Rettet den Life Ball!

Versuch über die Domestizierung des Life Balls, aus der - natur­ge­mäß subjektiven - Perspektive eines langjährigen Besuchers - Oder: Plädoyer für eine Rückkehr zu den anfänglichen hehren Zielsetzungen - Eine Provokation - Von Gregor Auenhammer

Wie konnte es dazu kommen, dass die geniale, extravagante, fantastische, barocke, hedonistische Vision des Life Ball, der als weltweit einzigartiges kosmopolitisches Statement ins Leben gerufen wurde, zum kosmoproletischen Event geraten konnte?

Es gehört zu den Meriten des damaligen Wiener Bürgermeisters Helmut Zilk, dass er Gery Keszlers Idee, angesichts ansteigender Infektions- und Todesfälle, infolge des HI-Virus, eine Charity zugunsten der Aids-Hilfe zu veranstalten, sofort unterstützte. Obwohl beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindend, erfuhr der Ball sofort Kultstatus, trug dem bislang als konservativ und traditionalistisch bekannten Wien den Nimbus der Modernität, des Pluralismus, der Offenheit in gesellschaftspolitisch relevanten Positionen, der Toleranz für ausgegrenzte Minderheiten ein.

Unvergessen die ersten Fashion-Shows von Galliano, Gaultier, Mugler mit subtil extravaganten, eleganten Elementen, die von Ästhetik, Enthusiasmus, Fantasie und exhibitionistischen Provokationen geprägt waren. Unvergessen Dagmar Kollers (un-)beabsichtigtes Nipple-Gate, der Auftritt der Kessler-"Drillinge", Cicciolinas Performance, oder das exzessiv-körpernahe Duett Jimmy Somervilles mit dem göttlichen Marc Almond, Donna Summers I feel love interpretierend. Unvergessen die von Spontaneität und Verve geprägten Shows, deren Pannen gleichgültig waren, aufgrund des ehrlichen Bemühens um die Sache selbst. Unvergessen Falcos letzter Live-Auftritt, geprägt von Dekonstruktion und Verweigerung. Unvergessen Keszlers Pathos, seine liebenswürdige Er- und Aufgeregtheit, authentische Rührung bei seinen nach Worten ringenden Danksagungen, gleichzeitigen Warnungen vor der Verbreitung des tödlichen Virus.

Dem Life Ball war gelungen, der Ignoranz und Intoleranz einen Kontrapunkt in Form eines schrillen, lebensbejahenden Festes entgegenzusetzen. Die Reaktionen waren von öffentlicher Erregung, von Aufregung, von kollektiver erektiler Dysfunktion der prüden Doppelmoral eines hysterischen Landes und von internationalen Hymnen an die Offenheit Wiens geprägt. Dissonanzen inklusive.

Die Shows waren im Endeffekt aber nur Epitheton ornans - schmückendes Beiwerk - zu den eigentlichen Protagonisten: einer symbiotischen Melange weltoffener, pluralistisch gesinnter Menschen. Die homo- und heterosexuell orientierte, oft als "gay" titulierte Community gefiel sich in ästhetischer Exzentrik, im Ausleben, Präsentieren verschiedener Gesichter, unterschiedlicher Identitäten, ohne die in der Öffentlichkeit des Alltags projizierten, oft notwendigen Masken, jenseits gängiger Geschlechter- und Rollenklischees. Ein wundersames Kaleidoskop verwandelte das mieselsüchtige, bornierte und prüde Wien in ein Tollhaus zwischen Voyeurismus und Exhibitionismus. Explizite Nacktheit gab es damals wie heute. Es macht aber einen großen Unterschied, ob man sich Gleichgesinnten gegenüber exponiert, sich ver-/ent-kleidet präsentiert oder bloß als Staffage einer live im TV übertragenen Freak-Show dient.

Provokation & Dekonstruktion

Der Life Ball erlitt im Laufe der Jahre ein österreichisches Schicksal. Wer, trotz heftiger Anfeindungen, wegen Verletzung der guten Sitten, des Anstands, der Prüderie nicht zu Fall gebracht werden kann, wird mittels vereinnahmender Umarmung zu Tode geliebt. Die Erregungen wurden kanalisiert, die psychologisch interessanten fantasievollen Konvertierungen eines Ichs zu einem anderen Ich oder Über-Ich wurden mittels postulierter Mottos wie "Märchen" und "Weltall" zu Kostümierungen degradiert, pervertiert. Durch billige Pappnasen und bunte Perücken mutierte der Life Ball zum Villacher Fasching.

Politiker und B-Promis sonnen sich genüsslich in den Scheinwerfern der Fernseh- und Fotokameras. Die Plebs zieht am frühen Abend direkt von der Donauinsel hinter die Gitter der Absperrungen, begafft Menschen wie wilde Tiere. Statt eines politischen Statements wird Nacktheit zur Mutprobe. Die Neidgenossenschaft hat längst das Zepter übernommen. Porn-Chic trifft Gemeindebau. Die Community der Passionierten bleibt zu Hause oder beschreitet den Seiteneingang. Einen Wendepunkt stellt die - gut gemeinte - Öffnung des Balles nach außen dar. Der Versuchung erlegen, Spendengelder Superlativen zuzuführen, verlegte Keszler das Spektakel auf den Rathausplatz - und öffnete damit der Promiskuität, wortwörtlich, Tür und Tor. Mit der Anbiederung ging das Engagement des kantenlosen Faserschmeichlers Elton John einher, der den Life Ball als Werbe- und Projektionsfläche eigener Anliegen nutzte.

Die ursprüngliche Community hat sich mittlerweile abgewandt, herrliche Damen reisen lieber des Winters zum Flug der Colombina am Beginn des Carnevale di Venezia zum Ballo del Doge oder ins verschwiegene Café Florian, jenseits der Massen. Auch die Schmerzensdiener ziehen sich smart aus dem Rampenlicht zurück. Sogar ernsthafte gesellschaftspolitische Anliegen, wie die Forderung nach Ehe für gleichgeschlechtliche Paare werden mittels Verkitschung in einer "Wedding Chapel - sponsored by XY", zum Show-Act degradiert, persifliert. Mit dem Verlust der Intimität durch die breite Öffentlichkeit ging der subtil exzentrische Mythos des Underground verloren, mutierte zum erotisierenden Mainstream-Faschingsgschnas.

Kontroversielle Kritik muss möglich sein. Ansonsten desavouiert sich das grundsätzlich humanitäre und intellektuelle Anliegen des Protagonisten und dessen Schöpfung, degradiert das Fest der Toleranz zum populistischen Event persönlicher Eitel- und Befindlichkeiten. Bei aller Hochachtung und Wertschätzung für Gery Keszlers Bestreben nach Optimierung der Spendengelder, ist es beschämend, dass ein gesellschaftspolitisches Statement, das hedonistisches Treiben mit sozialem Bedenken perfekt vereint hatte, zum sich prostituierenden Event auf dem roten Teppich verkam.

Wider Ignoranz & Intoleranz

Eine Entschuldigung, entstanden aus dem Streben nach rekordträchtigen Spendengeldern einerseits, der hohen Diplomatie der Einladungspolitik andererseits, sei konstatiert: "Die Geister, die man rief, wird man nicht mehr los". Versuchte Keszler in den ersten Jahren oft vergeblich, internationale und heimische Prominente und Politiker als Testimonials zu gewinnen, wandte sich das Blatt, und viele reklamieren sich heute ungebeten in den Programmablauf.

Als Conclusio bleibt zu hoffen, dass die Veranstalter sich besinnen mögen, den einzigartigen, wundervoll exzentrischen Ball wieder, mittels opulenter Sinnlichkeit und notwendiger Ernsthaftigkeit, reduziert auf die anfänglichen Ziele - Toleranz, soziale Verantwortung und Lebensfreude - mit Sinnhaftigkeit und Leben zu erfüllen. Vielleicht gelingt, à la longue, wieder die Metamorphose vom grotesk-bizarren Medien-Hype der Spaßgesellschaft zurück zum ursprünglich politisch motivierten, ernsthaft-sinnlichen Kult-Happening. Wider die Intoleranz. (Gregor Auenhammer, DER STANDARD Print-Ausgabe, 13.05.2009)

 

ZUR PERSON:

Gregor Auenhammer, geboren 1966 in Wien, verheiratet, Vater zweier Kinder, seit 1988 Produktionsplaner des Standard.

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Man soll nicht vergessen, dass der erste bekannte

AIDS tote KLAUS NOMI war, der wie kein anderer auf den LIFEBALL gepasst hätte. Also, der LIFEBALL ist - als Symbbol - keine Warnung, sondern ein AIDS - Heimspiel, daran gibts es aber schon überhaupt nichts zu rütteln, schliesslich sind mittlerweile ein paar Jahre vergangen, in denen man dazulernen hätte können. Aber Keszler und Co. fällt nach wie vor nichts anderer ein als stur auf dem Tuntentum zu beharren, das jeder mit AIDS assoziiert. Das ist sein gutes recht, er soll nur das Thema AIDS etwas weniger vereinnahmen. Es gibt tausende, die sich ernsthafter, wenn auch unauffälliger, mit dem Thema auseinandersetzen.

>wenn auch unauffälliger, mit dem Thema auseinandersetzen.

vielleicht gehts genau darum, aufffällig zu sein. was bringt eine charity-veranstaltung wenn niemand hingeht...

Eigentlich

haben ich, meine Familie, Freunde und Bekannten andere Sorgen

und die wären ?

diese frage

ist aber jetzt wohl wirklich nicht mehr ernst zu nehmen !!

wieso kann man die fotos nicht vergroessen?

progressive "gute alte zeit"

Schon irgendwie witzig, wenn Progressive der "guten alten Zeit" nachweinen. Leider hat der Kommentator den wichtigsten Punkt völlig außer acht gelassen: AIDS.

Der Ball entstand inmitten einer Zeit, wo Aids noch eine rätselhafte Todesseuche war, die sich vor allem unter Homesexuellen verbreitet hat. Der Life Ball war so etwas wie die verzweifelte Lebensrevolte einer Szene, die plötzlich mit dem Tod konfrontiert war.

Heute hat Aids in Österreich den Schrecken verloren und ist kein Todesurteil mehr, gestorben wird daran in Afrika und Asien. Daher fehlt dem Fest diese Grundlage.

Kezsler reagierte auf diese Wandlung mit Promis und Show. Zu einem Aidsfest würde heute sonst nichtmal der Standard kommen.

dem fest fehlt keine grundlage

solange hiv+ und an aids erkrankte auch in österreich ausgegrenzt werden. ausserdem sehe ich es als verpflichtung auch menschen ausserhalb österreichs zu helfen. der überwiegende teil der erwirtschafteten spendengelder geht an dementsprechende projekte ins ausland. und wenn ich durch nackte ärsche, brüste und sonstigen wahnsinn jemanden in einem drittland das leben erleichtern kann, dann ist das doch ok, oder ?

leider fehlt dem fest nicht die grundlage

nur weil man nicht stirbt, heisst es noch lange nicht, dass es keine ausgrenzung mehr gibt, egal ob HIV+ oder bereits ausgebrochene aids-erkrankung. ausserdem wird nicht nur für kranke in österreich gesammelt sondern vor allem für projekte in schwer betroffene länder, die leider aus welchen gründen auch immer keine deratige versorgung und unterstützung haben wie hier.

Vielen herzlichen Dank fuer diesen genialen Artikel!

Sieht irgendwie aus...

wie die jährliche Leistungsschau der gehobenen Erwachsenenunterhaltung. Ich bin nicht gänzlich sicher, dass diese Maßnahme die Vorsicht vor einer HIV-Infektion wirklich erhöht.

wie ein faschingsgschnas im swinger club-nur ein bisserl aufgeblähter

"Gregor von?..."

was haben sie arroganter schnösel bloß gegen (publikum aus) gemeindebauten,donauinsel und "die plebs"(von ihnen völlig ironiefrei so genannt)einzuwenden?

also ich find den Lifeball totaluresupi


Ich war schon in den 80er Jahren auf den damals legendären ÖKISTA Gschnas, wo es ordentlich rund gegangen ist.

Der Lifeball ist ähnlich, nur mit viel mehr Glamour, Prominenten, schönerem Rahmen, besser organisiert und politisch korrekt.

Wer hat oder wer kennt jemanden, der die Karten über SMS zugelost bekommen hat???

Nachdem wir es nun wieder einmal mit über 20 Handys erfolglos probiert haben Style oder auch normale Karten zu bekommen, habe ich nun meine Beziehungen spielen lassen und doch 2 Karten bekommen.

Alle meine Bekannten, die hingehen werden, haben auch entweder einen Tisch oder die Karten von anderen Bekannten, aber ich kenne KEINEN, der die Karten über das SMS Gewinnspiel bekommen hat.

Bitte stellt meinen Glauben an die gute Sache wieder her und teilt mir mit, ob Ihr oder Freunde von Euch auf dem "richtigen" Weg Karten bekommen haben.

(Stimmt schon, ich gewinne eigentlich nie was)

ein freund von mir und ich habens auch mit ca. 20 telefonnummern probiert, aber nix zugelost bekommen

Sich schnoferliehend abgrenzen im noblen Kampf gegen die Abgrenzung


Ignoranz & Intoleranz im Zeichen des (Alibi?-)Anliegens wider Ignoranz & Intoleranz.

Es scheint mir perfide, was der Autor zwischen den Zeilen (und auch mit seiner Wortwahl) vermittelt. Das tumbe Fußvolk möge ausgegrenzt und ausgesperrt werden, damit man im elitären Kreise seine Botschaft wider Ausgrenzung und Aussperrung ... ja, was eigentlich? Vermittelt? Wem vermittelt? Sich selber gegenseitig unter den erlesenen Besuchern?

Resp. was zum Teufel heißt denn hier "Besucher"?! Man SELBST ist doch die Hauptattraktion. Alles sonstige: Peripherie! Epitheton ornans - schmückendes Beiwerk. All die Stars und Shows, DIE müssten doch Eintritt zahlen, der ... blökenden Schafsherde, wo jedes Schaf sich als erlesenstes Zentrum des Universums sieht.

hm

ich denke resi tant, dass es herrn auenhammer weniger um das was und wer sondern hauptsächlich um das wie des lifeballs geht. öffentlich ein statment zu machen ist eine sache, fleischbeschau für die massen (von ihm plebs genannt) eine andere. er scheint davon überzeugt, dass der event ohne jenen menschenauflauf autentischer ist.

Kann man sich an diesen Damen verletzen?

Na, wenn's der hehren Sache dient...

nur kriegt man die nicht ohne dem weissbrot

Halbwertszeit

Guter Kommentar, aber ob eine Rückkehr zur Provokation möglich ist, bezweifle ich. Die früheren Life-Bälle mitunter fulminant-provokant, seit einiger Zeit am Level von einem Maturaball im Fasching "with an tried attitude" - au weia! Das mit dem neuen Zyklus: gääähn. Als nächstes nach den vier Elementen: die zwölf Apostel, die Jahreszeiten, das Falco-Special und irgendwann wird dann ein Sponsorthema übernehmen. Der Ball hat seine Zeit gehabt, auf zu neuen Ufern!

Ich bin mir ja nicht sicher, ob die "gute alte Zeit" des Life Ball nicht nur die Projektion der Hoffnungen und Wünsche einiger weniger waren - wie z.B. des Autors.

Im Grunde wars von Anfang an eine Ego-Show. (Ob es das Ego der Besucher oder des Veranstalters war, das gestreichelt werden sollte... vielleicht beides.) Die Spenden, das mit viel Gewalt aufgepfropfte "Statement"... für einen Außenstehenden war das doch alles von Beginn an nicht stimmig.

Das Kind ist gewachsen, die Hoffnungen der ersten Besucher haben sich nicht erfüllt... und sie suchen die Begründung dafür bei einer angeblichen "Veränderung" der GK-Show statt zu hinterfragen, ob nicht schon vom ersten Moment alles so war, wie man es jetzt ohne rosa Brille erkennen muß.

wunderbar geschrieben

danke, Sie haben in der tat stil.

rückkehr zur provokation???

findet der p.t. autor es so schlimm, dass der provokative effekt eines outings als homosexueller oder als hiv-positiver in unserer gesellschaft geschrumpft ist? beides ist für breite gesellschaftsschichten kein tabu mehr - da sollte man eigentlich denken, dass das gut ist.

wenn man mit den bisherigen themen provozieren will, könnte man den live-ball als open-air event am brunnenmarkt, beim meiselmarkt oder beim viktor-adler-markt abhalten.

wenn man aber in der "high society" provozieren will, wird man sich anderer themen annehmen müssen: mit pädophilie, antisemitismus, faschismus und inzest wäre dies durchaus möglich. ob aber provokation der provokation wegen wirklich sinnvoll ist, ist eine andere geschichte.

Brilianter Kommentar!

Ins Bild passt, dass der Life-Ball heuer erstmals live vom ORF übertragen wird (quasi als "live-Ball") - man kann sich "reinzappen", die vermeintich "g'spinnerten" wie im Zoo beobachten und dann mittels eigener Phantasien in die Meinung hineinsteigern der Ball diene nicht der Prävention, sondern der Verbreitung von HIV (s. einige Poster unten und Niki "Thailand-Flieger" Lauda). Das macht den Life-Ball kaputt.

Nebenbei wird dafür der ESC im Fernsehen abgesetzt, was auch ein Unglaublicher - aber typisch österreichischer - Vorgang ist: "Weil wirs nicht schaffen, is des eh alles a Schaaß und wir machen nicht mit"

(s.o.: "was nicht kaputt gemacht werden kann wird zu Tode umarmt" - und umgekehrt!)

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