Um ihren Krieg in Afghanistan aufrechtzuerhalten, nehmen die USA die Destabilisierung Pakistans in Kauf, sagt Tariq Ali im STANDARD-Interview
Aber nur ein regionaler diplomatischer Ansatz kann helfen. Mit Ali sprach Gudrun Harrer.
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STANDARD: Wie schätzen Sie die heute oft beschworene Gefahr ein, dass Pakistan kollabiert und die Atomwaffen in die Hände von Extremisten geraten?
Ali: Vieles davon ist alarmistisches Gerede, mit dem Washington die pakistanische Armee unter Druck setzen will. Die Atomwaffen sind bestens von der Armee bewacht, es gibt keine Gefahr, dass sich Extremisten ihrer bemächtigen könnten. Gefährlich könnte es nur werden, wenn es zu einer Spaltung der pakistanischen Armee kommt - was nicht passieren wird, wenn die USA den Krieg in Pakistan nicht weiter eskalieren.
Was wir sehen ist, dass der Krieg in Afghanistan schrecklich schiefläuft und dass die USA meinen, dass die Lösung dafür in Pakistan liegt - sie liegt jedoch in Afghanistan selbst, für das die Nato eine Exitstrategie finden muss. Den Krieg auf Pakistan auszuweiten ist gefährlich.
STANDARD: Nach wie vor ist für die US-Regierung Taliban und Al-Kaida mehr oder weniger dasselbe. Was halten Sie davon?
Ali: Das ist verrückt, völlig falsch. Al-Kaida ist heute eine winzige Gruppe. Die Neo-Taliban verkörpern den Widerstand gegen die Besetzung Afghanistans, mehr und mehr vertreten sie die paschtunischen Stämme, als paschtunischer Widerstand. Die Geheimdienstberater von US-Präsident Barack Obama wissen das auch. Aber für die öffentliche Konsumation werfen sie alles in einen Topf. Dabei haben sie ein Jahr lang mit den Taliban verhandelt, die jedoch nicht in eine Regierung eintreten wollen, solange Afghanistan besetzt ist.
STANDARD: In Pakistan übergibt die Regierung zuerst den Taliban das Swat-Tal, dann fährt sie eine aggressive Militäroffensive gegen sie. Was steckt dahinter?
Ali: Im Militär gibt es eine Menge Opposition dagegen, die eigenen Leute zu töten. Viele Soldaten weigern sich, zu kämpfen oder einen zweiten Turnus zu absolvieren. An der Militärspitze weiß man das, und auch die verschiedenen pakistanischen Taliban-Fraktionen wissen das. Eine davon, die von Baitullah Massoud, steht dem Militär sehr nahe: Wie könnte man sonst erklären, dass er Islamabad besucht, auf Feste geht, wie ein Politiker agiert - und niemand unternimmt etwas gegen ihn? Das Militär steht vor einem politischen Problem: Sie wissen, dass die USA und ihre Alliierten nicht ewig bleiben werden, und sie wissen, dass sie danach die Trümmer wegräumen werden müssen. Warum also sollten sie sich die Menschen völlig entfremden, die sie brauchen werden, wenn es so weit ist?
Auf der anderen Seite müssen die Militärs den USA zeigen, dass sie etwas tun - und sie bekommen ja auch Geld dafür. So töten sie Menschen und zerstören Dörfer, sie haben bereits eine halbe Million Flüchtlinge produziert - und dann schicken sie die Rechnung ans Central Command in Florida.
STANDARD: Im Grunde führt Obama Bushs "war on terror" weiter, auch wenn er nicht mehr so heißt.
Ali: Was AfPak - Afghanistan und Pakistan - anbelangt, ist Obama schlimmer, denn er eskaliert den Krieg. Niemand in Washington kann mir sagen, was der Zweck ist, das wirkliche Kriegsziel. Was wollen sie? Sie wollen nur nicht gleich aus Afghanistan abziehen. Aber je länger sie bleiben, desto schlechter wird es. Ich habe den Obama-Beratern gesagt: Um die Besetzung eines Landes von 24 Millionen Menschen aufrechtzuerhalten, seid ihr bereit, ein Land von 180 Millionen zu destabilisieren. Wir werden schwer dafür bezahlen. Sie brauchen eine Exitstrategie. Nur die regionalen Kräfte können helfen, die Region zu stabilisieren, man müsste sie involvieren.
STANDARD: Sie haben die Geheimgespräche mit den Taliban, also paschtunischen Stammesvertretern, erwähnt - das erinnert daran, wie die USA im Irak die zuvor aufständischen sunnitischen Stämme gekauft haben. Das half kurzfristig - hat aber neue Probleme gebracht.
Ali: Der große Unterschied ist, dass sie im Irak eine Gruppe benützt haben, um gegen eine andere zu kämpfen. Aber in Afghanistan gibt es nur eine Gruppe, die die USA bekämpft. Und diese Gruppe vertritt immer größere Teile der Bevölkerung. Was wir in Afghanistan brauchen, ist eine Koalitionsregierung, die alle Teile der Gesellschaft vertritt und die von Pakistan, Russland, Iran und im besten Fall auch Indien und China garantiert wird. So könnte es funktionieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.5.2009)
Zur Person
Tariq Ali, geboren 1943 in Lahore (damals British
India, später Pakistan), kommt aus einer feudalen Politikerfamilie. Er
studierte in Großbritannien (wo er heute lebt) Philosophie und Politik,
wurde in den 1960ern in der Neuen Linken aktiv und engagierte sich u.
a. gegen den Vietnam-Krieg. Der Filmemacher und Publizist ist Autor
zahlreicher Bücher, sein jüngstes heißt "Pakistan. Ein Staat zwischen
Diktatur und Korruption." Tariq Ali spricht am Dienstag um 19 Uhr im
Kreisky-Forum über AfPak, Moderatorin ist Standard-Redakteurin Gudrun
Harrer.