Prag baut seine Barrieren ab

11. Mai 2009, 17:53

Österreichischer Preis für tschechische Behinderten-NGO

Prag/Wien - Die Reaktion des Busfahrers empörte die Prager Stadträtin Petra Kolínská: Sie saß im Rollstuhl und bat den Busfahrer, die Rampe auszufahren, damit sie zusteigen konnte. Kolínská: "Da murmelte er irgendetwas vom ,bequemen Leben von Leuten mit Behindertenpension‘." Die Stadträtin war "probeweise" im Rollstuhl gesessen, um die Barrierefreiheit ihrer Stadt zu testen. Nun war sie überzeugt: "Wir müssen dringend etwas unternehmen."

Kolínská hatte an einem Projekt der Hilfsorganisation "asistence" teilgenommen. Die NGO, die seit 1995 behinderten Menschen in Prag Service und Hilfe in ihrem täglichen Leben anbietet, startete unter dem Titel "Wir halten zusammen" ("Jedeme v tom s Vámi" ) eine groß angelegte "Rollstuhl-Aktion" , mit der Prags öffentlicher Verkehr barrierefrei werden soll.

Systematisch schreiben "asistence" -Mitarbeiter Prominente, Politiker, Journalisten und Beamte an und bieten ihnen an, sie einen Tag lang zu begleiten. Die Bedingung: Diese müssen ihre üblichen Wege im Rollstuhl zurücklegen. Einige hundert Prager haben bereits mitgemacht. Der Erfolg gibt "asistence" recht: 10.500 Prager Bürger haben kürzlich die Stadtregierung mittels Petition aufgefordert, den öffentlichen Verkehr "für alle zugänglich" zu machen. Die zahlreichen Unterschriften beeindruckten Prags Magistrat offenbar: Eine Taskforce wurde eingerichtet.

Das Engagement der Prager Barrieren-Wegräumer überzeugte auch die Jury der "Sozialmarie" , einer österreichischen Stiftung zur Unterstützung sozialer Anliegen: Anfang Mai wurde "asistence" für das Rollstuhl-Projekt mit einem Geldpreis ausgezeichnet.

Barrieren aller Art gibt es zuhauf: Als "asistence" die Pädagogische Fakultät der Karlsuniversität um Kooperation ersuchte, rührten die meisten Professoren keinen Finger - nur die Studenten machten begeistert mit. 24 U-Bahn-Stationen in Prag sind für Rollstuhl-Fahrer noch immer nicht betretbar, weil es keinen Lift gibt. Einige hundert Straßenbahn-Garnituren verfügen über keine Rampen. (stui/DER STANDARD, Printausgabe, 12.5.2009)

 

pepitschek1
00
16.6.2009, 11:05
jedeme v tom s Vámi

heißt nicht nur wir halten zusammen, sondern auch "Wir fahren darin (im rollstuhl) mit euch mit". ein witziges wortspiel im tschechischen, wär schad wenn das untergehn würd.

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