Ein Baustein für das große Universum-Modell

12. Mai 2009, 17:34
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An der Uni Innsbruck wurde ein neuer Superrechner in Betrieb genommen - die Astrophysikerin Sabine Schindler will damit die Entstehung von Sternen genauer simulieren

Standard: Galileo Galilei war vor 400 Jahren der erste Mensch, der durch ein Fernrohr in den Himmel schaute. Was würde er heute machen?

Schindler: Er wäre Mathematiker, Physiker und Astronom, vielleicht nur einer von vielen. Mit der ersten Himmelbeobachtung vollzog er ja einen Technologiesprung. Heute ist das so, wie von einem kleineren Teleskop zu einem größeren, leistungsstärkeren zu wechseln.

Standard: Johannes Kepler war wohl eher der Theoretiker.

Schindler: Ja, er hat die Beobachtungen seiner Kollegen als Basis für seine Überlegungen zu Planetensystemen genommen. Wenn man so will, würde er wohl heute Astrophysik mit dem Schwerpunkt Simulation am Computer betreiben. Damit repräsentieren Galilei und Kepler heute die beiden wichtigsten Methoden unserer Wissenschaft. Die Himmelsbeobachtung braucht man als Input für Modellierungen, um mit realistischen Daten rechnen zu können. Die Ergebnisse daraus nützt man, um Beobachtungen besser interpretieren, ja überhaupt erst verstehen zu können.

Standard: Kepler hätte also seine Freude mit dem neuen RechnerLeo II gehabt, der seit kurzem an der Uni in Betrieb ist. Was kann er, was Vorgängermodelle nicht konnten?

Schindler: Er kann aufwändigere Simulationen durchführen als sein Vorgänger. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wir haben nachgewiesen, dass Galaxien Gas verlieren. Außerhalb der Galaxie kommt es dann zu einer Verklumpung, es entstehen neue Sterne. Wir wollen aber mehr zeigen als nur die Tatsache, dass es dieses Phänomen gibt. Da gibt es viele offene Fragen. Zum Beispiel: Wie viele Sterne entstehen auf diese Weise "zwischen" den Galaxien? Für die möglichst exakte Beantwortung brauchen wir eine hohe Rechnerleistung.

Standard: Möglichst exakt heißt was?

Schindler: Wenn wir wissen wollen, wie Galaxien entstanden sind und welche Wechselwirkung es zu ihrer Umgebung gibt, müssen wir immer Annahmen und Vereinfachungen machen. Das Ergebnis wird nicht hundertprozentig exakt. Es wird aber mit stärkeren Computern genauer, deswegen habe ich mich ja auch um den neuen Rechner bemüht, der aber nicht nur der Astrophysik, sondern insgesamt 29 Instituten aus zehn Fakultäten zur Verfügung steht.

Standard: Warum ist dieses Wissen über einzelne Galaxien eigentlich so wichtig? Ist das die zentrale Herausforderung an die Astrophysik?

Schindler: Die Astrophysik ist ein so breites Feld. Da kann man nicht von der zentralen Herausforderung sprechen. Aber durch das Wissen über Galaxien lernen wir, das Universum als Ganzes zu verstehen. Wir bekommen einen Baustein für das ganz große Modell. Die neuen Teleskope helfen uns dabei, in die Frühzeit des Universums zu schauen. Auch die morgen startende Weltraumteleskop-Mission Herschel/Planck macht das. Wir können also immer präziser die verschiedenen Entwicklungsstadien vergleichen. Derzeit tut sich viel in der Astrophysik, man spricht vom Goldenen Zeitalter.

Standard: Gerade in diesem Zeitalter ist Österreich zur Europäischen Südsternwarte beigetreten. Besteht die vergangenes Jahr spürbare Aufbruchsstimmung noch immer?

Schindler: Ja. An den Unis können neue Professuren eingerichtet werden, in Kollegs werden junge Astronomen auf die Nutzung der großen ESO-Teleskope eingestellt. Ich merke auch, das immer mehr Nachwuchs Interesse an unserem Fach zeigt. Wobei die Astrophysik vielleicht eine Einstiegsdroge sein könnte, um mehr Studenten für Naturwissenschaften insgesamt zu interessieren. Wer Astronomie macht, muss ja auch sehr viel Ahnung von Mathematik und Physik haben. Der Boom wird freilich auch die zahlreichen raschen Technologie- und Erkenntnissprünge der jüngsten Zeit ausgelöst. Studenten sehen, was in unserem Fach nun möglich ist, und das ist bedeutend mehr als romantisches Sterneschauen.

Standard: An Ihrem Institut wird auch Teilchenphysik betrieben. So sehr Sie der ESO-Beitritt freut, so sehr müssen Sie ja den Austritt aus dem Kernforschungszentrum Cern bedauern ...

Schindler: Ich möchte das eine mit dem anderen nicht aufwiegen. Natürlich ist der Austritt sehr zu bedauern. Bei allem Verständnis für die Finanzierungssorgen des Staates frage ich mich schon, warum da nur das Wissenschaftsministerium zahlen muss. Die Kooperation mit Cern bringt der heimischen Wirtschaft durch Aufträge einen Rücklauf, es bringt, weil Cern den europäischen Gedanken umsetzt, letztlich auch außenpolitische Reputation. Die beiden zuständigen Ministerien sollten daher auch zur Kassa gebeten werden. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 13. 5. 2009)

Zur Person
Sabine Schindler (48), geboren in Erlangen in Deutschland, leitet seit 2004 das Institut für Astro- und Teilchenphysik der Uni Innsbruck und nun auch die Plattform zur Nutzung von Leo II. Davor war sie unter anderem am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik.

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    Astrophysiker erwarten sich von neuen Teleskopen neue Einblicke ins Universum: Diese Aufnahme des betagten Hubble-Teleskops zeigt den planetarischen Nebel NGC 2818.

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    Die Astrophysikerin Sabine Schindler forderte schon länger den Beitritt zur Europäischen Südsternwarte ESO, am 1. 6. 2008 war es dann so weit.

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