Sonntagsruhe, "Zeit zur reflektieren"

17. März 2003, 13:40
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Die "Allianz für den freien Sonntag", eine Initiatve von Kirche, GPA und Unternehmern, mit teils exotischen Argumenten zum Thema Ladenschluss

Wien - Lob für die Festschreibung der "Sonntagsruhe" im Regierungsprogramm gab es heute von der "Allianz für den freien Sonntag" in einer Pressekonferenz in Wien. "Unser Lobbying war offenbar erfolgreich", stellte Bischof Maximilian Aichern, Mitglied der österreichischen Bischofkonferenz - eine der 48 Organisationen in der Allianz - heute fest. Der arbeitsfreie Sonntag sei "das älteste Sozialgesetz der Welt" und bereits in den Zehn Geboten enthalten. Erneuert hat heute zudem das Wirtschaftsforum der Führungskräfte (WdF) seinen unorthodoxen Vorschlag, geschlossene Geschäfte an Sonntagen und die damit verbundene "Ruhe" in den Städten touristisch doch als besonderen Vorteil anzupreisen.

Sozialer Taktgeber

Bischof Aichern warnte heute gleichzeitig vor der im Koalitionsabkommen ebenfalls enthaltenen "allgemeinen Tendenz zur Deregulierung", etwa der geplanten Flexibilisierung der Arbeitszeit, aber auch der Liberalisierung der Öffnungszeiten im Handel.

"Ladenöffnungszeiten sind die sozialen Taktgeber, nach denen sich Verkehrsströme, Freizeitverhalten, Energieverbrauch, Dienstleister, Zulieferer, Kinderbetreuung und andere Bereiche richten", sagte der Bischof. Aus Sicht der Kirche sei es kein Zugewinn an Freiheit, wenn "Zeit von anderen Tätigkeiten tendenziell rund um die Uhr für Konsum oder Arbeit abgezweigt" werde. Der Kirchenmann befürchtet, dass "man sich plötzlich rechtfertigen muss, warum man nicht einkaufen geht", sondern einfach mit Freunden da sitzt.

Bessere Rahmenbedingungen gefordert

Auch Renate Csörgits, Vizepräsidentin und Frauenvorsitzende des ÖGB, warnt neuerlich vor den negativen Auswirkungen von Ausweitung der Öffnungszeiten auf die Beschäftigten. Sie wiederholte die Gewerkschafts-Forderung nach besseren Rahmenbedingungen für die meist weiblichen Mitarbeiter - primär bei Kinderbetreuung, Verkehrsanbindung, aber auch Sicherheit.

Schon die letzte Liberalisierung im Jahr 1997 - damals wurden die maximale Öffnungszeiten von 60 auf 66 Stunden pro Woche ausgeweitet sowie das Aufsperren am Samstagnachmittag bis 17 Uhr ermöglicht - habe zu einer "Verdrängung von Vollzeit- durch Teilzeitjobs geführt. 2001 habe es um 41.000 Teilzeitkräfte mehr und um 16.000 Vollzeitkräfte weniger im Handel gegeben als 1996. Der Zahl der geringfügig Beschäftigten sei allein von 1996 auf 1997 um 22 Prozent gestiegen. 2001 gab es im Einzelhandel laut Csörgits bereits 26.768 geringfügig Beschäftigte.

Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit

"Nirgendwo sonst klafft die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit bei Teilzeit so weit auseinander wie im Handel", so Manfred Wolf von der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA). Viele Mitarbeiter würden nur herangezogen, um die Spitzenzeiten abzudecken, "dazwischen liegt wertlose Freizeit", kritisiert er die Splittung der Arbeitseinsätze in oft zweimal zwei Stunden.

Wirtschafts- und Arbeitsminister Martin Bartenstein habe es in der gestrigen Pressestunde geschafft, 10 Minuten über Ladenschluss zu reden, ohne die 350.000 Angestellten im Handel mit einem Wort zu erwähnen, ärgert sich Wolf. Der Handel sei in Europa mit 22 Millionen Beschäftigten der größte Arbeitgeber, die schon jetzt am kulturellen und politischen Leben nicht mehr voll teilnehmen könnten.

"Schwarz-weiß-Regelung"

An den tatsächlichen Problemen des Handels - unübersichtliches Angebot, schlechter Service und Verdrängungswettbewerb - werde sich auch durch die Ausweitung der Öffnungszeiten nichts ändern, betonte der GPA-Handelsfachmann. Zu befürchten sei jetzt vielmehr, dass durch die geplante Aufhebung der "schwarz-weiß-Regelung" (jeder zweite Samstag muss frei sein) Freizeitansprüche abgeschafft werden und es durch den Eingriff in den Kollektivvertrag (KV) zu weiteren Verschlechterungen kommt, sagte Wolf.

Bischof Aichern setzt jetzt auf die neue Macht der Landeshauptleute, die Öffnungszeiten individuell festzulegen. "Wir werden über unsere neun Bundesländerallianzen weiterhin stark für sozial- und umweltverträgliche Öffnungs- und Betriebszeiten auch gegenüber den Landeshauptleuten eintreten, sagte er. Wo diese genau anfangen bzw. aufhören, wollte er heute nicht erläutern. Die Grenzen seien fließend und müssten "mit allen gesellschaftspolitischen Kräften" festgelegt werden.

"Zeit zu reflektieren"

Der Chef des Wirtschaftsforums der Führungskräfte (WdF), Kühne-& Nagel-Generaldirektor Friedrich Macher, betonte ebenfalls, wie wichtig "Zeit zu reflektieren" gerade für Führungskräfte sei. "Wenn es den Sonntag nicht mehr gibt, können wir unsere ehrenamtlichen Tätigkeiten wie etwa im Alpenverein nicht mehr ausüben, so Macher, der selbst Mitglied des Alpenvereins ist. Tourismusmanagern rät er, geschlossene Geschäfte am Sonntag als besonderen Vorteil einer Stadt zu propagieren. "Dann kann man in Ruhe alles anschauen und wird dabei nicht von hetzenden Touristen und Einkäufern gestört."

GPA-Vertreter Wolf entdeckt in der restriktiven Sonntagsregelung auch ein Plus für die Wirte: Die Gastronomie sollte "nachdenken", dass es für sie doch von Vorteil sei, wenn sich die Touristen nicht im Lebensmittelhandel mit Essen versorgen können. (APA)

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    montage: derstandard.at
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