STANDARD-Interview

"Es wäre wichtig, mehr auf Intuition zu setzen"

13. Mai 2009, 19:31
  • Artikelbild: Vertraut in kritischen Situationen gern auf sein Bauchgefühl und sieht in einem Übermaß an Spe- kulation den Hauptgrund für die Wirtschaftskrise: Der als "schnellstes Gehirn der Welt" gefeierte regierende Schachweltmeister Viswanathan Anand. - Foto: STANDARD/Newald

    Vertraut in kritischen Situationen gern auf sein Bauchgefühl und sieht in einem Übermaß an Spe- kulation den Hauptgrund für die Wirtschaftskrise: Der als "schnellstes Gehirn der Welt" gefeierte regierende Schachweltmeister Viswanathan Anand.

Schachweltmeister Anand verlässt sich auf sein Bauch­­gefühl und hielte auch in der Wirtschaft mehr Demut für angebracht

Standard: Die Weltwirtschaft scheint schachmatt gesetzt, nichts geht mehr. Sehen Sie einen Ausweg?

Anand: Es gibt Anzeichen, dass sich die Wirtschaft stabilisiert, wenn auch auf sehr tiefem Niveau. Ich habe viel über die große Depression in den 1930er-Jahren gelesen und immer gedacht, das liege weit zurück. Nie hätte ich geglaubt, dass wir uns mit etwas Ähnlichem herumschlagen müssten. Die jetzige Krise wird sich hoffentlich nicht über sechs, sieben Jahre hinziehen.

Standard: Sie wird kürzer sein?

Anand: Ich glaube schon. Das ist mein Bauchgefühl, ich kann es nicht begründen. Aber wer weiß? Wenn vor zwei Jahren jemand gesagt hätte, wir würden total vom Weg abkommen, hätte das niemand geglaubt. Wir haben es mit einem Zyklus zu tun. Die Psyche ist stärker als die Ratio. Das ist auch der Grund, warum wir jetzt da sind, wo wir sind.

Standard: Was ist geschehen?

Anand: Es ist unglaublich attraktiv geworden, auf volles Risiko zu gehen. Dabei ist das Augenmaß verlorengegangen. Das Ganze ist aus dem Ruder gelaufen.

Standard: Beim Schachspiel heißt es zurück an den Start, wenn nichts mehr geht. Auch in der Wirtschaft?

Anand: Nicht so radikal. Ein gewisses Maß an Spekulation ist gut, weil das die Wirtschaft ölt. Aber das, was wir an Spekulation gesehen haben, ist absurd. Eine so große Industrie kann nicht überleben mit nichts. Es sind ja keine realen Werte geschaffen worden.

Standard: Wirtschaftstheorien basieren auf Modellen, in die zigtausende Variable eingehen. Eine Parallele zum Schachspiel?

Anand: Da gibt es gar nicht so viele Modelle. Wir verfolgen Ideen und versuchen zu ergründen, wie der Gegner darauf reagieren wird - und umgekehrt. Es gibt langfristige strategische Elemente, aber der Großteil des Spiels ist Taktik.

Standard: Was eint die Welt der Wirtschaft und jene des Schachs?

Anand: Die Psychologie. Deren Stellenwert ist in beiden Welten sehr hoch. Das Gerede vom rationalen Verhalten der Märkte ist Nonsens. Die Menschen sind instinktgetrieben. Das gilt auch für Schach. Beim Spielen ist wichtiger, was ich fühle und was mein Gegner denkt, als das, was sich objektiv auf dem Brett abspielt.

Standard: Was kann man von Schach lernen für die Wirtschaft?

Anand: Demut. Man kann nicht alles unter Kontrolle haben, auch nicht in der Wirtschaft. Im Spiel gibt es Momente, wo ich mit Nachdenken nicht weiterkomme. Ich verlasse mich dann auf meine Intuition. Überhaupt glaube ich, dass es wichtig wäre, mehr auf Intuition zu setzen und weniger auf logisches Denken zu vertrauen, auch in der Ökonomie.

Standard: Wenn Sie an die Weltwirtschaft denken, sehen Sie dann ein großes Schachbrett oder viele kleinere nebeneinander, auf denen gleichzeitig gespielt wird?

Anand: Ich stelle mir viele kleine Spiele vor, die simultan ablaufen, die aber, glaube ich, Teil eines großen Spiels sind. Das ist aber schwer vergleichbar, weil die Komplexität der realen Welt ungleich größer ist als die des Schachspiels.

Standard: Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz hat bemängelt, dass es bei Schach nur ums Gewinnen gehe, um sonst nichts. Bei der Wirtschaft hingegen gehe es wirklich um etwas: um die Beseitigung von Arbeitslosigkeit, Inflation, Hunger, Elend. Was sagen Sie dazu?

Anand: Das ist gar nicht so abwegig. Obwohl Schach eine Metapher für viele Dinge ist, sollten wir eines nicht vergessen: Schach ist und bleibt ein Spiel.

Standard: Sie werden im Dezember 40 - wie lange wollen Sie noch Schach spielen?

Anand: Solange es mir Spaß macht. Wenn sich alles gegen mich wendet und das Spiel mir keine Freude mehr macht, trete ich ab.

Standard: Und danach?

Anand: Ich weiß es nicht. Vielleicht mache ich ein Jahr Pause und denke über meine Zukunft nach. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.5.2009)

 

Zur Person: Viswanathan Anand (39) ist der amtierende Schachweltmeister, stammt aus Chennai (früher Madras) und ist Brahmane. Die Grundzüge des Schachs hat Anand im Alter von sechs Jahren von seiner Mutter gelernt. "Vishy", wie seine Freunde ihn nennen, ist mit Aruna verheiratet, die ihn auch managt. Anand war auf Einladung von Tetra Pak in Wien.

weitersagen:
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The Madwack
14.05.2009 17:37
Da sieht man wieder

das Wissen und Intelligenz zwei unterschiedliche Sachen sind. Ich wuste vor zwei jahren schon längst das die Wirtschaft kollabieren wurde und ich wuste auch wie, und doch bin ich eine einfache Niederländer mit durchschnittlichen IQ, kein Wirtschaftspezialist und über Schach fang ich noch nicht mal an. Und falls sie es wissen möchte, die Wirtschaft wird sich nicht erholen. Der Grund ist sehr einfach: Peak oil!

luilui
14.05.2009 14:23
der Mythos lebt

in den Köpfen der Unbeirrbaren:
http://global4wards.blogspot.com/search?q=myth

chiwato
14.05.2009 13:42
"Das Gerede vom rationalen

Verhalten der Märkte ist Nonsens."
wär schön, wenn sich das rumsprechen würde.

Al Berto
14.05.2009 07:59

bei allem respekt: wirtschaft ist nicht sein thema.

man kann ein komplexes sozio-ökonomisches system nicht einfach so mit einem spiel zwischen 2 personen vergleichen, auch wenn es ein absolut geiles spiel ist.

schach ist auch in gewisser weise fairer als das ökonomische system; beide spieler starten gleichwertig.

boerney
14.05.2009 12:20
Beide Spieler starten nicht gleichwertig!

Weiß zieht zuerst und ist daher im ein wenig im Vorteil ... abgesehen davon, hat Anand deutlich gemacht, daß er zwischen Schach und Wirtschaft unterscheidet.

fallen angel
14.05.2009 10:33

wenn ich richtig gelesen habe, sind das aber genau seine worte: "die reale welt ist ungleich komplexer..."
womit er ja völlig recht hat, obwohl das schachspiel selbst schon sehr komplex erscheint - und dann wird gerade in der wirtschaft versucht, reale abläufe/märkte spieltheoretisch zu modellieren.

Dr. Socrates
14.05.2009 09:25
die fragen

sind aber auch selten schwach.

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