Christina Tögl und Sara Brandauer

Ländermatchaffäre - Österreich - EU

13. Mai 2009, 21:15

Hans Winkler, ehemaliger Staatssekretär und österreichischer Diplomat, im Interview über seine Einstellung zur EU

Interview mit Dr. Hans Winkler, Direktor der Diplomatischen Akademie in Wien, ehemaliger Staatssekretär und österreichischer Diplomat über seine Einstellung zur EU. Insbesondere über die noch immer vorhandene Skepsis der Österreicher zur Europäischen Union. Im Interview erklärte er die Wichtigkeit des EU-Parlaments und dass wir alle damit zu tun haben.

1. Ist die Kronen Zeitung an der EU-Skepsis mit schuld?
Winkler: Zuerst muss man den Begriff Skeptiker definieren. Wenn jeder, der etwas an der EU kritisiert ein Skeptiker ist, dann ist jeder einer. Aber nur die klassischen 25 %, die wir schon 1994 hatten, lehnen die EU wirklich ab. Selbstverständlich hat die Kronen Zeitung einen unglücklichen Einfluss, wenn ich jeden Tag nichts anders höre, als dass die EU will, dass es mir schlechter geht und dass wir alles aufgeben müssen, was österreichisch ist. Dann hat das natürlich einen Einfluss. Weil sie bereits vorhandene Klischees und Vorurteile bedient und noch dazu verstärkt.

2.Was sind die Hauptgründe für die Skepsis?
Winkler: Ich glaube schon, dass die Menschen das Gefühl haben, dass da Dinge geschehen die sie nicht kontrollieren können und die nicht ihren Interessen entsprechen. Es entscheiden Menschen, die die österreichische Bevölkerung nicht kennt. Sie wissen nicht, was uns bewegt. Österreicherinnen und Österreicher haben das Gefühl, all ihre Entscheidungsfreiheit abgegeben zu haben. Das wird dann eben durch Vorurteile geschürt. Wir müssen weg von dem Ländermatch, wir gegen die EU.

3.Wieso wird die EU der Bevölkerung nicht näher gebracht?
Winkler: Man erwartet von der EU viel mehr und ganz was anderes als über jeden anderen Lebensbereich. Wer kennt sich heute schon wirklich aus, wie unser Staat funktioniert? Aber niemand beklagt sich, dass er nichts über unseren Staat weiß. Die EU ist wie ein Zusammenleben in einer Gemeinschaft, eben sehr kompliziert. Natürlich ist es die Aufgabe der Politik, Wissenschaft, Medien, Schulen und Universitäten über die europäische Integration zu berichten und Wissen zu übermitteln. Wer sich aber dafür interessiert, findet jeden Tag von früh bis spät sehr viele Informationen und Materialien. Aber zu erwarten, dass sich die Politik jeden Tag hinstellt und die Bevölkerung über die EU informiert, ist nicht notwendig und nicht Sinn und Zweck der Politik.

4.Schiebt man zu oft die Schuld auf das ferne Brüssel?
Winkler: Der Gemeindepolitiker schimpft schon mal auf seine Landesregierung, diese schieben es dann auf Wien und die dann auf Brüssel. Schlussendlich ist niemand dafür verantwortlich. In Wirklichkeit stimmen unsere Politiker in Brüssel mit ab und meistens müssen die Entscheidungen einstimmig getroffen werden. Der Außenminister Spindelegger schlägt vor, jede Entscheidung eines Ministers in der EU muss dargelegt und begründet werden. Das ganze soll es als Video im Internet geben, damit jeder selbst sehen kann, warum der Minister zugestimmt hat.

5.Warum wird die EU-Wahlwerbung in Österreich so vernachlässigt?
Winkler: Ich würde nicht sagen, dass sie vernachlässigt wird, es geht ja nicht um Bundeswahlen, sondern um 17 Abgeordnete im EU-Parlament. Wenn die Politiker das Gefühl haben, dass es die Menschen interessiert, würde sicher mehr Geld dafür zur Verfügung gestellt werden.

6.Gibt es Mittel, das Interesse der Menschen zu wecken?
Winkler: Wenn ich diesen Stein der Weisen schon gefunden hätte, dann wäre ich schon berühmt und reich. Ich weiß nicht, wie man es macht. Wichtig wären viele Projekte an Schulen für Jugendliche, das funktioniert bereits an Mittelschulen. Aber an Hauptschulen und bei Lehrlingen gelingt das leider schon nicht mehr. Das Entscheidende sind die Lehrer. Was sie in den Unterrichtsstunden in den Klassen erzählen ist wichtig. Die Lehrer, Politiker, Medien, Universitäten und Schulen, jeder hat seinen Anteil an diesem Problem. Die Skepsis an sich ist es nicht. (Christina Tögl und Sara Brandauer)

Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.