Strafverfahren gegen Friedensaktion in Graz

17. März 2003, 11:50
posten

Am Schlossberg prangt unerwünschtes Spruchband mit der Aufschrift "Krieg ist Unkultur. Stoppt Mars!"

Graz - In die EU zu hohe Wartungen zu setzen, kann sich mitunter rächen: Brüssel hatte der Kulturhauptstadt zwar nie definitiv eine Million Euro als Subvention zugesagt, die Macher von Graz 2003 rechneten dennoch mit der Summe - um wenige Tage vor der Eröffnung mit der Hälfte abgespeist zu werden. Seither klafft ein Finanzierungsloch, das auch drei Monate später nicht geschlossen werden konnte.

Zu Beginn der samstägigen Zwischenbilanzpressekonferenz beteuerte Intendant Wolfgang Lorenz zwar: "Wir sind pumperlg'sund." Was er später allerdings relativieren musste. Von Krise zu reden, sei aber verfehlt: "Andere Budgets krachen. Unseres knistert höchstens." Damit es nicht noch stärker knistert, wurde bereits vom Vorhaben, Marianne Faithful für ein Konzert zu engagieren, Abstand genommen. Am Plan, im Juni Lou Reed einzufliegen, hält man vorerst aber noch fest.

Ansonsten eitel Wonne

Ansonsten scheint im Graz-2003-Büro eitel Wonne zu herrschen. Man habe einen "Traumstart" hingelegt, das Kulturstadtprogramm sei, sagte Lorenz, ein Erfolg - beim Feuilleton wie beim Publikum. Denn viele Veranstaltungen (das Musiktheater Begehren, die ersten beiden Blöcke der Serie Europas Jazz, das zweiwöchige Gastspiel des Mariinsky Theaters aus St. Petersburg) waren ausverkauft.

Das Schauspielhaus soll bei Henning Mankells platter Szenenfolge Butterfly Blues, die vom Feuilleton zerzaust wurde, sogar zu 101,4 Prozent ausgelastet gewesen sein (6100 Besucher). Und etliche Ausstellungen wurden regelrecht überrannt: Die Bühnenbild-Installation Erinnerungen an die Menschheit kam auf 11.000 Besucher, die Ausstellung Grenz.Räume mit Fotos von Inge Morath auf 15.000 und M-ARS, der hochaktuelle Beitrag der Neuen Galerie über Krieg in der Kunst, auf 12.500.

Futuristisches Design

Zu den großen Erfolgen ist auch der Marienlift zu zählen (mit rund 10.600 Fahrten) und die Murinsel: Über 100.000 Personen hätten sie bisher besichtigt. Auf dem künstlichen Eiland auch zu verweilen, ist allerdings erst seit dem Wochenende möglich: Samstagabend wurde die von Arthur Sorger gepachtete Café-Bar eröffnet. Die äußerst geglückte futuristische Inneneinrichtung stammt vom Grazer Team purpur: Man glaubt, sich in einem Raumschiff zu befinden, das notwassern musste.

Auch Alfred Stingl, noch zehn Tage lang Bürgermeister, zeigte sich zufrieden. Graz sei international wahrgenommen worden: Es gebe z. B. eine regelrechte Flut an Kongressanmeldungen. Und eine bessere Botschaft als "Krieg ist Unkultur. Stoppt Mars!" könne eine Kulturhauptstadt gar nicht aussenden. Das Graz-2003-Team hatte, wie berichtet, ein diesbezügliches Spruchband am Schlossberg montiert. Illegal, weil eine Genehmigung nicht möglich ist.

Es seien daher zwei Strafverfahren gegen Graz 2003 eingeleitet worden, so Geschäftsführer Eberhard Schrempf. Eine bessere Botschaft kann eine Kulturhauptstadt in der Tat nicht aussenden. (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Printausgabe, 17.3.2003)

  • Artikelbild
    online kultur
Share if you care.