"Niemand in Washington kann das Kriegsziel nennen"

11. Mai 2009, 17:50
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    foto: standard/corn

    Tariq Ali: Die Taliban sind zum paschtunischen Widerstand geworden, der immer breitere Teile der Bevölkerung vertritt.

Um ihren Krieg in Afghanistan aufrechtzuerhalten, nehmen die USA die Destabilisierung Pakistans in Kauf, sagt Tariq Ali im STANDARD-Interview

Aber nur ein regionaler diplomatischer Ansatz kann helfen. Mit Ali sprach Gudrun Harrer.

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STANDARD: Wie schätzen Sie die heute oft beschworene Gefahr ein, dass Pakistan kollabiert und die Atomwaffen in die Hände von Extremisten geraten?

Ali: Vieles davon ist alarmistisches Gerede, mit dem Washington die pakistanische Armee unter Druck setzen will. Die Atomwaffen sind bestens von der Armee bewacht, es gibt keine Gefahr, dass sich Extremisten ihrer bemächtigen könnten. Gefährlich könnte es nur werden, wenn es zu einer Spaltung der pakistanischen Armee kommt - was nicht passieren wird, wenn die USA den Krieg in Pakistan nicht weiter eskalieren.

Was wir sehen ist, dass der Krieg in Afghanistan schrecklich schiefläuft und dass die USA meinen, dass die Lösung dafür in Pakistan liegt - sie liegt jedoch in Afghanistan selbst, für das die Nato eine Exitstrategie finden muss. Den Krieg auf Pakistan auszuweiten ist gefährlich.

STANDARD: Nach wie vor ist für die US-Regierung Taliban und Al-Kaida mehr oder weniger dasselbe. Was halten Sie davon?

Ali: Das ist verrückt, völlig falsch. Al-Kaida ist heute eine winzige Gruppe. Die Neo-Taliban verkörpern den Widerstand gegen die Besetzung Afghanistans, mehr und mehr vertreten sie die paschtunischen Stämme, als paschtunischer Widerstand. Die Geheimdienstberater von US-Präsident Barack Obama wissen das auch. Aber für die öffentliche Konsumation werfen sie alles in einen Topf. Dabei haben sie ein Jahr lang mit den Taliban verhandelt, die jedoch nicht in eine Regierung eintreten wollen, solange Afghanistan besetzt ist.

STANDARD: In Pakistan übergibt die Regierung zuerst den Taliban das Swat-Tal, dann fährt sie eine aggressive Militäroffensive gegen sie. Was steckt dahinter?

Ali: Im Militär gibt es eine Menge Opposition dagegen, die eigenen Leute zu töten. Viele Soldaten weigern sich, zu kämpfen oder einen zweiten Turnus zu absolvieren. An der Militärspitze weiß man das, und auch die verschiedenen pakistanischen Taliban-Fraktionen wissen das. Eine davon, die von Baitullah Massoud, steht dem Militär sehr nahe: Wie könnte man sonst erklären, dass er Islamabad besucht, auf Feste geht, wie ein Politiker agiert - und niemand unternimmt etwas gegen ihn? Das Militär steht vor einem politischen Problem: Sie wissen, dass die USA und ihre Alliierten nicht ewig bleiben werden, und sie wissen, dass sie danach die Trümmer wegräumen werden müssen. Warum also sollten sie sich die Menschen völlig entfremden, die sie brauchen werden, wenn es so weit ist?

Auf der anderen Seite müssen die Militärs den USA zeigen, dass sie etwas tun - und sie bekommen ja auch Geld dafür. So töten sie Menschen und zerstören Dörfer, sie haben bereits eine halbe Million Flüchtlinge produziert - und dann schicken sie die Rechnung ans Central Command in Florida.

STANDARD: Im Grunde führt Obama Bushs "war on terror" weiter, auch wenn er nicht mehr so heißt.

Ali: Was AfPak - Afghanistan und Pakistan - anbelangt, ist Obama schlimmer, denn er eskaliert den Krieg. Niemand in Washington kann mir sagen, was der Zweck ist, das wirkliche Kriegsziel. Was wollen sie? Sie wollen nur nicht gleich aus Afghanistan abziehen. Aber je länger sie bleiben, desto schlechter wird es. Ich habe den Obama-Beratern gesagt: Um die Besetzung eines Landes von 24 Millionen Menschen aufrechtzuerhalten, seid ihr bereit, ein Land von 180 Millionen zu destabilisieren. Wir werden schwer dafür bezahlen. Sie brauchen eine Exitstrategie. Nur die regionalen Kräfte können helfen, die Region zu stabilisieren, man müsste sie involvieren.

STANDARD: Sie haben die Geheimgespräche mit den Taliban, also paschtunischen Stammesvertretern, erwähnt - das erinnert daran, wie die USA im Irak die zuvor aufständischen sunnitischen Stämme gekauft haben. Das half kurzfristig - hat aber neue Probleme gebracht.

Ali: Der große Unterschied ist, dass sie im Irak eine Gruppe benützt haben, um gegen eine andere zu kämpfen. Aber in Afghanistan gibt es nur eine Gruppe, die die USA bekämpft. Und diese Gruppe vertritt immer größere Teile der Bevölkerung. Was wir in Afghanistan brauchen, ist eine Koalitionsregierung, die alle Teile der Gesellschaft vertritt und die von Pakistan, Russland, Iran und im besten Fall auch Indien und China garantiert wird. So könnte es funktionieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.5.2009)

Zur Person
Tariq Ali, geboren 1943 in Lahore (damals British India, später Pakistan), kommt aus einer feudalen Politikerfamilie. Er studierte in Großbritannien (wo er heute lebt) Philosophie und Politik, wurde in den 1960ern in der Neuen Linken aktiv und engagierte sich u. a. gegen den Vietnam-Krieg. Der Filmemacher und Publizist ist Autor zahlreicher Bücher, sein jüngstes heißt "Pakistan. Ein Staat zwischen Diktatur und Korruption." Tariq Ali spricht am Dienstag um 19 Uhr im Kreisky-Forum über AfPak, Moderatorin ist Standard-Redakteurin Gudrun Harrer.

Kommentar posten
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Nine-Nine
 
01
13.5.2009, 14:20

Glaubt Ali ernsthaft, der Abzug der ISAF würde das Land und die Region stabilisieren? Das wäre doch für die Taliban und alle ihre Sympathisanten nur der eindeutige Beweis, daß ihre Methoden zum Ziel führen! Seit Monaten versuchen sie, sich in Pakistan zu etablieren, und ausgerechnet wenn sie den Krieg gewinnen und Afghanistan an sie fällt, sollen sie damit aufhören?

ghostworld
00
13.5.2009, 17:08

"Seit Monaten versuchen sie, sich in Pakistan zu etablieren, und ausgerechnet wenn sie den Krieg gewinnen und Afghanistan an sie fällt, sollen sie damit aufhören?"

Klingt reichlich verwirrt, der Satz. Wer genau ist hier mit "sie" gemeint?

Nine-Nine
 
00
14.5.2009, 11:27

Die Taliban.

ghostworld
00
14.5.2009, 13:48

Was ist dann falsch daran, dass sie (die Taliban) mit dem gewonnenen Afghanistan-Krieg die monatelange Etablierung in Pakistan aufhören?

Nine-Nine
 
00
15.5.2009, 13:58

Es wäre insofern nicht falsch, als daß es wünschenswert wäre. Es ist insofern falsch, als daß es nie passieren wird. Im Gegenteil, die Taliban würden ihren Sieg in Afghanistan als Zeichen Gottes werten und umso stärker nach Pakistan im Allgemeinen und ins Swat-Tal im Besonderen drängen.

ghostworld
00
15.5.2009, 14:35

Die fundamentalistischen Paschtunen (=Taliban) leben nach wie vor auf dem Gebiet des ehemaligen Paschtunistan, dass die Briten künstlich in West-Pakistan und Ost-Afghanistan getrennt haben. Unter den vielen wegen der amerikanischen Besatzung vertriebenen Afghani ist für sie ein leichtes, Menschen für den Widerstandskampf zu rekrutieren.

Da der Anteil der Paschtunen in der al-Qaida ziemlich genau 0 beträgt (der Verein besteht nämlich hauptsächlich aus Saudiarabiern), fragt man sich was die westliche Allianz von den Taliban will? Den Schmäh mit Demokratie und Freiheit glauben ja selbst die Naivsten nicht mehr. Wird wohl eher was mit Opium und Gas-Pipelines zu tun haben.

Nine-Nine
 
00
15.5.2009, 17:48

Abgesehen davon, daß der Westen wohl wenig Interesse am afghanischen Opium hat - was hat das mit meinen Posts zu tun?

ghostworld
00
15.5.2009, 19:31

Über 95% des weltweiten Drogenmarkts wird von Afghanistan aus beliefert. Der Hauptabnehmer ist "der Westen", im speziellen die USA. Die Taliban haben versucht, den Drogenanbau zu verbieten und haben die ganzen Felder abbrennen lassen. Durch die Besatzung der "westlichen Allianz" ist der (Milliarden-Dollar-)Markt nun wieder angelaufen und niemand hat nun ernsthaft Interesse daran, dass die Taliban wieder mit ihren Fackeln aufkreuzen.

Deine Postings legen nahe, dass irgendein Clash of Cultures hinter der ganzen Aktion stecken würde, aber dafür hat der Westen weder Zeit, noch Geld oder Lust.

Nine-Nine
 
00
16.5.2009, 16:46

Warum sollen die westlichen Regierungen Interesse an einer steigenden Opiumproduktion haben? Steuerabgaben auf Heroin gibts ja schließlich nicht.

Abgesehen davon - wenn es nach den Taliban geht, ist das Ganze sehr wohl ein Krieg der Kulturen. Ob das die ISAF auch so sieht, ist eigentlich relativ wurscht.

ghostworld
00
17.5.2009, 01:24

Den Taliban ist der Westen prinzipiell völlig egal. Die wollen ihren "Gottesstaat" errichten und sehen dabei die westliche Allianz in erster Linie als Besatzung, die im Weg rumsteht.

Was den Krieg gegen den Terror betrifft... wenn Du denkst, dass die Amerikaner seit 8 Jahren Billionen an Dollars ausgeben, um nach dem unterirdischen Geheimstützpunkt von Bin-Laden zu buddeln, oder eine Finanz- und Weltwirtschaftskrise riskieren, um irgendeinem Völkchen in Mittelasien Frieden, Freiheit und Wohlstand zu bringen, dann bist Du eher simpel gestrickt. Die Kriegsausgaben müssen sich irgendwie rechnen, sei es durch militärstrategische Vorteile, Ressourcensicherung oder ähnliches.

Umfassend informieren kannst Du Dich hier:
http://tinyurl.com/pkzgts

Bender Rodriguez
16
12.5.2009, 13:46
Danke für dieses Internview

Klarer kann man das Problem Pakistans nicht zeigen.

Eine korrupte, alt eingesessene Elite die nicht versteht warum das Land unter ihrer Fuchtel zerbricht und die Antwort lieber in einfachen äußeren Feinden (Indien, USA...) sucht, als sich dem schmerzhaften Unterfangen zu stellen, einen demokratischen, toleranten und ökonomisch prosperierenden Staat aufzubauen.

Nicht das Missile Strikes auf diesem Weg viel bringen würden, aber das packtieren mit religiösen Faschisten und die de-facto Aufgabe staatlicher Souveräntität über weite Teile des Landes, helfen sich noch viel weniger.

So etwas übersteht kein Staat recht lange.

zensur passiert
33
12.5.2009, 13:35
ein Taliban, der Mann

robert kock
40
12.5.2009, 11:42

Jo, die Taliban, ähm Paschtunen, sind eh nett! Netter als die Amis! Uns so bodenständig!

alles was es dazu zu sagen gibt
00
12.5.2009, 15:16

taliban = paschtunen???

ein grossteil des forums spiegelt unglaubliches halbwissen wieder.

schiiten = sunniten ???



ghostworld
00
16.5.2009, 04:43

Es sind ja immer die Halbwissenden, die sich über andere Halbwissende beschweren, und dann selbst nicht einmal Quellen angeben können... also:

http://de.wikipedia.org/wiki/Taliban

"Taliban bezeichnet eine Bewegung radikaler Islamisten, von denen viele Anführer und Mitglieder in islamistischen Schulen in Pakistan von hochrangigen Paschtunen ausgebildet werden. Praxis und Ideologie der Taliban sind stark vom radikal-orthodoxen Islam (siehe Wahhabismus) und vom paschtunischen Nationalismus geprägt"

http://de.wikipedia.org/wiki/Paschtunen

"Die radikalislamischen Taliban wurden im von Paschtunen bewohnten Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan gegründet, und rekrutierten ihre Kämpfer hauptsächlich aus ihren Reihen"

MondXicht
01
12.5.2009, 14:49

Nur sind es halt die Paschtunen, die in Paschtunistan leben, nicht die Amis.

J H1
00
13.5.2009, 15:47
und der oesterreichische beitrag zur konfliktloesung

in pakistan besteht aus den siebenmalklugen standardpostern

Fritz Wunderlich
618
12.5.2009, 09:09

tja, eigentlich sollte er es besser wissen, oder?
Zia ul-Haq, die Konfrontation mit Indien, die ständigen Niederlagen gegen Indien, die Feudalwirtschaft, der islamistische Geheimdienst , die saudische Missionierung, Benachteiligung der Minderheiten und die Kosten der Atomkernspaltungsbomben destabilisieren Pakistan seit Jahrzehnten, ganz ohne die Afpak-Konzeption der USA.

t
02
12.5.2009, 13:53
das eine

widerspricht dem anderen nicht. Auch wenn Pakistan instabil ist (sogar gerade deshalb) sollten die USA nicht noch weiter destabilisierend wirken.

Fritz Wunderlich
22
12.5.2009, 15:07

äh, also der terrorangriff auf bombay war jetzt nicht eine destabilisierungsstrategie der usa, auch der kaschmir-konflikt nicht, die indische und chinesische außenpolitik spielen hier eine sehr große rolle, das saudische geld ebenso, denn saudische sympathisanten haben die entwicklung der a-technologie mitfinanziert, ebenso wie die deobandi-bewegung und wie die anderen alle heißen

nemo sander
00
12.5.2009, 13:18
Deine kurzanalyse: pakistan = muslimisch = schlecht

usa und deren politik in afghanistan und pakistan = gut.
fertig

Bruahaha
 
28
12.5.2009, 12:40
Naja, der Westen allen voran die USA ist offensichtlich sein Feind.

Daher ist an allem die USA Schuld und ansonsten der restliche Westen. Die Opfermasche kommt immer gut.

nemo sander
52
12.5.2009, 13:20
offensichtlich hast du a) keine ahnung von tariq ali

b) ein abgeschlossenes fundamentalistisch gefestigtes feindbild, in das du alle fakten reinpressen oder sie wegwischen willst.
das erspart dir die auseinandersetzung mit denselben.

alles was es dazu zu sagen gibt
00
12.5.2009, 11:27

und wer war verantwortlich für die trennung von indien und pakistan - auch ein paschtunischer stamm?

seit der staatsgründung pakistans haben die westlichen geheimdienste ihre finger im spiel --- oder glauben sie,
dass die pakistani die a-bombe ohne tolerierung (und Mithilfe) des westens bekommen hätte?

Fritz Wunderlich
01
12.5.2009, 15:03

tja, indisch-pakistanische grenze: die muslim-liga
außer du glaubst an das perfide albion und seine allmacht, sogar noch im rückzug grenzen diktieren zu können

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