Vom Tod jeder Erneuerung

13. Mai 2009, 20:01
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Nächste Runde im Streit um den Cern-Ausstieg Österreichs: Der Wissenschaftsminister schreibt den Kritikern einen offenen Brief - von Johannes Hahn

Liebe Leserinnen und Leser, sehr geehrte Wissenschafterinnen und Wissenschafter! In den vergangenen Tagen gab es eine Vielzahl an Reaktionen, in denen meine Entscheidung, mit Ende 2010 die Mitgliedschaft beim Cern nicht mehr zu verlängern, positiv wie auch negativ kommentiert wurde. Erlauben Sie mir, mich auf diesem Wege an Sie zu wenden und meine Beweggründe kurz und klar darzustellen:

1. Die wissenschaftliche Bedeutung des Cern für einen Teil der Physik - die Kern- und Teilchenphysik - ist mir bewusst, und ich habe vor ihren vielfältigen, exzellenten wissenschaftlichen Publikationen in der Vergangenheit hohen Respekt. Österreich hatte daran Anteil, und seit Gründung dieser Organisation wurden mehr als 550 Millionen Euro als Zeichen der Solidarität in Europa und der Völkerverständigung - eines der Motive zur Gründung des Europäischen Kernforschungszentrums - von Österreich investiert.

2. Mitgliedschaften in internationalen wissenschaftlichen Organisationen wie dem Cern sind keine "Zwangsehen". Sie unterliegen sachlichen und politischen Überlegungen, die jedes Land für sich selbst anstellen muss. Eine kontinuierliche Fortschreibung von eingegangenen Verpflichtungen - nur um der Verpflichtung willen - ist der Tod jeder Erneuerung. Europa benötigt dringend eine Erneuerung hinsichtlich seiner Wettbewerbsfähigkeit und seiner Strahlkraft in Wissenschaft und Forschung gegenüber den USA und Asien.

3. Diese Erneuerung findet durch die im Jahr 2007 beschlossene "European Roadmap" statt. In ihr sind mehr als 35 wissenschaftliche Großprojekte aufgelistet, die diese Strahlkraft Europas stärken. Bei zahlreichen dieser Großprojekte gibt es nun die Chance, die österreichische Forschungslandschaft zu verankern, um so unseren Beitrag für eine "Partnerschaft für Europa" zu leisten. Damit setzt Österreich ein wichtiges Signal für künftigen Wohlstand, Solidarität und Sicherheit in und für Europa - aber auch in und für Österreich. Viele dieser Projekte haben maßgeblichen, direkten Einfluss auf unser Land und die Österreicherinnen und Österreicher. Darunter etwa das Projekt von Biobanken mit Gewebeproben, das von österreichischer Seite aus koordiniert wird.

4. Durch eine bloße Politik der Fortschreibung wären all diese Erneuerungen zum Wohlstand Europas gefährdet, weil die finanzielle Belastbarkeit der öffentlichen Haushalte durch die Wirtschafts- und Finanzkrise begrenzt ist. Eine verantwortungsvolle Politik zum Wohle Österreichs und zur Stärkung des Forschungs- und Wissenschaftsstandortes verlangt auch "einschneidende" Entscheidungen. 70 Prozent der mir zur Verfügung stehenden Mittel für Beteiligungen an internationalen Organisationen sind durch die Mitgliedschaft bei einer Organisation - dem Cern - gebunden. Mit den frei werdenden Mitteln eröffnen sich neue Perspektiven und Chancen für Österreich, seine Forscherinnen und Forscher!

5. Der Ausstieg beim Europäischen Kernforschungszentrum Cern bedeutet nicht, dass es zu einem Kahlschlag in der Physik kommt. An Österreichs Hochschulen und Forschungseinrichtungen wird weiterhin an weltweit führender Stelle geforscht: in Innsbruck in der Astro-, Astroteilchen- und Quantenphysik, in Linz in der Halbleiter- und Festkörperphysik, in Wien in der Quanten-, Neutronen-, Material- und Astrophysik, in Graz in der Sonnen- und Biophysik und in Leoben in der Materialphysik - sowohl experimentell als auch theoretisch. Sie sehen, die Teilchenphysik ist wirklich nur ein Teil der Physik und wird, da Cern ja auch nur ein Teil der Teilchenphysik ist, nicht komplett aufgegeben! Unter anderem werden weiterhin Mittel für Programme für Dissertantinnen und Dissertanten am Cern zur Verfügung stehen. Damit und mit einer Ausweitung der Programme auf andere europäische Einrichtungen sichern wir, dass der heimische Forschungsnachwuchs auch künftig auf höchstem Niveau Erfahrungen sammeln kann.

6. Meine Entscheidung, die österreichische Cern-Mitgliedschaft auslaufen zu lassen, beruht auf dieser notwendigen Abwägung, die ich als Minister getroffen habe. Nun gilt es, die neuen Chancen im Bereich der europäischen Forschungsinfrastrukturen gemeinsam zu nutzen - dazu lade ich alle Wissenschafterinnen und Wissenschafter herzlich ein!

Ihr Johannes Hahn
(DER STANDARD, Printausgabe, 14. 5. 2009)

Johannes Hahn, gelernter Philosoph, ÖVP-Chef von Wien, seit 2007 Minister für Wissenschaft und Forschung

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    Abkehr von der großen Röhre des Cern zur Teilchen- beschleunigung: Statt der Physiker sollen sich in Zukunft vor allem Biowissenschafter international profilieren.

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