, als auch seinen Gästen gegenüber.

Ein paar Tage später waren wir wieder in seinem Lokal. Er verweigerte uns die Speisekarten, grinste - und brachte uns dann einen Berg Fischstäbchen mit Kartoffelpüree und danach noch Germknödel. Am Nachbartisch bekamen zuerst große Augen - dann beschwerten sie sich: Wieso das nicht auf der Karte stehe. Das wäre nämlich echt. Und zwar genau so wie bei Oma.

Nachlese

--> Indien
--> Ein Geschenk
--> Speckgürtel
--> Valentinsdebakel
--> Die Mulde
--> Die Tunnel unter der Stadt
--> Flugrattenpflege
--> Telefonieren für 0 Cent
--> Spaß mit den Nachbarn
--> Drei Zentimeter
--> Noch ein Zimmer
--> Eleanor Rigby
--> Quartierschreberei revisited
--> Weitere Stadtgeschichten ...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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